17.09.11Bundesliga

Gladbachs Marc-Andre ter Stegen im Interview: "Borussia liegt mir am Herzen"

Borussia Mönchengladbach spielt bisher eine hervorragende Saison – und großen Anteil daran hat Marc-Andre ter Stegen. Gladbachs junger Torwart ist in wenigen Monaten zu einem der besten Keeper der Liga avanciert. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht ter Stegen über vermeintlich unhaltbare Bälle, die große Zahl sehr junger Torhüter in der Liga und darüber, wie wichtig gerade auch der Kopf im Profi-Fußball ist.

Marc-Andre ter Stegen ist in seinen jungen Jahren bereits ein starker Rückhalt
Marc-Andre ter Stegen ist in seinen jungen Jahren bereits ein starker Rückhalt © imago

ran.de: Herr ter Stegen, es gab nach ihrem Trainingsunfall einige Gerüchte um Ihren Einsatz. Wie geht es Ihnen?
Marc-Andre ter Stegen: Im ersten Moment war die Verletzung sehr schmerzhaft, aber jetzt ist das kein Problem mehr. Ich kann gegen Hamburg spielen.

ran.de: Zum Hamburger SV kommen wir später zurück. Zunächst zur vergangenen Woche: Wie hält man einen "unhaltbaren" Ball, den man gar nicht sieht - wie den des Lauterer Tiffert, der per Fallrückzieher beinahe ein Traumtor gegen Sie erzielt hätte?

ter Stegen: Ich habe diese Situation tatsächlich erst sehr spät erkennen, den Ball aber im letzten Augenblick doch noch sehen und mit einer Hand über die Latte lenken können.

ran.de: Klingt leicht...

ter Stegen: Man muss einfach nur reagieren (lacht). Ich bin jedenfalls froh, dass wir wieder zu Null gespielt haben, und dass unsere gesamte Defensive in den letzten Spielen so gut funktioniert.

ran.de: Aktuell sind Sie der notenbeste Torhüter der Liga. Wundern Sie sich manchmal nicht über sich selbst, wie schnell sich Ihr Aufstieg vollzogen hat?

ter Stegen: Ich mache mir darüber eigentlich keine Gedanken. Natürlich ist es schön, wenn man gelobt wird. Letztlich aber zählt für mich ohnehin nur, was Woche für Woche auf dem Platz passiert. Und dass es dort klappt, dafür kämpfe ich sehr hart.

ran.de: In der Liga gibt es mittlerweile sehr viele sehr junge Torhüter. Dabei könnte man doch meinen, dass gerade im Tor Erfahrung und damit zwangsläufig Alter Voraussetzung ist?

ter Stegen: Könnte man meinen. Aber die Liga zeigt, dass auch sehr junge Keeper Woche für Woche ihre Leistungen bringen können. Und warum sollte man dann nicht auch auf diese jungen Leute setzen?!

ran.de: Schon richtig, aber die Frage ist doch, woher ein so junger Mann wie Sie diese Ruhe und Abgeklärtheit nimmt?

ter Stegen: Ich werde von der Mannschaft hervorragend unterstützt und weiß, dass ich mich auf jeden einzelnen hundertprozentig verlassen kann. Also versuche ich einfach nur, etwas zurückzugeben und ihr ein guter Rückhalt zu sein. Wenn es dann so läuft wie gegen Kaiserslautern, mit einem Treffer vorne und keinem hinten, dann sind alle glücklich.

ran.de: Ist es für einen jüngeren Keeper vielleicht sogar besser, in einem Klub zu spielen, bei dem er häufig gefordert wird, als in einem Topteam, wo er im Spiel 89 ruhige Minuten verbringt, in der letzten Minute aber plötzlich hellwach sein muss?

ter Stegen: Ich kann schlecht über Situationen in anderen Klubs sprechen. Allerdings habe ich auch bei uns schon verschiedene schwierige Tage erwischt. Es gibt Spiele, wie das gegen Kaiserslautern, in denen ich bis auf ein, zwei Situationen nichts zu tun bekomme. Und dann gibt es die Partien, in denen man oft gefordert wird. Was besser ist, kann ich nicht sagen. Letztlich geht es nur darum, immer dann, wenn man gefordert wird, auch voll auf der Höhe und im Spiel zu sein. Und ich versuche alles, damit mir das auch immer gelingt.

ran.de: Auch einige andere Torhüter waren sehr jung bereits sehr gut, sind dann aber in eine Krise geraten - etwa Rene Adler, Michael Rensing oder Thomas Kraft. Kann man sich auf so etwas vorbereiten?

ter Stegen: Toi, toi, toi - bei mir ist es bisher ganz ordentlich gelaufen, ich hatte noch keinen Durchhänger. Aber es gibt durchaus Tage, da spürt man, dass irgendetwas anders ist als z. B. in der Vorwoche...

Voting

Bundesliga

Wer ist aktuell der beste Torhüter in der Bundesliga?

Manuel Neuer (FC Bayern)
Marc-Andre ter Stegen (Gladbach)
Ron-Robert Zieler (Hannover 96)
Tim Wiese (Werder Bremen)
Roman Weidenfeller (Dortmund)
ein anderer Torhüter

ran.de: Was ist dann anders?

ter Stegen: Das ist schwer zu sagen. Aber jeder Spieler hat ein Gespür für seinen Körper und auch für das Spiel, in dem er sich gerade befindet. Man muss daraus dann nur die richtigen Schlüsse zieht. Trotzdem kann es immer vorkommen, dass man mal einen Fehler macht. Im Übrigen gibt es auch nicht nur die „großen“ Fehler, die jeder sieht, weil sie z. B. zu einem Gegentor führen. Es gibt auch die kleinen Fehler, die Ungenauigkeiten, die man nur selbst oder die nur der Trainer erkennt. Wichtig ist, dass man gerade auch an diesen „Kleinigkeiten“ arbeitet.

ran.de: Ist es ein "kleiner Fehler", wenn Sie mit dem Ball am Fuß im eigenen Strafraum den gegnerischen Stürmer ins Leere laufen lassen, wie gegen Kaiserslautern geschehen?

ter Stegen: Warum sollte das ein Fehler sein?

ran.de: Weil eine solche Aktion vielleicht dazu führt, dass Ihrem Trainer für einen Moment das Herz stehen bleibt? Oder weil das im ungünstigsten Fall sogar zu einem Gegentreffer führen könnte?

ter Stegen: "Könnte", hat es aber nicht (lacht)...

ran.de: Als Kind waren Sie Stürmer. Bekommt man während eines Spiels da schon mal einen mittleren Wutanfall, wenn ein Kollege wie Raul Bobodilla sich an einem Kunstschuss versucht, statt die Kugel einfach nur ins Tor zu schieben?

ter Stegen: Wenn das nicht menschlich ist, was denn dann?!

ran.de: So etwas kann schon mal den Sieg kosten...

ter Stegen: Klar wäre das schade. Gegen Lautern hätte diese Aktion das 2:0 bringen können und wir hätten nicht bis zur letzten Minute noch um den Sieg zittern müssen. Trotzdem bleibe ich dabei: das ist menschlich. Und man hat an unserer und an der Reaktion der Fans sehen können, dass wir alle eng zusammenstehen und dass niemand die Schuld gegeben wird, wenn mal etwas nicht so gut läuft oder einem vielleicht mal etwas nicht gelingt. Im Gegenteil: derjenige wird dann von allen anderen, auch von denen, die auf der Bank sitzen, aufgebaut. Anders geht es auch nicht. Wir können nur gemeinsam Erfolg haben.

ran.de: Apropos "Fehler": Denken Sie ab und an noch an Ihren Vorgänger Logan Bailly, den ein Fehler seinen Job bei der Borussia kostete?

ter Stegen: Ich kann dazu wenig sagen. Ich habe mich immer darauf konzentriert, mein eigenes Ding zu machen und meine Leistung voranzutreiben. Allerdings möchte ich betonen, dass wir ein sehr faires Verhältnis zueinander hatten und uns auch immer gegenseitig viel Glück gewünscht haben. Dass ich aber heute über seine Situation nachdenken würde, das ist nicht so. Dazu bin ich viel zu sehr auf meine eigene Situation fokussiert.

ran.de: Trotzdem werden Sie zur Kenntnis genommen haben, dass mit Hannovers Markus Miller nach der Tragödie um Robert Enke erneut gerade ein Torwartkollege mit Depressionen zu kämpfen hat...

ter Stegen: Selbstverständlich habe ich das gelesen. Ob gerade die Torwartposition aber besonders anfällig macht für eine solche Erkrankung, das kann ich nicht beurteilen. Ich bin doch gerade erst eine sehr kurze Zeit dabei und würde mir daher niemals ein solches Urteil erlauben. Ich hoffe, dass mir so etwas nie widerfährt, glaube es aber eigentlich auch nicht. Ich bin sicher, dass mich meine Familie und meine Freunde auch immer auffangen würden.

ran.de: Am Samstag müssen Sie beim HSV antreten. Die Hamburger machen momentan eine ähnlich schlechte Figur, wie Borussia in der ersten Hälfte der letzten Saison. Fühlt man als Profi da ein wenig mit?

ter Stegen: Es stimmt, wir kennen diese Situation. Da kommt dann eins zum anderen, und plötzlich geht gar nichts mehr. Aber von Mitleid würde ich nicht sprechen wollen. Im Übrigen: Es sind gerade einmal fünf Spieltage absolviert. Da sagt der schlechte Tabellenplatz des HSV genauso wenig aus wie unsere gute Platzierung. Was aber nicht heißen soll, dass wir nicht doch unbedingt drei Punkte aus Hamburg mitnehmen wollen.

ran.de: Laut "Sportbild" hat Ihr Trainer Lucien Favre am letzten Sonntag acht Stunden HSV-Videos geschaut. Wie viel wissen Sie über die Hamburger?

ter Stegen: Genug, wir sind von unserem Trainer wie immer bestens auf den Gegner vorbereitet worden. Grundsätzlich aber schauen wir mittlerweile in erster Linie auf unser eigenes Spiel und versuchen das durchzubringen.

ran.de: Seit und dank Favre funktioniert das hervorragend. In weniger als einem halben Jahr ist so aus der Schießbude die Festung der Liga geworden, bei demselben Spielerpersonal. Das ist immer noch sehr verblüffend...

Voting

Bundesliga

Wo landet Borussia Mönchengladbach in der Saison 2011/2012

Meister
Champions-League-Platz
Europa-League-Platz
Mittelfeldplatz
Abstiegskampf

ter Stegen: ... und zeigt einmal mehr, welche Rolle gerade auch der Kopf im Profi-Fußball spielt. In der letzten Saison ist es uns gerade noch gelungen, den Strohhalm zu ergreifen, uns aus dieser misslichen Lage herauszukämpfen und den Abstieg noch zu vermeiden. Das war durchaus mehr als nur ein kleines Fußball-Wunder. Und ich glaube, dass dieses Erlebnis die Mannschaft enorm zusammengeschweißt hat. Wenn man diese Euphorie dann in die neue Saison retten kann und zum Start gleich auch noch bei den Bayern gewinnt, dann kann das durchaus Signalwirkung für eine ganze Saison haben.

ran.de: Das wäre doch eine gute Ausgangslage, um Ihren bis 2014 laufenden Vertrag, wie der Klub das wünscht, vorzeitig zu verlängern...

ter Stegen: Damit befasse ich mich im Moment gar nicht. Ich überlasse das lieber meinem Manager, der die Dinge für mich regelt – natürlich immer in Absprache mit mir. Soviel kann ich aber sagen: ich bin seit meinem vierten Lebensjahr Borusse. Da steht es wohl außer Frage, dass ich mich hier sehr wohl fühle und dass mir dieser Verein sehr am Herzen liegt.

Marc-Andre ter Stegen verliert im Training einen Zahn

© ran.de / Andreas Kötter
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