ran.de: Herr Meyer, beherrschendes Thema der letzten Tage war die Erkrankung von Ralf Rangnick. Allmählich und nach den Fällen Sebastian Deisler und Markus Miller und der Tragödie um Robert Enke könnte man zum Schluss kommen, dass der Fußball zunehmend lebensbedrohlich wird...
Hans Meyer: Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich mich zu diesem Thema nicht äußern möchte. Da ist in den letzten Tagen von so vielen Menschen so viel gesagt worden, da muss ich mich nicht auch noch zu Wort melden. Bei diesem Thema muss man so in die Tiefe gehen, das würde hier den Rahmen sprengen.
ran.de: Obwohl Sie nicht am Trainersein gelitten haben, haben Sie Ihre Karriere trotz verschiedener Angebote beendet und sind nun Präsidiumsmitglied bei Borussia Mönchengladbach...
Meyer: Bevor Sie fragen: Das Beanspruchtwerden im Präsidium reicht bei weitem nicht aus, um irgendwelche Anzeichen von Überlastung auszulösen (lacht).
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Wer wird in der Saison 2011/2012 Meister?
ran.de: Also ist dieser Job eine Art sanfte Entzugsmaßnahme vom Trainer-Dasein?
Meyer: Ich hätte es wohl auch ohne Fußball gut ausgehalten, aber so ist es doch schöner. Wenn man so lange dabei ist, dann ist man mit den Gedanken immer bei „seinen“ Teams. Beim „Club“, bei Carl Zeiss Jena, oder auch bei Twente. Und Borussia Mönchengladbach ist schon deshalb etwas ganz Besonderes, weil Borussia meine erste Profi-Station im Westen war, und mich das Verhältnis zu den Fans und den Mitarbeitern geprägt hat. Als dann das Präsidium drei Jahre lang in regelmäßigen Abständen um mich geworben und mir versprochen hat, dass ich bezüglich meines Lebensstils keine Abstriche machen müsse, habe ich sehr gerne zugesagt.
ran.de: Was treibt ein Präsidiumsmitglied, wenn es die Lebensqualität erlaubt?
Meyer: Was stellen Sie sich vor?
ran.de: Jedenfalls kaum teilhabe am operativen Geschäft...
Meyer: Kaum? Überhaupt keine! Aber es wäre doch dumm, wenn Max Eberl oder vielleicht auch einmal Lucien Favre, wenn sie irgendeine sehr schwierige Entscheidung zu treffen hätten, nicht Rainer Bonhof und oder Hans Meyer um Rat fragen würden.
ran.de: Favre hat seit seinem Amtsantritt ohne Frage viele richtige Entscheidungen getroffen. Sehen Sie eine, die heraus ragt beim anhaltenden Erfolg der Borussia?
Meyer: Das ist schwierig zu sagen. Auf jeden Fall ist es ihm in extrem kurzer Zeit gelungen zu erkennen, auf welchen Positionen er mannschaftsintern etwas ändern musste, um wieder eine Grundordnung auf dem Platz zu etablieren. Diese Fähigkeit, die Weichen in kürzester Zeit so zu stellen, dass alles zusammen passt, spricht für seinen enormen Fußball-Fachverstand. Und besonders zugute halten muss man ihm, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Chance hatte, eine eigene Vorbereitung durchzuziehen und neue Spieler zu verpflichten.
ran.de: Es ist bekannt, dass Sie große Stücke auf Michael Frontzeck halten. Schmerzt es Sie, dass Frontzecks Leistung in den Medien sehr schlecht bewertet wurde?
Meyer: Genau das ist es, was mich so drückt! Und das, auch ganz unabhängig von Michael Frontzeck, seit vielen Jahren. Warum muss bei jedem - ohne jede Frage vollauf berechtigten - Lob für Lucien Favre im zweiten Teil des Satzes immer der Verweis kommen „ganz anders als bei Frontzeck“? Dieses ständige Nachkarten ist doch idiotisch. Michael Frontzeck hat hier in seinem ersten Jahr unter schwierigen Voraussetzungen richtig gut gearbeitet. Aber aus verschiedenen Gründen, u. a. großes Verletzungspech, hat es im zweiten Jahr nicht mehr funktioniert. Und es gibt wohl kaum einen Trainer, der eine solche oder eine ähnliche Erfahrung noch nicht gemacht hätte. Warum also muss man jetzt, wo es unter Lucien so toll läuft, im Nebensatz doch noch immer wieder Frontzecks vermeintliches Versagen erwähnen?!
ran.de: Das scheint Sie tatsächlich sehr zu ärgern...
Meyer: Vor zwei Jahren haben die Bayern unter Louis van Gaal einen Fußball gespielt, der mit zwei Titeln, Meister und Pokalsieger, und dem Champions League-Finale nicht nur hoch erfolgreich war, sondern den Fußballliebhaber auch begeistert hat. Seitdem Jupp Heynckes in München ist und mit seiner Mannschaft fantastisch spielt, wird alle paar Tage geschrieben, wie schwer er es hätte, die „blöde Ballbesitz-Philosophie“ von van Gaal aus der Mannschaft heraus zu bekommen.
ran.de: Auch mit Ihrem Sportdirektor Max Eberl ist die Presse in der letzten Saison nicht sehr zimperlich umgesprungen...
Meyer: Und auch das war für mich total ungerechtfertigt, weil Max bisher in den zweieinhalb Jahren, in denen er in der Verantwortung steht, aus meiner Sicht richtig gute Arbeit gemacht hat. Umso mehr freue ich mich für ihn, dass es jetzt so aussieht, als könnte doch ein relativ sorgenfreies Jahr vor der Borussia liegen - auf der Grundlage der von ihm geholten Spieler.
ran.de: Wenn die Gladbacher Borussia bisher die positive Überraschung der Saison ist, dann tut sich die Dortmunder Borussia bisher doch schwer. Überrascht Sie dieser mäßige Start oder muss man im Nachmeisterjahr für die junge BVB-Elf Verständnis haben?
Meyer: Jede Mannschaft ist die Summe dessen, was jeder einzelne bietet. Wenn dann zwei, drei Spieler ausfallen, der eine, weil er verkauft wurde, die anderen, weil sie verletzt oder gesperrt sind, und auch die Außenseiterposition, die man im Meisterjahr innehatte, nicht mehr existiert, dann ist es nicht so unwahrscheinlich, dass eine solche Mannschaft vielleicht ein paar Prozente weniger in die Waagschale werfen kann. Trotzdem ist es nach sieben Spieltagen viel zu früh für ein Urteil. Lässt der BVB dem Sieg in Mainz jetzt noch einen folgen, ist jedes Gerede von einer Krise im Keim erstickt.
ran.de: Vor allem die Boulevardpresse lässt den Klubs aber kaum diese Zeit...
Meyer: Denken Sie an den glänzenden Dortmunder Sieg am ersten Spieltag gegen einen HSV, von dem wir heute wissen, dass er zu dieser Zeit in schlechter Verfassung war. Und erinnern Sie sich an den gleichzeitigen Sieg der Gladbacher Borussia in München. Da standen am ersten Spieltag Meister und erster Absteiger doch bereits fest (lacht).
ran.de: In der letzten Saison wurde viel über die neue Trainergeneration mit Klopp, Tuchel oder Dutt geschrieben. Jetzt sind es plötzlich aber wieder die älteren, wie Heynckes, Schaaf oder Favre, die alles richtig zu machen scheinen. Ärgert Sie diese Schwarzweiß-Malerei?
Meyer: Wie oft haben wir solche vermeintlichen Trends schon erlebt?! Ich habe nie verstanden, wie man ‚jung oder alt’ zugrunde legen kann für ‚gut oder schlecht’. Wir sollten froh sein, dass Fußball-Deutschland neben einer unglaublichen Menge an jungen, talentierten Spielern eine Anzahl an jungen dynamischen Trainern am Start hat, die zur Hoffnung Anlass geben, dass die Erfolge der „Alten“ ihre Fortsetzung finden. Wenn die Einschätzungen nach Momentaufnahmen stimmen, dann würde das doch bedeuten, dass Sir Alex Ferguson mit Manchester United seit zwanzig Jahren antiquierten Fußball spielen lässt und Felix Magaths Meistertitel und Pokalsiege dem Zufall entspringen. Natürlich Unfug! Es gibt einige Prinzipien im Fußball, die werden ewig bestehen.
ran.de: Welche sind das?
Meyer: Viel hängt davon ab, ob Trainer und Mannschaft gut kommunizieren und ob ein natürliches, gegenseitiges Akzeptanz- und Respektverhältnis vorhanden ist. Und das hat absolut nichts mit jung und alt zu tun. Ich persönlich halte von Thomas Tuchel und Robin Dutt auch eine Menge, diese Kollegen haben eine sehr gute Auffassung vom Fußball und offensichtlich auch viel Geschick beim Umgang mit den nicht immer ganz einfachen Profis. Aber der Hype, der letztes Jahr um sie gemacht wurde, war sicher übertrieben und ich vermute, dass sehen sie selbst auch so.
ran.de: Wenn Sie Fußball schauen, welches Team bereiten Ihnen im Moment die größte Freude?
Meyer: Wer Fußballliebhaber ist, der kann da nur den FC Barcelona nennen. Denn es sind solche Mannshaften, wie auch Gladbach in den Glanzzeiten oder Ajax Amsterdam in den 70er Jahren, der AC Milan mit den drei Holländern Gullit, Rijkaard und van Basten Ende der 80ern oder der FC Barcelona unter Johan Cruyff, der den ‚totalen Fußball’ hat spielen lassen, bei dem man immer den Eindruck hatte, Barca hätte drei Mann mehr auf dem Feld, die auch noch nach Jahrzehnten begeistern. Wir in Deutschland konnten auch richtig dankbar sein über die Art wie die Bayern im ersten Van-Gaal-Jahr oder letzte Saison unser aktueller Meister unter „Kloppo“ gespielt haben. Wer den Fußball wirklich liebt, der wird diese positiven Aspekte suchen, und nicht die wenigen negativen, wie z.B. aktuell die Erkrankung von Ralf Rangnick.

























