21.03.10

Rudi Assauer: "Jungs reißen sich den Hintern auf"

Felix Magath hat Schalke auf Kurs gebracht. Dank ihm spielen die Königsblauen zwar nicht schön, aber sehr erfolgreich. Warum Schalkes ehemaliger Manager Rudi Assauer dennoch nicht an den Titel für die Knappen, aber an ein packendes Pokal-Duell zwischen Schalke und den Bayern glaubt, warum Manuel Neuer die deutsche Nummer Eins sein sollte und Felix Magath nicht immer Asket war, das verrät, die Schalker Legende im exklusiven Wohnzimmer-Interview mit ran.de

Rudi Assauer: "Gesamtpaket bei Neuer stimmt"
Quelle: Imago
Rudi Assauer: "Gesamtpaket bei Neuer stimmt"

Frage: Herr Assauer, kann Schalke am 8. Mai den ersten Meistertitel seit 52 Jahren feiern?
Rudi Assauer: Nein. Aber wenn man die Form hält, unter die ersten Fünf und damit ins internationale Geschäft kommt, dann hat man eine Riesen-Saison gespielt. Die Mannschaft spielt keinen Fußball, sie arbeitet Fußball. Und damit ist man bisher sehr gut über die Runden gekommen. Die Frage ist, ob und wie weit der Körper der jungen Burschen, die es noch nicht gewohnt sind, jahrelang im Profi-Fußball zu spielen, auch in den letzten acht Spielen noch mitmacht.

Frage: „Die Mannschaft arbeitet Fußball“: Es gibt in der Tat Stimmen, die für den Fall einer Meisterschaft dann vom schlechtesten deutschen Meister sprechen würden...
Assauer: Quatsch! Entscheidend sind die Ergebnisse. Und auch wenn die Jungs in der Regel nicht mehr als zwei Tore schießen, so reißen sie sich doch immer den Hintern auf.

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Frage: Felix Magath pflegt erneut das Understatement, wie schon in der längsten Saison in Wolfsburg...dort wurde er dann Meister...
Assauer: Das stimmt zwar. Man darf aber nicht vergessen, dass er trotz der Außenseiterrolle in Wolfsburg hochklassiges Spieler-Material hatte mit Leuten wie Dzeko, Grafite, Josué etc. Auf Schalke arbeitet er mit sehr vielen jungen Burschen, die zweifellos hoch talentiert sind, aber kaum schon eine komplette Saison auf höchstem Niveau spielen können werden.

Frage: Hätten Sie Magath zugetraut, dass er schon in seiner ersten Saison auf Schalke so erfolgreich ist?
Assauer: Nein, dass er mit acht Jugendspielern den großen Bayern Paroli bieten kann, das hätte wohl nicht nur ich nicht für möglich gehalten.

Frage: Was ist sein Erfolgsrezept?
Assauer: Felix findet die richtigen Worte. Er lobt, aber er tritt den Jungs auch in den Hintern, wenn es sein muss, und holt dann die Medizinbälle raus. Felix ist ein harter Hund. Ganz im Gegensatz zu dem, was er als Fußballer selbst verkörpert hat. Da war er ein Künstler und ganz bestimmt keiner, der den Rasen umgepflügt hat. Und während er heute beinahe asketisch lebt, hat er damals gerne mal ein Gläschen getrunken und auch schon mal eine gepafft.

Frage: Vom sportlichen Aspekt abgesehen, scheint Magath auch hinter den Kulissen einiges geändert zu haben, es gibt auf Schalke keinen Wirbel mehr...
Assauer: Felix wird deutlich gemacht haben, dass er jetzt die Nummer Eins ist und die Marschrichtung vorgibt. Wer nicht mitzieht, der fliegt.

Frage: So lange es gut geht...
Assauer: Ob so viel Machtfülle gut ist, zeigt sich immer erst am Ende, wenn es nicht mehr funktioniert. Aber bis jetzt ist das alles absolut in Ordnung. Und wenn auch in den letzten acht Spielen alles halbwegs gut geht, dann besorgt er dem Klub mit dem Einzug in den internationalen Fußball, je nachdem ob Champions oder Euro League, auch wieder mehr oder weniger Kleingeld.

Frage: Wenn also nicht Schalke, wer wird dann Meister, Bayern oder Bayer?
Assauer: Auch wenn sich die Münchner zuletzt in Florenz und gegen Freiburg schwer getan haben, die muss man immer auf dem Zettel haben. Leverkusen ist zwar gut in Tritt, aber gegen die Bayern wird es schwierig. Und wenn man nur vom Spieler-Material ausgeht, dann kann der Meister auch nur Bayern München heißen.

Quelle: Imago
Assauer pafft auch heute noch gerne

Frage: Zunächst aber steht jetzt das DFB-Pokal-Halbfinale an, Schalke empfängt ausgerechnet die Bayern...
Assauer: Was kann es Schöneres geben, als ein solches Spiel, in dem alles möglich ist?! Da können den jungen Spielern Flügeln wachsen, dass sie abgehen wie Schmitz’ Katze. Und diese Paarung hat eine große Tradition. Im Mai 1984 gab es – ebenfalls im Halbfinale - nach Verlängerung gegen die Münchner im Parkstadion ein 6:6. Damals war Schalke sogar nur Zweitligist und drei Tore erzielte ein gewisser Olaf Thon. Das Wiederholungsspiel haben die Bayern dann allerdings mit 3:2 gewonnen.

Frage: Die Münchner sind noch in allen drei Wettbewerben vertreten, was trauen Sie ihnen in der Champions League zu?
Assauer: Ich traue den Bayern mit diesem Kader alles zu. Aber das Spiel gegen Freiburg hat gezeigt, dass andererseits nahezu jeder diese Mannschaft auch in Gefahr bringen, wenn die Münchner die Zügel etwas schleifen lassen und versuchen mit halber Kraft durchzukommen.

Frage: Wenden wir uns nach der Tabellenspitze jetzt dem Tabellenkeller zu; glauben Sie, dass Hertha noch zu retten ist?
Assauer: Acht Punkte bis zum Relegationsplatz sind eine Menge Holz, erst Recht zu diesem späten Zeitpunkt in der Saison. Und wer am letzten Wochenende die Tränen von Manager Michael Preetz gesehen hat, der muss zu dem Schluss kommen, dass Hertha das Ding mit der Heimniederlage gegen Nürnberg endgültig vergeigt hat. Dabei hat man in der Rückrunde bisweilen durchaus ordentlich gekickt, wie auch in der ersten Halbzeit gegen den „Club“. Aber letztlich lügen Tränen nicht. Und ohne Preetz etwas unterstellen zu wollen – er wird ahnen, dass das kaum noch zu schaffen ist.

Frage: Welche Fehler sind gemacht worden?
Assauer: Das wage ich aus der Distanz nicht zu beurteilen. Aber es ist schon verwunderlich, dass es in einer Stadt wie Berlin nicht möglich scheint, den Erstliga-Fußball dauerhaft zu etablieren. Zudem habe ich das Gefühl, dass in dieser Saison die Zusammensetzung der Truppe auch nicht gepasst und sich nicht jeder immer den Hintern für Hertha aufgerissen hat. Die Streitigkeiten hinter den Kulissen, der Rauswurf von Dieter Hoeneß etc., haben dann sicher ein Übriges getan.

Quelle: Imago
Alte Kollegen: Mirko Slomka und Rudi Assauer

Frage: Dagegen scheint Ihr ehemaliger Trainer Mirko Slomka nach großen Startschwierigkeiten mit Hannover 96 doch noch die Kurve zu kriegen...
Assauer: 96 steht aktuell auf dem Relegationsplatz. Aber es warten mit u. a. noch Hamburg, Schalke, Bayern und Leverkusen die Top-Klubs der Liga, so dass es dennoch schwer werden dürfte für Slomka. Ich habe aber auch lange nicht mit ihm gesprochen und muss zugeben, dass wir nie einen besonders guten Draht zueinander hatten. Allerdings darf man bei Hannover die Tragödie um Robert Enke nicht außen vorlassen. Ich glaube schon, dass seitdem fast alle Hannoveraner zwanzig Prozent weniger bringen, als normal.

Frage: Sprechen wir auch noch kurz über die Nationalmannschaft: Das 0:1 gegen Argentinien lässt um eine erfolgreiche WM fürchten...
Assauer: Wenn sie das in dieser Formation auch bei der WM spielen, dann ist schon in der Vorrunde Schluss und man kann schon mal den Flieger buchen. Man weiß zwar von der deutschen Nationalmannschaft, dass sie in Testspielen oft enttäuscht, bei EM oder WM, wenn es darauf ankommt, aber die Ärmel hochkrempeln kann. Aber mir fehlen bei der aktuellen Mannschaft einfach ein paar Eckpfeiler, wie wir sie früher hatten.

Frage: Einer dieser Eckpfeiler war immer auch der deutsche Keeper. Jogi Löw hat René Adler zu seiner Nummer Eins erklärt, wie sähe Ihre Wahl aus?
Assauer: Eindeutig Manuel Neuer, er ist unter den Spitzen-Torleuten der Beste. Das ist zwar nur meine persönliche Meinung, aber Manuel ist auch ein exzellenter Fußballer. Und genau das fordert der Bundestrainer schließlich immer. Und ich bin sicher, dass Manuel mit seinem Talent in der 2. Liga auch im Feld spielen könnte. Zudem stimmt bei ihm das Gesamtpaket. Er kommt aus einem tollen Elternhaus. Gerade auf Schalke hatten wir in der Vergangenheit auch andere Fälle, wo die Eltern die Jungs völlig verrückt gemacht haben. Manuel aber steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, er ist ein feiner Kerl. Hoffen wir also, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Andreas Kötter
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