ran.de: Senor Dante, vor der Saison haben Sie davon gesprochen, dass schon der Gedanke an den neunten Platz fahrlässig wäre. Nach mehr als einem Drittel der Vorrunde aber liegt die Borussia nur zwei Punkte hinter Tabellenführer Bayern München. Sind Sie selbst überrascht, wie gut Ihr Team ist?
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Wer wird Herbstmeister 2011?
Dante: Nach der letzten Saison, in der wir uns schließlich erst in der Relegation retten konnten, hat wohl niemand für möglich gehalten, dass wir nach dem 13. Spieltag zu den zwei, drei besten Teams der Liga gehören würden. Heute aber überrascht mich ein Sieg wie das 5:0 gegen Bremen nicht mehr. Denn ich sehe Woche für Woche, was wir zu leisten im Stande sind. Wir haben diese 26 Punkte nicht auf irgendeine Weise geschenkt oder durch Glück bekommen, sondern haben uns jeden dieser Punkte redlich verdient.
ran.de: Hätten es sogar noch mehr sein können?
Dante: Ich denke schon. Wir haben dreimal verloren, jeweils 0:1 auf Schalke, in Freiburg und in Hoffenheim. Einmal ganz davon abgesehen, dass in Freiburg ein Sieg für uns und auf Schalke und in Hoffenheim ein Unentschieden verdient gewesen wäre, freut mich vor allem, dass wir bisher keine klare Niederlage bekommen haben, wie das in der letzten Saison oft der Fall war. Freiburg, Hoffenheim, Schalke oder auch Leverkusen, wo wir trotz großer Überlegenheit zuhause "nur" 2:2 gespielt haben – das sind die Spiele, aus denen wir noch lernen müssen. Lernen, auch dann erfolgreich zu sein, wenn es fußballerisch einmal nicht so gut läuft.
ran.de: Stichwort "Klatsche": Dieselben Spieler, die heute Werder Bremen mit 5:0 vom Platz fegen und die zweitbeste Defensive der Liga bilden, wurden vor acht, neun Monaten als "Schießbude der Liga" verspottet. Gibt es für diese Entwicklung überhaupt eine logische Erklärung?
Dante: Die gibt es, zumindest für mich. Diese Entwicklung zeigt, welch große Bedeutung die Psychologie im Fußball tatsächlich hat. Ich bin ein Typ, der, gerade auch im übertragenen Sinn, den Kopf nie unten hat, und ich denke immer positiv. Das ist in der letzten Saison nicht jedem bei uns gelungen. Wenn wir ein Tor bekommen haben, sind die Köpfe reihenweise nach unten gegangen, und die nächsten Gegentreffer haben nicht lange auf sich warten lassen. Heute aber hat diese Elf eine andere Mentalität, Beispiele gibt es dafür genug. So haben wir gegen Wolfsburg und Berlin nach einem 0:1-Rückstand noch gewonnen, gegen Leverkusen wenigstens noch unentschieden gespielt. Im Kopf gesund zu sein: das ist es, worauf es gerade auch im Fußball ankommt.
ran.de: Was trauen Sie Ihrer Mannschaft in dieser Saison nun zu?
Dante: Ich glaube, dass wir gut beraten sind, genauso weiter zu arbeiten, wie bisher. Bisher denken wir nur von Spiel zu Spiel, und unser oberstes Ziel bleibt es erst einmal, die viel zitierten "40 Punkte plus" zu sammeln. Sollten wir diese 40-Punkte-Marke überschreiten, dann ist es immer noch früh genug, über neue, höhere Ziele nachzudenken. Das "Was wäre, wenn..." der Presse spielen wir jedenfalls nicht mit. Das würde uns nur schaden und unnötig Druck aufbauen.
ran.de: Haben Sie dabei auch die Frankfurter Eintracht im Hinterkopf, die in der letzten Saison in der Vorrunde 26 Punkte gesammelt hatte, am Ende aber dennoch absteigen musste?
Dante: Natürlich! Die Eintracht ist ein mahnendes Beispiel, dem wir selbstverständlich nicht folgen wollen.
ran.de: Ein ständiger Mahner bleibt auch Ihr Trainer Lucien Favre, der selbst nach einem 5:0 gegen Bremen noch Negatives findet. Denkt man als Spieler dann schon mal "Trainer, bleib mal locker"?
Dante: Nein. Denn der Trainer hat völlig Recht. Auch beim 5:0 gegen Bremen gab es in den ersten 15 Minuten einiges, was wir durchaus hätten besser machen können. Zum Beispiel haben wir den Bremern in der Anfangsphase einige Freistöße aus gefährlicher Distanz ermöglicht, die wir beim nächsten Mal unbedingt vermeiden sollten. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur dann dauerhaft erfolgreich sein können, wenn wir uns immer wieder aufs Neue hinterfragen.
ran.de: Sind Sie angesichts des Höhenflugs der Borussia eigentlich froh, dass man Ihnen im Sommer die Freigabe verweigert hat?
Dante: Selbstverständlich ist es schön, Teil einer so erfolgreichen Mannschaft zu sein. Aber ich wäre auch dann froh Gladbacher zu sein, wenn sich dieser Erfolg nicht eingestellt hätte. Als man mir im Sommer die Freigabe verweigert hat, habe ich das umgehend akzeptiert und mich wieder ganz auf Borussia konzentriert. Und ich glaube, dass ich den Fans mit meinen Leistungen gezeigt habe, dass ich immer mit ganzem Herzen bei der Sache bin.
Frage: Das ist jetzt offensichtlich auch bei Ihrem Mannschaftskameraden Juan Arango der Fall, der gerade erklärt hat "Ich will nie mehr weg"...
Dante: Juan spielt überragend...
ran.de: Nach Arangos 5:0 gegen Bremen sprintete Keeper Marc-André ter Stegen über den gesamten Platz, um den Treffer mit den Teamkollegen zu feiern. Sieht so eine verschworene Gemeinschaft aus?
Dante: In der letzten Saison gab es in Dortmund eine ähnliche Szene mit Roman Weidenfeller (nach dem 1:1-Ausgleichstreffer von Antonio da Silva gegen Hoffenheim; d. Red.). Daran habe ich mich am Samstag erinnert. Denn eine solche Szene zeigt, wie nah wir in den letzten Monaten zusammengerückt sind. Dabei geht es gar nicht darum, dass jeder mit jedem gleich gut befreundet ist, und wir alle jeden Abend zusammen essen oder ins Kino gehen oder jeden Samstagabend zusammen feiern. Vielmehr geht es um Respekt. Darum, dass ich für dich in die Bresche springe, wenn du einen Fehler machst, und alles gebe, um diesen Fehler auszubügeln – und umgekehrt. Bei uns hilft einer dem anderen, ob auf oder neben dem Platz.
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Bei welchem Verein soll Marco Reus nächste Saison spielen?
ran.de: Wie können Sie als älterer, erfahrener Spieler Marco Reus helfen, der momentan tägliches Objekt der Spekulationen ist?
Dante: Ich habe schon einige Male mit Marco geredet und ihm gesagt, dass er sich so wenig wie möglich ablenken lassen darf von dem, was tagtäglich geschrieben wird. Er darf sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen, was vielleicht in einem halben oder in einem Jahr sein könnte, sondern er hat ganz einfach die Pflicht seinen Job für Borussia so gut wie eben möglich zu machen. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass ihm das auch weiterhin gelingt. Denn Marco ist ein richtig guter, intelligenter Junge.
ran.de: Was genau sagen Sie zu ihm?
Dante: Ich sage "Marco, du bist auf deiner Position der beste Spieler der Bundesliga. Und es gibt nur einen anderen Klub, der sich dich leisten könnte. Und das ist der FC Bayern München. Das ist eine große Ehre. Aber du musst dir auch immer wieder klar machen: du darfst in deiner Heimat Deutschland spielen, du hast deine Familie und deine Freunde um dich herum, du bist der Liebling aller Gladbacher Fans, du hast einen guten Vertrag. Kurzum: du hast alles, was sich ein Fußballer nur wünschen kann. Und es gibt für dich überhaupt keinen Grund, nervös zu werden."
ran.de: Bis jetzt hat man den Eindruck, dass diese Worte Reus auch erreichen und er den Wirbel um seine Person recht gut verkraftet...
Dante: Ich glaube, Marco hat sehr viele positive Kraft in sich. Und er kann dieses Thema offensichtlich gut ausblenden. Wir Älteren müssen ihn dabei aber auch immer wieder unterstützen. Ich weiß, dass Marco nicht gerne hört oder liest, dass Borussia nur wegen seiner Tore so gut ist. Das belastet ihn doch ein wenig. Also müssen wir ihm immer wieder vermitteln "Marco, bleib’ ruhig, es ist alles okay, und es spielt für uns keine Rolle, was geschrieben wird." Ich denke, das klappt ganz gut, wie seine zwei Tore gegen Hannover, zwei Tore in Berlin und zuletzt drei Tore gegen Bremen gezeigt haben. Wichtig ist jetzt aber auch, dass wir uns nicht jedes Mal darauf verlassen, dass Marco schon irgendwann treffen wird, sondern dass wir auch selbst die Initiative ergreifen.
ran.de: Glauben Sie, dass Reus auch noch in der nächsten Saison für Borussia spielen wird?
Dante: Dazu kann ich wirklich nichts sagen.
ran.de: Und Sie?
Dante: Entscheidend ist, dass man seine Situation annimmt und glücklich ist. Und ich bin sehr glücklich in Gladbach. Ob ich noch eine Saison bleibe, oder zwei, drei, vier oder vielleicht sogar für den Rest meiner Karriere, kann ich heute nicht sagen. Auf jeden Fall will ich am Ende meiner Zeit bei Borussia sagen können, dass ich immer alles, wirklich alles für diesen Klub gegeben habe. Ich möchte dann stolz darauf sein können, was ich mit der Borussia hoffentlich erreicht habe.
ran.de: Um Stolz und Ehre geht es für alle Gladbacher immer auch im Derby beim 1. FC Köln, wo die Borussia in der Vergangenheit meist gut ausgesehen hat. Warum liegen einem manche Klubs und andere eher nicht?
Dante: Ich glaube, das ist auch Kopfsache. Fußball ist zunächst mal doch einfach nur elf gegen elf. Wenn man in der Vergangenheit aber die Erfahrung gemacht hat, dass man zum Beispiel in Köln einige tolle Siege feiern konnte, dann reist man auch beim nächsten Mal mit dem Gefühl dorthin, dort durchaus wieder etwas holen zu können. So etwas setzt sich in den Köpfen fest.
ran.de: Köln musste in der letzten Woche wegen des Suizidversuchs von Babak Rafati pausieren. Dieses Drama hat die Diskussion um Druck im Profifußball neu angeheizt. Wie empfinden Sie diesen Druck und wie empfinden Sie diese Diskussion per se?
Dante: Ich glaube, dass es einerseits einen viel existenzielleren Druck gibt, als den, dem wir Profi-Fußballer ausgesetzt sind. Wer seinen Job in der Firma oder in der Fabrik zu verlieren droht und dann nicht mehr weiß, wie er seine Familie durchbringen soll, der erlebt tatsächlich einen kaum auszuhaltenden Druck. Der Druck im Profi-Fußball aber ist ein anderer: Alles, was man auf oder abseits des Platzes macht oder sagt, kann am nächsten Tag in der Zeitung stehen. Wir bewegen uns wie unter einem Brennglas, und wir können uns niemals verstecken. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, welche verheerenden Auswirkungen das auf Menschen haben kann. Und ich weiß nicht, ob und wie ich ohne mein Gottvertrauen damit umgehen würde.
1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach: 20:30 Uhr im Live-Ticker












