08.04.11Bundesliga

Gladbach-Coach Lucien Favre im Interview: "Es ist noch möglich"

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Trotz sehr wechselhafter Leistungen in den letzten Wochen hat Borussia Mönchengladbach noch immer die Chance, den Abstieg zu vermeiden. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht Trainer Lucien Favre über seine Beweggründe, den schwierigen Job mitten in der Saison übernommen zu haben. Er äußert sich zur Diskussion um seinen Stammkeeper Logan Bailly und er erläutert seine Lehre vom "reinen" Fußball.

Lucien Favre ist seit Februar 2011 Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach
Lucien Favre ist seit Februar 2011 Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach © getty

ran.de: 0:1 in München verloren: das kommt einerseits nicht überraschend, könnte aber andererseits bei den Fans doch die letzten Hoffnungen zerstört haben. Wie steht es um Ihre Hoffnung?

Lucien Favre: Ich denke nach wie vor, dass es möglich ist, den Abstieg noch zu vermeiden. Es sind noch sechs Spiele zu spielen, und 18 Punkte zu vergeben. Wenn wir von diesen sechs Spielen vier gewinnen, dann könnte es vielleicht tatsächlich noch reichen. Ich wusste vom ersten Tag an, als ich die Borussia übernommen habe, dass es sehr schwer werden würde. Und daran hat sich nichts geändert.

ran.de: Der "Kicker" beispielsweise hat etwas süffisant bemerkt, dass es diese Durchhalteparolen nach jeder weiteren Niederlage geben würde...

Favre: Wir sind nicht dumm, auch wir können die Tabelle lesen. Und es ist nachvollziehbar, dass es den Leuten schwer fällt zu glauben, dass wir ausgerechnet jetzt plötzlich noch so viele Punkte holen. Aber wir glauben dennoch fest an das, was wir sagen. Wir haben in München bewiesen, dass es klappen kann. Die Leistung gegen die Bayern war korrekt. Allerdings wissen wir auch, dass unser Restprogramm mit Spielen gegen Köln, in Mainz, gegen Dortmund, in Hannover, gegen Freiburg und beim HSV ein harter Brocken ist.

ran.de: Sie wussten von Anfang an, wie schwierig es werden würde. Was hat Sie dennoch bewogen zuzusagen?

Favre: Schauen Sie doch einmal, wie viele ausländische Trainer in der Bundesliga arbeiten: Da gibt es zurzeit nur van Gaal in München und Favre in Gladbach. In Frankreich wiederum arbeiten nur Franzosen, in Italien nur Italiener in der ersten Liga. Wenn man ein Trainer aus der Schweiz ist, und ein solches Angebot aus der Bundesliga bekommt, dann kann man dieses Angebot nur sehr schwer ablehnen. Denn neben der englischen und der spanischen Liga ist die Bundesliga die attraktivste in Europa. Hier wird offensiv gespielt und die Atmosphäre ist fantastisch. In der zweiten Liga kommen zu Hertha gegen Paderborn 70.000 Zuschauer ins Olympiastadion – das sagt sehr viel aus über den Fußball in Deutschland.

ran.de: Was war Ihr Eindruck vom Team, als Sie vor etwa sieben Wochen Ihre Mannschaft im Borussia-Park zum ersten Mal trainiert haben?

Favre: Ich hatte keinerlei Vorurteile. Wenn man eine Mannschaft in der Winterpause, oder noch später, erst Mitte Februar übernimmt, dann muss man sehr präzise arbeiten, um die eigene Idee vom Spiel so schnell wie möglich auf den Platz zu bringen. Ich denke, dass wir in den vergangenen Wochen sehr gut trainiert haben.

ran.de: Worauf haben Sie zunächst Ihr Augenmerk gelegt?

Favre: Es sind mehrere Aspekte, die möglichst schnell umgesetzt werden mussten: der Defensivbereich, der Spielaufbau, das Spiel im Mittelfeld, das Spiel im Angriff. Das alles in der Kürze der Zeit anzustoßen verlangt, wie schon gesagt, nach Präzision bei der Arbeit.

ran.de: Es ist Ihnen schnell gelungen, etwas zu verändern: Der Sieg zum Auftakt gegen Schalke, der Sieg gegen Hoffenheim, der späte Punktgewinn in Bremen. Wie aber kann es dann sein, dass gegen Kaiserslautern, in einem so genannten Sechs-Punkte-Spiel die Mannschaft fast schon verschüchtert und mutlos wirkte?

Favre: Das ist sehr schwer zu erklären. Gegen Kaiserslautern, in einem Heimspiel, war es unsere Aufgabe, das Spiel zu machen. Wir haben die Lösung aber nie gefunden.

ran.de: Für Diskussionen haben Sie aber mit Ihrer Entscheidung gesorgt, Logan Bailly zurück ins Tor zu holen; nach dessen Fehler gegen Kaiserslautern wurde Bailly von den eigenen Fans ausgepfiffen. Wie stärken Sie ihm nun den Rücken?

Favre: Ich habe nach dem Lautern-Spiel nicht viel mit ihm gesprochen. Ich habe aber gesagt, dass er zuvor u. a. in Bremen hervorragend gespielt hat. Er hat dann gegen Lautern einen unglaublichen Fehler gemacht, das weiß er aber auch selbst. Schon in München war seine Leistung aber wieder sehr ordentlich.

ran.de: Wie schwierig ist es für Sie jetzt, einerseits immer noch immer alles zu versuchen, den Abstieg zu vermeiden, zwangsläufig aber parallel längst auch schon für die zweite Liga planen zu müssen?

Favre: Genau das mache ich nicht! Ich konzentriere mich ausschließlich auf diese Saison!

ran.de: Müssten Sie aber nicht bereits Überlegungen anstellen, wie das Team in der zweiten Liga aussehen könnte; immerhin dürften Dante oder Reus nur schwer zu halten sein?

Favre: Wie gesagt: ich spreche zu diesem Zeitpunkt nicht über Eventualitäten!

ran.de: Sprechen wir über Sie persönlich: Sie genießen einen exzellenten Ruf. Egal wohin man hört, ob Netzer, Rummenigge oder Skibbe - jeder hält Sie für einen Trainer mit großer Vision. Was macht diese Vision aus?

Favre: Ich möchte Fußball spielen lassen. Auf relativ engem Raum wollen 20 Spieler ihr jeweiliges Spiel durchsetzen. Damit das gelingt, sind komplexe Lösungen gefragt. Man muss flach spielen, man muss sich gut bewegen, man braucht Spieler, die beidfüssig sind etc. Die Spieler müssen den Spielaufbau und das Powerplay ebenso beherrschen wie das Konterspiel nach Balleroberung. Will man das alles umsetzen, dann braucht man viel Zeit.

ran.de: Zu Ihrem Amtsantritt, beim 2:1 gegen Schalke, als die Mannschaft stellenweise rasanten One-Touch-Fußball in Richtung Tor von Manuel Neuer spielte, dürfte das Ihren Vorstellungen schon sehr weit entgegen gekommen sein...

Favre: Ja und nein. Es geht mir nicht darum, dass meine Mannschaft immer schnell nach vorne spielt. Manchmal, wenn das Spiel blockiert ist, dann ist es besser, den Ball zirkulieren zu lassen und darauf zu warten, dass sich eine Chance für eine gute Lösung bietet. Dann ist Geduld gefragt. Das heißt aber nicht, dass man langsam spielen darf. Im Gegenteil: Man muss dann mit großem Tempo immer wieder das Spiel von einer auf die andere Seite verlagern, rechts, links, rechts, links. So lange, bis sich eine Lücke bietet.

ran.de: War das, bzw. das Fehlen brauchbarer Anspielstationen  auch der Grund, warum Sie Marco Reus nach seinem Fehlpass, der zum 0:1 gegen die Bayern geführt hat, in Schutz genommen haben?

Favre: Genau, das war der Hintergrund meiner Aussage. Es kommt darauf an, im richtigen Augenblick die richtige Entscheidung zu treffen. "Laufe ich jetzt oder bleibe ich stehen" kann darüber entscheiden, ob es zu einer gefährlichen Situation für das eigene Team kommt oder nicht. Ist der Lauf falsch oder passiert er im falschen Augenblick, kann alles vorbei sein. Marco weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Aber es ist viel zu einfach zu sagen, der Gegentreffer war allein seine Schuld. Das entspricht nicht meiner Vorstellung vom Fußball. Mir ging es darum zu zeigen, dass er überhaupt erst durch das Fehlverhalten einiger anderer in diese Situation gekommen ist.

ran.de: Sie sagen selbst, dass Sie geprägt sind von Teams und Trainern wie Arsenal und Arsène Wenger oder Barcelona und Johan Cruyff; wie schwierig ist es für Sie zu akzeptieren, dass manches, was Sie sich vorstellen, aufgrund der (mangelnden) Qualität der Spieler schlichtweg nicht umzusetzen ist?

Favre: Das ist für mich überhaupt kein Problem. Noch mal: wenn man die Möglichkeit hat, in der Bundesliga einen Klub zu trainieren, dann muss man so etwas auch akzeptieren.

ran.de: Wie weit hängt überhaupt die Klasse dieser Mannschaften ab vom Talent ihrer Topstars, bzw. inwieweit lässt sich auch eine Mannschaft durchschnittlich begabter Spieler in die Spitze führen?

Favre: Entscheidend ist, ob ein Klub eine Philosophie hat oder nicht, und ob er über einen wie längeren Zeitraum eine solche Philosophie entwickeln kann. Barcas Philosophie geht zurück bis auf Rinus Michels und später vor allem auf Johan Cruyff. Er und damit die Ajax-Schule waren maßgeblich verantwortlich dafür, dass diese Philosophie in ganz Spanien und vor allem auch bei der spanischen Nationalmannschaft zum Tragen kam. Wenn man sich etwa daran erinnert, welchen Fußball Spanien Mitte der 70er Jahre noch gespielt hat, dann war das grauenvoll. Ich denke z. B. an ein WM-Qualifikationsspiel Jugoslawien gegen Spanien, das eher an Krieg denn an Fußball erinnerte. Teams wie Barca können heute den Trainer wechseln - von Cryuff über van Gaal zu Rijkaard oder Guardiola - ohne dass sich deshalb die Philosophie des Klubs ändern würde. Diese Konstanz ist entscheidend.

ran.de: Das Musterbeispiel für Konstanz ist aber Manchester United...

Favre: Stimmt. Auch bei Manchester United wird so gearbeitet. Alex Ferguson ist 1986 gekommen und hatte zunächst über sechs, sieben Jahre sehr viel Mühe, etwas aufzubauen. Er war damals zwei-, dreimal nicht weit weg von einer Entlassung. Nach und nach aber hat seine Jugendarbeit mit Beckham, Giggs oder Scholes und seine gute Einkaufspolitik bezahlt gemacht. Und heute spielt man seit Jahren ganz vorne in der Champions League mit. Allerdings weiß ich nicht, wie lange das noch funktionieren kann. Zurzeit versucht man, ausschließlich im Ausland fündig zu werden, weil englische Spieler von der Klasse eines Beckham, Scholes oder Giggs zurzeit nicht zu entdecken sind. Das könnte problematisch werden.

ran-Datenbank: Die Tabelle der Bundesliga

© ran.de / Andreas Kötter
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