ran.de: Herr Wendt, ein Fußball-Fachmagazin hat der deutschen Nationalmannschaft gerade bestätigt, auf fast allen Positionen top besetzt zu sein. Lediglich auf der rechten Defensiv-Position (oder der linken, je nachdem, wo Philipp Lahm spielt), herrsche Mangel. Warum sind Spielertypen wie Sie so rar gesät?
Oscar Wendt: Gute Frage! Ich denke, dass Kinder, wenn sie mit dem Fußball beginnen, ganz automatisch zur Mitte tendieren und auch lieber Tore schießen als welche zu verhindern.
ran.de: Wie ist dann aus Ihnen einer der gefragtesten Linksverteidiger Europas geworden?
Wendt: Durch Zufall. Ich habe als 17-Jähriger bei Göteborg unter Vertrag gestanden, bekam aber zunächst kaum Einsätze. Dann aber verletzte sich der etatmäßige Linksverteidiger und mein damaliger Coach entschied, mich auf dieser Position zu testen. Er wollte einen Spieler, der ruhig bleibt, wenn er am Ball ist, und der ein halbwegs sicheres Passspiel hat. Wir haben das dann einige Spiele lang probiert und mir hat die Position und meinem Trainer meine Leistung gut gefallen. Also bin ich Linksverteidiger geblieben. Heute ist das meine Lieblingsposition.
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Wo landet Borussia Mönchengladbach in der Saison 2011/2012?
ran.de: Weil Sie Ihren Job so gut machen, hatten Sie im Sommer verschiedene Angebote, u. a. aus der Premier League, oder Sie hätten auch mit Ihrem Ex-Klub Kopenhagen erneut Champions League spielen können. Warum haben Sie die Bundesliga und Borussia Mönchengladbach vorgezogen?
Wendt: Ich war fünf Jahre beim FC Kopenhagen. In dieser Zeit haben wir den nationalen Titel viermal gewonnen, haben zweimal Champions und dreimal Europa League gespielt. Mir ist einfach klar geworden, dass ich mich jetzt nur weiterentwickeln kann, wenn ich jeden Tag auf einem höheren Level spiele. In Dänemark war das nicht mehr möglich. Zum Beispiel haben wir in der letzten Saison den Titel mit 26 Punkten Vorsprung gewonnen, so dass es echte Herausforderungen nur noch alle paar Wochen in der Champions League gab. Ich möchte aber jedes Wochenende gefordert werden.
ran.de: Das erklärt, warum Sie Kopenhagen verlassen haben, aber noch nicht, warum Sie sich für Gladbach und nicht beispielsweise für den FC Liverpool entschieden haben...
Wendt: Sportdirektor Max Eberl und Teammanager Steffen Korell haben mir dargelegt, wie Borussia Mönchengladbach Fußball spielen soll. Und die Mischung aus vielen jungen, entwicklungsfähigen und einigen erfahrenen Spielern hat mich überzeugt. Im Übrigen ist die Bundesliga für mich ohne jeden Zweifel eine der besten Ligen Europas. Hier wird exzellenter Fußball gespielt, die Stadien sind hervorragend und immer voll. Da ist mir die Wahl leicht gefallen.
ran.de: Wie viel wissen Sie über die Historie von Borussia Mönchengladbach?
Wendt: Wer in Schweden mit Fußball zu tun hat, der weiß selbstverständlich, wer Patrick Andersson ist und wer Martin Dahlin, und welche Rolle meine beiden Landsleute für die Borussia gespielt haben. Auch Jörgen Pettersson kenne ich natürlich. Und mein ehemaliger Co-Trainer in Kopenhagen, der Däne Peter Nielsen, hatte bei Borussia ebenfalls großen Erfolg. Der Verein hat eine lange Tradition mit skandinavischen Spielern. Und wenn man in Schweden über deutsche Klubs spricht, dann fällt neben Bayern München oder Schalke 04 immer auch der Name Borussia Mönchengladbach.
ran.de: Spieler aus Skandinavien haben im Gegensatz zu Kollegen manch anderer Nation kaum einmal Anpassungsschwierigkeiten. Was macht den skandinavischen Profi so pflegeleicht?
Wendt: In der Bundesliga kommt uns zugute, dass die deutsche Sprache für Skandinavier nicht so schwierig zu lernen ist. Viele Worte klingen im Deutschen sehr ähnlich wie im Schwedischen. Grundsätzlich glaube ich, dass uns die Premier League und die Bundesliga auch von der Mentalität her mehr liegen, als die Primera Division oder die Serie A. Letztlich muss aber jeder selbst wissen, wo er am besten zurecht kommt.
ran.de: Fünf Jahre Kopenhagen und nun der Wechsel weisen Sie als sehr loyalen, aber auch als zielstrebigen Spieler aus. Haben Sie einen Karriereplan?
Wendt: Im Ansatz schon. Aber im Fußball kann sich bekanntlich alles sehr schnell ändern, so dass die Pläne, die man vielleicht gemacht hat, von einer Minute zur nächsten durchkreuzt werden. Ich hätte Kopenhagen schon vor einiger Zeit verlassen können, aber ich habe damals gespürt, dass sich dort etwas entwickelt. Und das war auch für meine eigene Entwicklung gut. Ich hatte dort fünf tolle Jahre, es gab nie irgendwelche Probleme. Aber schon vor der abgelaufenen Saison habe ich den Verantwortlichen gesagt, dass dies meine letzte Spielzeit in Kopenhagen sein würde. Diese Saison war zugleich meine beste überhaupt und auch für das Team ein hervorragendes Jahr. Das Timing für meinen Wechsel und dafür, etwas Neues zu beginnen, war also perfekt. Gladbach ist jetzt die Herausforderung, die ich gesucht habe.
ran.de: Sie sind jetzt gerade einmal ein paar Tage bei der neuen Mannschaft, wie ist Ihr erster Eindruck?
Wendt: Hervorragend! Ich bin sehr herzlich aufgenommen worden, die Atmosphäre im Team könnte nicht besser sein.
ran.de: Welches Gefühl löst es bei Ihnen aus, dass auf Ihrer Position bisher Kapitän Filip Daems gesetzt ist?
Wendt: Wenn man zu einem so großen Klub wie Borussia Mönchengladbach wechselt, dann weiß man, dass auf jeder einzelnen Position ein Konkurrenzkampf und eine gesunde Rivalität herrschen. Das ist auch gut so. Denn weil jeder gerne spielen möchte, wird jeder im Training auch alles abrufen und sich so noch weiter entwickeln. Wer von uns beiden letztlich spielen wird, das entscheidet der Trainer. Es geht ohnehin einzig und allein darum, was gut für die Mannschaft ist. Und die liegt Filip genauso am Herzen wie mir.
ran.de: Ihr Ex-Klub Kopenhagen hat nicht nur Sie verloren, sondern auch seinen Trainer Stale Solbakken an den 1. FC Köln. Wissen Sie um die besondere Rivalität zwischen Gladbach und Köln?
Wendt: Die ist mir bekannt (lacht).
ran.de: Gab es keine Möglichkeit, Solbakken den Wechsel auszureden?
Wendt: Um ehrlich zu sein, haben wir nie über meinen oder seinen Wechsel gesprochen. Er hat diesen Wechsel lange vor uns Spielern verheimlicht, denn ursprünglich sollte er bekanntlich die norwegische Nationalmannschaft übernehmen. Aber Köln hat ihm und auch dem norwegischen Fußballverband offensichtlich ein Angebot gemacht, das beide nicht ablehnen konnten.
ran.de: Ist Solbakken der richtige Mann für die Bundesliga?
Wendt: Auf jeden Fall ist die Bundesliga richtig für ihn. Wenn man noch ein so junger Trainer ist wie er, dann ist es besser, täglich im Klubfußball gefordert zu werden, als nur alle paar Wochen einmal bei der Nationalmannschaft. Ob er der richtige Mann für die Bundesliga ist? Das wird sich zeigen. Ich kann nur sagen, dass er in Kopenhagen ein fantastischer Coach war. Wer eine dänische Mannschaft in fünf Jahren zweimal in die Champions League und dreimal in die Europa League führt, der hat einen Top-Job gemacht.
ran-Datenbank: Oscar Wendts Statistiken in der Champions League
ran.de: Stichwort Champions League: Dort haben Sie gegen die mutmaßlich besten Spieler der Welt Lionel Messi und Cristiano Ronaldo gespielt. Sie halten Messi für den besseren, warum?
Wendt: Diese Aussage bezog sich nur auf meine persönlichen Erfahrungen. Ich habe gegen Messi gespielt, aber auch gegen Cristiano Ronaldo, als der noch bei Manchester United war. Der Unterschied: Barcelona hat gegen uns in zwei Spielen drei Tore erzielt. Alle drei hat Messi geschossen. Er wirkt im Spiel manchmal völlig entspannt, vielleicht sogar mit den Gedanken nicht bei der Sache. In dem Augenblick aber, wo er den Ball bekommt, kann alles passieren. Vielleicht spielt er den entscheidenden Pass oder er lässt gleich fünf Gegenspieler aussteigen und macht das Tor selbst. Seine Technik und seine Ballbehandlung sind schlichtweg von einem anderen Stern.
ran.de: Sehen Sie in der Bundesliga jemanden, der Ihnen zumindest ähnliche Probleme bereiten könnte, wie das Messi mit seinen drei Treffern gelungen ist?
Wendt: Ohne Namen zu nennen: Es gibt in der Bundesliga gerade auch sehr viele junge Spieler, die über ein enormes Potenzial verfügen. Grundsätzlich möchte ich mir aber über Probleme, die vielleicht irgendwann auftauchen könnten, jetzt noch nicht den Kopf zerbrechen.
ran.de: Einer dieser jungen Spieler mit enormem Potenzial ist fraglos Ihr neuer Mannschaftskamerad Marco Reus. Was halten Sie von ihm?
Wendt: Marco ist ein Spieler nach meinem Geschmack. Er ist ständig in Bewegung und man sieht ihm in jeder Sekunde den unbedingten Willen zum Sieg an. Ich freue mich, mit einem solchen Spieler in einem Team zu stehen. Und ich denke, dass Marco auch in der deutschen Nationalmannschaft seinen Weg machen wird.
















