Frage: Herr Rolfes, Ihr Trainer Jupp Heynckes hat vor wenigen Tagen in einem Interview gesagt, das, was in Leverkusen gerade passiere, sei nicht sein Verdienst – diese Bescheidenheit ehrt ihn zwar, so recht glauben mag man ihm aber nicht...
Simon Rolfes: Nein, das sollte man ihm wirklich nicht glauben (lacht). Er hat sehr großen Anteil daran, was hier gerade passiert. Ohne Frage war gute Substanz bei uns schon vorhanden. Michael Skibbe etwa hat die Entwicklung einzelner Spieler angestoßen und René Adler, Gonzalo Castro, Stefan Kießling oder auch mich die ersten entscheidenden Schritte machen lassen. Dass all diese Qualitäten jetzt aber so zur Entfaltung kommen, dafür ist Jupp Heynckes verantwortlich!
Frage: Sie haben in Leverkusen schon einige Trainer erlebt, was macht Heynckes anders?
Rolfes: Er verfügt über eine große Führungsstärke und findet einen idealen Mittelweg zwischen Kompromisslosigkeit und Menschlichkeit. Zudem zeichnet ihn große Fußballkompetenz aus. Seit seinem Amtsantritt hat er jeden Spieler noch einmal ein Stück weiter gebracht, indem er Fehler immer wieder anspricht, Tipps gibt und jeden ermutigt. Diese Entwicklung kann man bei vielen von uns sehen.
Frage: Leider konnten ausgerechnet Sie zuletzt wegen Ihrer Verletzung davon nicht profitieren...
Rolfes: Das stimmt nur bedingt, denn in den neun Spielen, die ich bis zu meiner Verletzung absolvieren konnte, habe ich durchaus davon profitiert und besser gespielt als in den Jahren zuvor. Im Übrigen profitiere ich auch als verletzter Spieler, weil ich in der Kabine miterlebe, wie der Trainer mit der Mannschaft umgeht und wie klug er meine Situation beurteilt.
Frage: Wie sieht das aus?
Rolfes: Er gibt mir Zeit, die Verletzung vollständig auszukurieren, so wie er es auch schon bei Patrick Helmes getan hat. Er jagt mich nicht in irgendetwas hinein, das dann möglicherweise gleich die nächste Verletzung provozieren würde.
Frage: Gibt es in der Bundesliga Trainer, die einen Spieler nötigen, zu früh nach einer Verletzung wieder einzusteigen?
Rolfes: Fakt ist, dass Herr Heynckes eine sehr große Gelassenheit an den Tag legt, die nicht jeden Trainer auszeichnet. Er hat die Ruhe weg und baut in einem solchen Fall eher sogar noch einen zeitlichen Sicherheitspuffer ein.
Frage: Trotzdem schmerzt es einen jahrelang verletzungsfreien Vorbild-Profi wie Sie sicher sehr, nicht dabei zu sein, wenn das eigene Team brilliert; oder ist es noch schlimmer, hilflos zu sein, wenn es nicht gut läuft?
Rolfes: Eindeutig das zweite. Das ist gerade das Glück im Unglück, dass es bei uns derzeit so gut läuft. Ich muss mir keine Sorgen machen. Und das gibt mir die nötige Ruhe, die Verletzung hundertprozentig auszukurieren.
Frage: Ist es nicht trotzdem ein blödes Gefühl bei den Spaßveranstaltungen, die Bayer veranstaltet, nicht mit von der Partie zu sein?
Rolfes: Es steht außer Frage, dass ich wahnsinnig gerne dabei wäre. Es gibt nichts Schöneres, als in einer Mannschaft zu stehen, die funktioniert und so erfolgreich spielt, wie z. B. auch schon vor meiner Verletzung beim 4:0 gegen Nürnberg. Trotzdem kann ich auch die Siege, die jetzt ohne mich errungen werden, neidlos genießen. Wir wollen am Ende der Saison möglichst weit oben stehen. Und das geht nur, wenn eine Mannschaft auch den einen oder anderen Ausfall verkraften kann.
Frage: Das scheint zu klappen. Denn selbst in München, wo Bayer früher nie ein Bein auf den Boden bekommen hat, war man diesmal beim 1:1 die bessere Elf. Kann ein solches Spiel zum Schlüsselerlebnis werden?
Rolfes: Schön wär’s! Aber ich will das nicht an einem Spiel fest machen. Entscheidend ist, dass wir in diesem Jahr stabiler sind und bis dato die beste Abwehr stellen. Wie man weiß, war das in Leverkusen längst nicht immer der Fall. Wir waren zwar meist dafür bekannt, viele Tore zu schießen, aber sicher nicht dafür, wenige zu kassieren. Die gute Abwehr, die wir in dieser Saison haben, ist eine Grundvoraussetzung um unsere Ziele zu erreichen. Und dafür ist die ganze Mannschaft verantwortlich.
Frage: Vor allem aber doch auch Neuzugang Sami Hyypiä...
Rolfes: Dass uns Sami auf der linken Innenverteidiger-Position, auf der sich in den letzten Jahren keiner wahnsinnig hervor getan hat, einen Qualitätssprung beschert, das steht außer Frage. Trotzdem ist jeder einzelne recht hilflos auf dem Platz, wenn das Gesamte nicht funktioniert.
Frage: Tut es aber, denkt man daher angesichts solcher Fußball-Galas wie gegen Stuttgart insgeheim schon mal an die Meisterschaft?
Rolfes: Ganz sicher nicht! Ich glaube, wir sind gut beraten, aus unserer jüngsten Vergangenheit zu lernen. Letztes Jahr waren wir nach dem 13. Spieltag erster, jetzt sind wir nach dem vierzehnten ganz vorne. Aber man weiß auch, wie es letztes Jahr ausgegangen ist. Wolfsburg dagegen war zur Winterpause nur Neunter, am Ende aber Meister. Also geben wir kein Generalziel aus, sondern denken lieber von Spiel zu Spiel.
Frage: Was sagen Sie den Kritikern, die Bayer trotz allem wiederum einen Einbruch prophezeien?
Rolfes: Wir sind überzeugt, dass dieser Einbruch diesmal nicht in der Form kommt, wie im letzten Jahr. Aber sollen andere nur damit spekulieren, uns macht das nichts aus!
Frage: Wenn Sie Ihre bisherige Zeit in Leverkusen Revue passieren lassen, ist Bayer 2009/10 dann die beste Bayer-Elf, in der Sie bis dato gestanden haben?
Rolfes: Ein eindeutiges Ja! Einfach, weil wir reifer geworden sind. Alle Einzelteile passen jetzt perfekt zusammen und geben ein stimmiges Bild ab.
Frage: Wann werden Sie wieder in diesem Bild auftauchen?
Rolfes: Im neuen Jahr, zum Rückrundenstart Mitte Januar. Eine Entzündung im Knie braucht eben Zeit. Es hätte keinen Sinn gemacht, mit aller Gewalt darauf hinzuarbeiten, für vielleicht ein Spiel vor der Winterpause halbwegs einsatzfähig zu werden. Wir haben uns stattdessen dafür entscheiden, diese Pause sinnvoll als Aufbauphase zu nutzen.
Verfolge das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und Bayer 04 Leverkusen am Freitag im ran.de-Liveticker ab 20:30 Uhr.






