München - Ein tatarischer Krieger, der sich selbst der "weiße Mike Tyson" nennt, mit finsteren Augen, undurchsichtiger Biografie und verschlagener Miene: Wenn junge Boxer nachts schlecht schlafen, dann träumen sie vermutlich von Ruslan Chagaev. Dass der "nur" 1,85 Meter große Rechtsausleger einst sogar einen Riesen zu Fall brachte, dürfte für zusätzliche Schweißperlen sorgen.
Sieg gegen Nikolai Valuev das Highlight
Es war am 14. April 2007 in Stuttgart, als sich Chagaev gegen den knapp 30 Zentimeter größeren Nikolai Valuev den WBA-Gürtel des Weltmeisters im Schwergewicht erkämpfte. Das Highlight seiner Karriere - und mit Sicherheit auch sein bester Kampf.
Der gebürtige Usbeke war damals gerade 28 Jahre alt und galt nicht nur im Universum Boxstall in Hamburg, wo er lebte und trainierte, als kommender Mann. Seine Schlagfrequenz und die guten Kopf-Körper-Bewegungen erinnerten tatsächlich an Mike Tyson und brachten Chagaev bis dahin einen Rekord von 22 Profi-Kämpfen ohne Niederlage ein. Und nun war er ganz oben angekommen.
Genauso schnell allerdings sollte es auch wieder bergab gehen. Es begann im Herbst 2007 mit einer ominösen Magenerkrankung: Chagaev sollte eigentlich im Vereinigungskampf gegen WBO-Weltmeister Sultan Ibragimov boxen, musste den Kampf aber aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Sein Management sprach von einer "akuten Entzündung", in der Szene allerdings machten erstmals Gerüchte über eine Hepatitis-Infektion die Runde.
Krankheiten und Verletzungen stoppen Chagaev
Doch schnell wuchs Gras über die Geschichte, Chagaev verteidigte seinen Titel unspektakulär gegen den 40-jährigen Herausforderer Matt Skelton und plante den nächsten großen Fight, diesmal den Rückkampf gegen Valuev. Doch wieder musste der Weltmeister die Show platzen lassen, erst aufgrund einer "Virus-Erkrankung", den Ersatztermin dann wegen eines Achillessehnenrisses, den er sich in der Vorbereitung zugezogen hatte.
Die WBA erkannte ihm daraufhin den Titel ab und gab ihm stattdessen den Status als "Weltmeister im Wartestand" und damit das Recht, den neuen Champion herauszufordern. Also sollte es im Mai 2009 schließlich erneut zu einem Kampf gegen Valuev kommen, der sich während Chagaevs Verletzungspause den WBA-Gürtel schnappte.
Mediziner lassen Rückkampf gegen Valuev platzen
Und diesmal lief die Vorbereitung reibungslos: "Ich bin gesund, fit und bereit für den Fight", ließ der mittlerweile 30-Jährige wissen. Die Ärzte in Helsinki, wo der der Kampf stattfinden sollte, sahen das allerdings anders - und sorgten 30 Stunden vor dem ersten Gong für einen Eklat.
Die Mediziner hatten in Chagaevs obligatorischer Blutprobe Spuren von Hepatitis-B-Antigenen entdeckt und verboten daraufhin den Kampf aufgrund einer vermeintlichen Infektionsgefahr. Statt eines Schlagabtauschs im Ring kam es nun zu einer verbalen Schlammschlacht zwischen beiden Lagern.
Die russische Seite sprach von Fahrlässigkeit und fehlendem Verantwortungsbewusstsein. Universum hielt mit Verschwörungstheorien dagegen. Chagaevs Ärzte bestätigten zwar den Befund des finnischen Labors, machten aber geltend, dass sich aus den Werten weder eine Erkrankung und noch eine Ansteckungsgefahr ableiten ließen. Ihr Schützling habe die Antigene zwar schon seit einer Ansteckung 2006 im Blut, aber sämtliche relevanten Werte seien weit unter den gängigen Toleranzgrenzen. Das Virus selbst sei gar nicht im Blut vorhanden.
"Eine Infektion heißt nicht gleich Krankheit. In den letzten Jahren konnten in wiederholten Spezial-Tests keine zirkulierenden Viren oder Virus-DNA nachgewiesen werden. Ruslan ist daher als nicht infektiös anzusehen", insistierte Universum-Arzt Michael Ehnert.
Kampf gegen Wladimir Klitschko
Tatsächlich wurde bekannt, dass sich Chagaevs Blutwerte nicht von denen von 2007 unterschieden. Auch damals schon waren Spuren von Antigenen bekannt, nur störten sich daran weder die Ärzte noch das Lager von Valuev. Entsprechend unverhohlen äußerte Universum-Sprecher Dietmar Poszwa den Verdacht: "Wir haben den Eindruck, dass irgendjemand Ruslan Chagaev aus dem Weg haben will. Seit 2006 hat sich niemand für das Thema interessiert. Und jetzt kommt es plötzlich und aus dem Nichts unmittelbar vor dem Kampf."
Chagaev musste die Entscheidung am Ende akzeptieren. Er fühlte sich um eine faire Chance betrogen - und bekam unerwartet eine neue. Weil auch David Haye seinen WM-Kampf aufgrund einer Verletzung absagen musste, sprang er nur wenige Tage nach dem Schock von Helsinki" als Ersatzmann ein. Sein Gegner hieß Wladimir Klitschko - und interessierte sich nicht für die Antigene: "Ich bin geimpft." Thema erledigt. Auch die deutschen Ärzte folgten der Argumentation von Universum und ließen den Kampf ohne weitere Bedenken zu.
Vor 60.000 Zuschauern in der Veltins Arena auf Schalke kam es nun tatsächlich zu einem Boxkampf. Einem recht einseitigen allerdings. Schon in Runde zwei ging Chagaev zum ersten Mal in seiner Karriere auf die Bretter, nach einem Schlaghagel von Klitschko in der achten Runde warf sein Trainer das Handtuch. Die erste Niederlage und, wie sich zeigen sollte, der endgültige Karriere-Knick für Chagaev.
Niederlage gegen Alexander Powetkin
Es folgten kleinere Kämpfe, die der gelernte Sportpädagoge zwar meistens deutlich gewann, allerdings wirkte Chagaev mehr und mehr lethargisch, mitunter auch schlagfaul und häufig nicht austrainiert. Als er nach einem dieser Kämpfe noch im Ring gefragt wurde, ob er David Haye herausfordern wolle, brach die Halle in spöttisches Gelächter aus. Ein schwerer emotionaler Tiefschlag für den stolzen Kämpfer.
Nach einem Trainer-Wechsel erstritt sich Chagaev über Ausscheidungskämpfe zwar noch einmal das Recht als Pflichtherausforderer. Den Titel-Fight gegen Alexander Powetkin allerdings verlor er einstimmig nach Punkten. Die ehemalige Box-Hoffnung galt als endgültig gescheitert.
Chagaev sagt ab
Doch dann trat Felix Sturm auf den Plan. Der frühere Mittelgewichts-Champion tritt 2012 zum ersten Mal selbst als Promotor auf. Am 1. Dezember richtet er gemeinsam mit Sat1 die "Super Fight Night" aus. Sein Hauptkämpfer sollte Ruslan Chagaev heißen und gegen Yakup Saglam in den Ring steigen. Doch Chagaev sagte den Kampf kurzfristig ab...
SAT.1 überträgt "ran Boxen: Die Super Fight Night - powered by Felix Sturm" am 1. Dezember live ab 23.05 Uhr und im Livestream auf ran.de.































































































