ran.de: Herr Hanke, wie oft hat man Sie in den letzten Wochen gefragt, ob Borussia nach dem tollen Saisonstart nun nicht doch ein neues Saisonziel ausgeben sollte?
Mike Hanke: Gerade nach dem überzeugenden Sieg gegen Wolfsburg ist diese Frage schon einige Mal gestellt worden. Grundsätzlich haben wir aber vor der Saison kein Saisonziel ausgegeben und sind gut beraten, das auch jetzt nicht zu tun. Das hört sich sicher an wie ein Klischee, aber wir sollten tatsächlich nur von Spiel zu Spiel denken. Wir sind gut in Form, wir sind fit, wir haben uns als Mannschaft gefunden. Und das ist erstmal das Wichtigste.
ran.de: Der "Kicker" führt eine Statistik an, wonach Gladbach auf einem ähnlichen Weg ist wie damals die Überraschungsteams der letzten Saison, Hannover und Mainz...
Hanke: Ist doch schön. Das spiegelt unsere Arbeit wider. Und die machen wir zurzeit sehr gut. Wir trainieren sehr, sehr hart, auch taktisch, bekommen aber auch immer wieder die Zeit zur Regeneration. Und diese Mischung tut uns offensichtlich sehr gut. Das zeigt sich u. a. auch in der Teamlaufleistung, die wir jede Woche abliefern. Wir haben in der letzten Saison gesehen, dass wir dann häufig verloren haben, wenn wir als Mannschaft unter 120 km geblieben sind. In dieser Saison laufen wir aber auch schon mal mehr als 124 km, wie beim Spiel in München. Und das zahlt sich aus.
ran.de: Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine Mannschaft in einer solchen Phase zu sehr am eigenen Tun berauscht?
Hanke: Diese Problematik kann natürlich schon mal auftreten. Wir haben sehr, sehr viele junge Spieler in der Mannschaft. Da gilt es, dass die erfahrenen Spieler vorne weg gehen und auch mal dazu mahnen, auf dem Teppich zu bleiben. Ich bin jedenfalls sehr, sehr, sehr vorsichtig mit Aussagen, wie „Meisterschaft“, „Europa-Pokal“ oder was auch immer. Im schlechtesten Fall kann einem das ganz schnell um die Ohren gehauen werden.
ran.de: Nehmen Sie einen Spieler wie Raul Bobadilla dann zur Seite, wenn er nach dem Wolfsburg-Spiel sagt "Meister, warum nicht!"?
Hanke: Ich habe dieses Interview auch gesehen, und der Reporter hat Raul schon sehr bedrängt, dass er das Wort "Meisterschaft" in den Mund nimmt. Man sollte das also nicht zu Ernst nehmen. Martin Stranzl hat auch gesagt, dass er gerne Meister werden möchte. Das ist auch ein legitimes Ziel, das wohl jeder Profi-Fußballer anstrebt. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir uns nach dem dritten Spieltag hinstellen und davon reden können, wir hätten jetzt Chancen auf den Titel.
ran.de: Wo genau sieht sich die Mannschaft selbst?
Hanke: Wir stehen mitten in einer sehr guten Entwicklung, wir haben mit Lucien Favre einen sehr erfahrenen Trainer und wir werden unseren Weg weiter gehen. Deshalb bin ich überzeugt, dass diese Mannschaft, die sich gefunden hat, auch in Zukunft sehr viele Spiele gewinnen wird.
ran.de: "Die Mannschaft hat sich gefunden": Tatsächlich scheint gerade die Tatsache, dass die Elf seit Monaten zusammenspielt, ein Grund für den Erfolg. Trotzdem hat der Trainer noch vor der Saison dringend Neuverpflichtungen angemahnt...
Hanke: Gute Neue braucht man immer. Man hat auch in der letzten Saison, in der Hinrunde gesehen, was passiert, wenn sich gleich mehrere Stammkräfte verletzten. Deshalb ist es immer gut, wenn man für jede Position gleichwertigen Ersatz hat. Nehmen wir doch Thorben Marx. Der hat schon lange nicht mehr von Anfang an gespielt. Aber wenn er dann während des Spiels ins Team rückt, ist er sofort da. Gegen Wolfsburg z. B. hat Thorben ein Riesenspiel absolviert. Und genau diese Leute braucht man auch.
ran.de: Stimmt der Eindruck, dass es momentan in der Mannschaft in jeder Hinsicht stimmt und Neid keine Rolle spielt?
Hanke: Ja. Anders ist Erfolg auch gar nicht möglich. Ich habe in der letzten Saison die Hinrunde ja noch in Hannover erlebt, und auch dort war dieser Geist die Voraussetzung für den Erfolg. Sicherlich ragt bei uns ein Marco Reus heraus. Marco weiß aber auch, dass ohne die Unterstützung der Mannschaft auch für ihn nichts läuft. Für Neid ist da kein Platz.
ran.de: Wie gehen Sie selbst damit um, dass Sie als einstmals klassischer Mittelstürmer heute eher ein Ballverteiler und ein Zehner sind, und nicht immer die mediale Aufmerksamkeit erhalten wie die Torschützen Reus, Bobadilla oder de Camargo?
Hanke: Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich glaube, ich bin so erfahren, dass ich meine Stärken kenne. Und die liegen im Ball halten und im Ball verteilen. Ich will mich nicht selbst als Zehner bezeichnen, aber mein Spiel scheint der Mannschaft gut zu tun. Also kann daran nichts falsch sein. Ob ich nun ein Tor erziele oder nicht – das spielt keine besondere Rolle. Und irgendwann wird es sowieso belohnt, dass ich so viel für die Mannschaft arbeite. Dann werde ich auch selbst mal wieder treffen.
ran.de: Gegen die Borussia treffen die Gegner nur noch selten; was sind die viel zitierten Kleinigkeiten, die aus der Schiessbude der Liga innerhalb von fünf, sechs Monaten die beste Defensive gemacht haben?
Hanke: Die "Kleinigkeit" ist, dass wirklich jeder mit nach hinten arbeitet und hinter dem Ball steht, wenn der Gegner im Ballbesitz ist. Das erfordert zwar eine große Laufleistung, macht es für den Gegner aber enorm schwer, uns in Verlegenheit zu bringen. Das hat uns der Trainer auch immer wieder eingetrichtert. Wir spielen im Training häufig auf normalem Feld Zehn gehen Zehn. Das erhöht natürlich die Laufwege enorm. Aber so holen wir uns die Kondition, die für unser Spiel nötig ist.
ran.de: Lucien Favre zählt zur neuen Generation der Trainer, die beinahe wie Wissenschaftler an ihren Job herangehen. Ein ähnlicher Typ ist Schalkes Ralf Rangnick, den Sie während seiner ersten Amtszeit auf Schalke noch erlebt haben. Kann man die beiden vergleichen?
Hanke: Vom taktischen Ansatz her schon. Aber Lucien Favre ist ein Trainer, der noch weit mehr mit seinen Spielern kommuniziert. Und die Spieler wissen das zu schätzen.
ran.de: Apropos "neue Trainer vs alte Trainer": Philipp Lahm hat gerade in seinem Buch beschrieben, wie man noch 2004 in der Nationalmannschaft unter Rudi Völler im Training gearbeitet habe, nämlich kaum. Das sei damals "eine andere Epoche von Fußball" gewesen. Hat sich gerade auch im Training wirklich so viel verändert in den letzten sechs, sieben Jahren?
Hanke: Ich möchte zunächst grundsätzlich etwas dazu sagen. Ich hätte es niemals von Philipp Lahm gedacht, dass er sich öffentlich so äußern und damit einzelne Leute so bloßstellen würde. Das hat jemand wie z. B. Rudi Völler, der viel für den deutschen Fußball geleistet hat, einfach nicht verdient. Ich finde das absolut nicht okay. Dass der Fußball an sich in den letzten Jahren aber noch einmal enorm an Schnelligkeit gewonnen hat, und dass man darauf auch im Training reagieren muss, das steht außer Frage.
ran.de: Am Sonntag treffen Sie auf Rangnick, wenn Borussia auf Schalke (So., 17.30 Uhr im Live-Ticker auf ran.de) spielen muss. Ist das für einen ehemaligen Schalker noch etwas Besonderes?
Hanke: Ich habe seit meinem Weggang von Schalke schon häufig wieder dort gespielt, aber habe seitdem dort noch kein Tor erzielt. Wäre doch schön, wenn ich das am Sonntag endlich ändern könnte!














