21.10.11Bundesliga

Gladbachs Thorben Marx im Interview: "Wir haben immer einen Plan"

Obwohl Borussia Mönchengladbach beim 2:2 gegen Bayer Leverkusen zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder mehr als einen Gegentreffer hinnehmen musste, konnten die Fohlen den zweiten Tabellenplatz erobern. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht Mittelfeldspieler Thorben Marx über die Gefühlslage eines Profis, der zwischen Stammelf und Ersatzbank pendelt, über das Gladbacher Betriebsklima und über Trainer Lucien Favre.

Thorben Marx (r.) stand in dieser Saison bislang fünfmal in der Gladbach-Startelf
Thorben Marx (r.) stand in dieser Saison bislang fünfmal in der Gladbach-Startelf © Imago

ran.de: Herr Marx, wenn Sie sich als Fußballer selbst beschreiben sollten, welches Bild von sich würden sie zeichnen?

Thorben Marx: Ich denke, dass ich ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler bin, der seine Egoismen weit hinten anstellt, und der immer hundert Prozent gibt.

ran.de: Sie gelten auch als eher ruhiger Spieler und sind alles andere als ein "Lautsprecher". Gerade aber hat ein Foto in "Sportbild" gezeigt, wie Sie Ihre Mannschaftskameraden vor einem Spiel lautstark einschwören. Kommt Ihnen innerhalb des Teams eine solche Führungsrolle zu?

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Marx: Es stimmt, ich bin grundsätzlich eher ein ruhiger Typ.  Allerdings sind "privat" hier und "auf dem Platz" dort zwei völlig verschiedene Dinge. Und als schon etwas älterer Spieler kommt mir, wie einigen anderen der Älteren auch, die Aufgabe zu, vor Spielbeginn im Mittelkreis die Teamkollegen einzuschwören und noch einmal zu pushen.

ran.de: Obwohl Sie zu Recht einen Ruf als Vorzeige-Profi genießen, bekommen Sie in den Medien längst nicht immer die Anerkennung, die Ihnen zustehen würde. Ärgert Sie das?

Marx: Nein, damit komme ich sehr gut zurecht. Für mich ist es nicht wichtig, ob oder dass ich jeden Tag in der Zeitung genannt werde. Am Anfang meiner Karriere, als junger Spieler, mag das noch ein wenig anders gewesen sein. Heute aber ist für mich der einzige Gradmesser, ob Verein und Trainer mit mir zufrieden sind.

ran.de: Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie einschließlich der U21 alle Jugendnationalmannschaften des DFB durchlaufen, mit der A-Nationalmannschaft aber hat es nie geklappt. Hatten Sie keine Lobby?

Marx: Ich denke eher, dass das schlichtweg auch mit meiner Leistung zusammen gehangen hat. Bei mir hat es tatsächlich bis zum Team 2006 gereicht, das es parallel zur A-Elf in den Jahren vor der Weltmeisterschaft in Deutschland gab. Mein Wechsel von Hertha zu Arminia Bielefeld mag dann möglicherweise auch ein kleiner Rückschritt gewesen sein. Letztlich muss man sich vielleicht aber einfach auch eingestehen und akzeptieren, dass es bis ganz nach oben eben doch nicht gereicht hat.

ran.de: Bei der Borussia waren Sie lange Zeit Stammspieler, haben dann aber unter Lucien Favre diesen Status zwischenzeitlich verloren und rückten erst gegen Wolfsburg wieder in die Anfangsformation. Trotzdem war von Ihnen nie ein Wort des Unmutes zu hören...

Marx: Ich habe die Entscheidung des Trainers eingesehen. Meine Leistungen waren zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr so gut, wie sich der Verein und auch ich selbst mir das vorgestellt habe. Zudem hatten wir damals eine sehr schwierige Phase. Es ist klar, dass ein neuer Trainer dann auch etwas verändern muss. Natürlich war diese Entscheidung nicht schön für mich. Ich würde das aber nie persönlich nehmen, sondern immer sportlich. Also habe ich in der Folge versucht, mich wieder heranzukämpfen.

ran.de: Was Ihnen gelungen ist, nach Wolfsburg standen Sie noch viermal in der Startelf und wurden gegen Nürnberg zum "heimlichen Man of the Match" gekürt. Wie schwer fällt diese Achterbahnfahrt der Gefühle?

Marx: Ganz einfach ist es nicht, damit klar zu kommen. Wichtig ist, dass man Menschen hat, mit denen man sprechen und bei denen man sich Rat holen kann. Würde man diesen ganzen Frust mit nach Hause nehmen und hätte dort auch niemanden, dem man sich anvertrauen kann, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass einen das in eine sehr schwierige Situation bringen kann. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich meine Familie habe.

ran.de: Vor dem Spiel gegen Leverkusen waren Sie recht sicher, Ihren Platz behaupten zu können, mussten dann aber doch zurück auf die Bank. Wie groß war die Enttäuschung?

Marx: Ganz ehrlich, ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass ich gegen Leverkusen zunächst wieder auf der Bank sitzen würde. Umso größer war natürlich meine Enttäuschung. Bei unserem Trainer kann sich aber keiner sicher sein, weil er oft auch aus dem Bauch heraus entscheidet.

ran.de: Haben Sie von Lucien Favre eine Erklärung bekommen?

Marx: Der Trainer hat kurz mit mir gesprochen und mir gesagt, dass es nicht an meiner Leistung liegen würde, sondern dass es eine reine Gefühlssache sei. Als Spieler muss man aber auch nicht alles verstehen, was ein Trainer entscheidet (lacht).

ran.de: Eine auf den ersten Blick verblüffende Entscheidung war auch, gegen Leverkusen auf Raúl Bobadilla und damit auf eine zentrale Sturmspitze zu verzichten und stattdessen Patrick Herrmann zu bringen. Hält Favre solche Überraschungen öfter parat?

Marx: Der Trainer hat im Großen und Ganzen sicherlich seine Mannschaft immer im Kopf. Wenn dann aber jemand ausfällt, wegen Verletzung etc., dann überrascht er tatsächlich des Öfteren. Und gegen Leverkusen hätten in der Tat die meisten wohl Bobadilla in der Anfangsformation erwartet.

ran.de: Er selbst sich auch?

Marx: Ich denke schon (lacht). Im Augenblick ist Raúl Stürmer Nummer drei. Fällt einer der beiden Gesetzten aus, dann scheint es erst einmal logisch, dass Nummer Drei nachrückt.

ran.de: Geht Bobadilla mit solchen Enttäuschungen heute besser um, als in seiner ersten Zeit bei Borussia?

Marx: Ich habe schon das Gefühl. Man sieht seiner ganzen Spielweise an, dass er nicht mehr so egoistisch denkt wie früher. In der Kabine macht er aber trotzdem noch seine Späße, so dass ich glaube, dieses halbe Jahr in Griechenland hat ihm wirklich etwas gebracht.

ran.de: Überhaupt scheint das Betriebsklima zurzeit exzellent?

Marx: Ich glaube, dass es uns sehr gut getan hat, dass wir im letzten Winter Jungs wie Martin Stranzl, Mike Hanke oder Havard Nordtveit, die charakterlich sehr stark sind, dazu bekommen haben. Der Erfolg macht das dann alles rund.

ran.de: Eine der größten Errungenschaften unter Favre ist, dass die Elf jetzt immer einen Plan zu haben scheint, von dem sie auch dann nicht abweicht, wenn einmal etwas Unvorhergesehenes passiert...

Marx: Mit den Ergebnissen ist selbstverständlich auch das Selbstvertrauen enorm gewachsen. Wir wissen jetzt, dass wir ein Spiel auch in der zweiten Halbzeit oder sogar erst in der Nachspielzeit für uns entscheiden können. Der Trainer hat uns die Fähigkeit vermittelt, immer positiv zu denken, auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Und es gibt fast in jedem Spiel mal eine schlechte Phase, die es zu überstehen gilt.

ran.de: Dabei scheint auch kaum eine Rolle zu spielen, ob die Mannschaft zuhause spielt oder auswärts?

Marx: Wir haben immer einen Plan, den wir durchbringen wollen. Und in der Tat spielt es da keine Rolle, ob wir zuhause spielen oder auswärts. Denn wir wissen, dass wir immer dann erfolgreich sind, wenn wir diesen Plan möglichst exakt umsetzen.

ran.de: Kleiner Wermutstropfen: der zweitbesten Abwehr steht auch der – nach Toren – zweitschlechteste Angriff der Liga gegenüber. Eine Abschlussschwäche, die in den letzten beiden Spielen in Freiburg und gegen Bayer, fünf Punkte gekostet hat. Wie kann der Knoten platzen?

Marx: Fakt ist, dass wir daran weiter arbeiten müssen. Aber es gibt auch noch andere Dinge zu verbessern. So versuchen wir, noch mehr Ballbesitz zu bekommen, um noch dominanter auftreten zu können. Ermutigend ist aber, dass wir überhaupt diese Fülle an Torchancen heraus arbeiten. Sogar dann, wenn wir nicht besonders gut spielen, haben wir noch vier, fünf hochkarätige Chancen.

ran.de: Ihr Teamkollege Mike Hanke hat kürzlich erzählt, dass Favre oft die Spielform "elf gegen null" spielen lässt, um bestimmte Spielzüge einzustudieren; wie oft gewinnt null, sprich wie lange dauert es, bis ein Spielzug sitzt und der Trainer zufrieden ist?

Marx: Das kann in der Tat dauern, bis das sitzt (lacht). Am Anfang wundert man sich auch schon mal über solche Übungen, die zunächst nicht allzu spannend zu sein scheinen. Überhaupt arbeiten wir sehr intensiv an diesen Details und an vermeintlichen Kleinigkeiten. Wenn man aber merkt, wie viel es tatsächlich bringt, wenn sich nach und nach diese Automatismen einstellen, nimmt man das alles gerne in Kauf.

ran.de: Am Wochenende reist die Borussia nach Hoffenheim (Sa. 15:30 Uhr im Live-Ticker), Ihre Einschätzung?

Marx: Gerade zuhause ist Hoffenheim sehr stark. Gegen die Bayern hätten sie gewinnen müssen, gegen den BVB haben sie gewonnen. Das ist also eine sehr spielstarke Truppe. Leicht wird das für uns aber sicher nicht.

ran.de: Dennoch gehen Sie schon heute davon aus, "dass Borussia schöne Weihnachten haben wird". Hat diese Elf aber vielleicht sogar das Zeug zu mehr als nur zu "schöne Weihnachten"?

Marx: Ich denke doch. Denn wir erzielen jetzt schon über einen längeren Zeitraum sehr gute Ergebnisse, und wir treten auch sehr dominant auf. Man kann also sicher nicht mehr nur von Glück sprechen. Aber wir wissen auch, dass wir nicht auch nur um ein einziges Prozent nachlassen dürfen. Denn dann könnte es ganz schnell auch wieder in die andere Richtung gehen. Beherzigen wir das, bin ich überzeugt, dass wir in dieser Saison eine sehr gute Rolle spielen können. Auch über Weihnachten hinaus!

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© ran.de / Andreas Kötter
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