02.12.11Bundesliga

BVB-Star Lewandowski und Gladbachs Hanke im Doppel-Interview mit ran.de

Wenn am Samstag (ab 15:30 Uhr im Live-Ticker) mit Borussia Mönchengladbach der Tabellenzweite den amtierenden Meister und bereits erneuten Tabellenführer Borussia Dortmund empfängt, dann ist das – wenn auch vor allem aus Sicht der Gladbacher – eine kleine Sensation. Schließlich konnte die "Fohlen"-Elf den Abstieg in der abgelaufenen Saison buchstäblich erst in der Nachspielzeit, in der Relegation vermeiden. Im exklusiven Doppel-Interview sprechen Gladbachs Mike Hanke und Dortmunds Robert Lewandowski vor dem Schlager über Favre und Klopp, über Reus und Götze, und über Bayern München und den Rest der Liga.

Robert Lewandowski (l.) und Mike Hanke standen ran.de im Doppel-Interview Rede und Antwort
Robert Lewandowski (l.) und Mike Hanke standen ran.de im Doppel-Interview Rede und Antwort © getty/dpa

ran.de: Herr Hanke, Herr Lewandowski, am Samstag treffen mit Gladbach und dem BVB die aktuell besten Mannschaften der Liga aufeinander. Noch vor drei Monaten hätte das wenigstens in Bezug auf Gladbach keiner für möglich gehalten...

Robert Lewandowski: Natürlich war man zunächst etwas überrascht, schließlich wäre Gladbach vergangene Saison um ein Haar abgestiegen. Aber schon im Endspurt der Saison, als wir dort mit 0:1 verloren haben, konnte man sehen, dass dort etwas entsteht. Und nach den letzten Ergebnissen sollte jede Mannschaft gewarnt sein. Allerdings ist es unsere Philosophie, dass wir uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren und uns nicht nach dem des Gegners richten.

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Mike Hanke: Diese Entwicklung konnte wirklich niemand voraussehen. Aber wir haben bisher eine tolle Saison gespielt und uns diese Position damit auch absolut verdient. Trotzdem wollen wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen. Schließlich haben wir noch einiges vor. Morgen jedenfalls wollen wir erst einmal den BVB schlagen.

ran.de: "Wir haben noch einiges vor": Das klingt durchaus sehr selbstbewusst und könnte als Griff nach der Meisterschale verstanden werden...

Hanke: Nein, nein, das war nicht meine Absicht! Wir denken nur von Spiel zu Spiel, so wenig Journalisten das auch hören wollen. Aber mit dieser Einstellung ist zum Beispiel Dortmund im letzten Jahr bestens gefahren.

ran.de: ...und damit am Ende Meister geworden....

Hanke: Dortmund konnte aber schon auf zwei sehr gute Spielzeiten zurückblicken. Wir dagegen sind noch alles andere als eine Spitzenmannschaft. Auch wenn es im Augenblick anders scheint, aber noch fehlt uns die nötige Konstanz, um dauerhaft ganz oben mitspielen zu können. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir mit unserer aktuellen Mannschaft irgendwann ein Spitzenteam stellen können. Und das ist auch unser Ziel.

ran.de: Sie beide wurden am letzten Wochenende vom "Kicker" in Ihren jeweiligen Partien zum "Spieler des Spiels" gewählt. Was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung, nachdem Sie beide in der Vergangenheit auch eine Menge Kritik einstecken mussten?

Hanke: Trotz der vielen Minuten ohne Treffer haben die Medien mich eigentlich relativ lange in Ruhe gelassen. Vielleicht, weil der eine oder andere doch erkannt hat, dass ich auch ohne Tore für dieses Team sehr wichtig sein kann. Ich bin mir aber auch immer sicher gewesen, dass ich irgendwann wieder treffen würde. Dass das dann ausgerechnet im Derby beim 1. FC Köln und dann gleich auch noch doppelt der Fall sein würde, das war natürlich besonders schön.

Lewandowski: Es ist schön, so etwas über sich zu lesen. Letztlich aber hat eine solche Auszeichnung für mich ebenso wenig Bedeutung wie die negative Kritik der Medien. Ich konzentriere mich ausschließlich auf mein Spiel und auf das, was der Trainer mir vorgibt.

ran.de: Nach Startschwierigkeiten sind Sie momentan mit schon neun Treffern Stürmer Nummer 1 beim BVB und haben Lucas Barrios zunächst den Rang abgelaufen. Ist im Profi-Fußball Platz für so etwas wie ein wenig Mitgefühl mit dem Teamkollegen?

Lewandowski: Lucas ist lange verletzungsbedingt ausgefallen, dann braucht man einfach seine Zeit, bis man wieder voll da ist. Damit umzugehen gehört zu unserem tagtäglichen Geschäft. Ich freue mich aber für Lucas, dass er jetzt wieder da und auf einem guten Weg ist. Er muss jetzt buchstäblich am Ball bleiben. Im Übrigen haben wir gerade erst gegen Schalke bewiesen, dass wir sehr gut auch gemeinsam spielen können. Und auch wenn ich ganz vorne am liebsten agiere, ist es für mich kein Problem, auf dem Feld die Position hinter Lucas einzunehmen.

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Wer wird in der Saison 2011/2012 Meister?

Borussia Dortmund
FC Bayern München

ran.de: Sie sind beide Stürmer, die ein enormes Laufpensum absolvieren und defensiv viel arbeiten. Ist das schlicht das moderne Anforderungsprofil eines Stürmers oder vor allem typisch für die Systeme der Trainer Klopp beziehungsweise Favre?

Hanke: Ich glaube, dass das auch an den Systemen der beiden Trainer liegt, beziehungsweise an dem einen System. Denn der BVB und wir spielen durchaus ähnlich. Wie Dortmund setzen auch wir den Gegner sehr früh in seiner Hälfte unter Druck, und da müssen dann eben auch die Stürmer mit ran.

Lewandowski: Die Entwicklung der letzten Jahre im Fußball hat gezeigt, dass die Defensivarbeit schon bei den Stürmern anfängt. Und Jürgen Klopp legt darauf ohne Frage ganz besonderen Wert.

ran.de: Was für ein Spiel erwarten Sie am Samstag, wenn zwei so ähnliche Mannschaften aufeinander treffen?

Hanke: Ein sehr heißes Spiel mit großartiger Stimmung. Wir wollen Tabellenführer werden, Dortmund will es bleiben. Als Fußball-Fan muss man sich darauf einfach riesig freuen. Letztlich wird es bei zwei so ähnlich agierenden Teams darum gehen, wer an diesem Tag den größeren Willen, die größere Aggressivität und in der einen oder anderen Situation auch etwas mehr Weitblick in die Waagschale werfen kann.

ran.de: "Kann Dortmund nur Bundesliga?" hat der "Kicker" im Hinblick auf die Leistungen des BVB in der Champions League gefragt. Sind diese Spiele ein Fingerzeig, wie man den Schwarz-Gelben beikommen kann?

Hanke: Selbstverständlich haben wir uns die Spiele der Dortmunder genau angesehen und wissen, wo ihre Stärken, aber auch wo ihre Schwächen liegen. Wenn wir diese Erkenntnisse am Samstag beherzigen, dann bin ich überzeugt, dass wir ein sehr gutes Spiel abliefern werden.

ran.de: Teams wie Piräus oder Marseille sind sicherlich nicht stärker, als die ersten vier, fünf Mannschaften in der Bundesliga. Warum aber tut sich der BVB dann so schwer, während man in der Liga von einem Sieg zum nächsten eilt?

Lewandowski: Auch wenn diese Einschätzung bezüglich der Stärke von Marseille oder Piräus vielleicht stimmen mag, so ist die Champions League trotzdem noch etwas anderes als die Bundesliga. Wir sind eine sehr junge Mannschaft und haben in der vergangenen Saison in der Europa League und nun in der Champions League schon viel dazu gelernt. Ich habe große Hoffnung, dass wir in der nächsten Spielzeit in der Königsklasse eine viel bessere Rolle spielen werden - immer vorausgesetzt, dass wir uns erneut qualifizieren.

ran.de: Haben Sie trotz der ungünstigen Konstellation auch noch Hoffnung für diese Saison, die Gruppenphase zu überstehen?

FC Arsenal vs. Borussia Dortmund

Lewandowski: Solange eine theoretische Chance besteht, solange glaube ich auch daran. So halte ich es überall.

ran.de: Glauben Sie beide auch daran, dass die Zuschauer im Borussia-Park am Samstag schon den kommenden Deutschen Meister sehen?

Hanke: Eher nicht. Für mich war der FC Bayern vor der Saison absoluter Favorit. Und ich glaube auch jetzt immer noch daran, dass die Münchner den Titel holen werden - auch trotz ihrer aktuellen Probleme.

Lewandowski: So früh in der Saison wäre es völlig falsch, diesbezüglich schon irgendwelche Prognosen abzugeben.

ran.de: Angesichts solcher Gladbacher Fußball-Demonstrationen wie am vergangenen Freitag in Köln, wo allesamt Spieler auf dem Platz waren, die noch vor wenigen Monaten als "Versager" geschmäht wurden, sucht man noch immer nach den Gründen für diesen Erfolg. Liegt alles nur an Trainer Favre?

Hanke: Er hat ohne Frage den größten Anteil. Aber es sind die Spieler, die seine Ideen umsetzen mussten und müssen. Und wie man nun sieht, haben wir offensichtlich sehr, sehr intelligente Fußballer in unseren Reihen. Spieler, die zudem ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft haben. All das hat der Trainer erkannt, und er arbeitet mit uns tagtäglich daran, aus diesen Möglichkeiten das Beste zu machen.

ran.de: Sie haben schon unter Stevens, Hecking, Slomka oder Klinsmann gespielt. Was unterscheidet Favre vor allem von diesen Trainern?

Hanke: Favre ist ein Perfektionist. Er erläutert jedes kleinste Detail. Und er spricht auch sehr viel mit den Spielern, die im Moment vielleicht nicht in der ersten Elf stehen. Überhaupt würde ich sagen, dass es Stammspieler im klassischen Sinne bei uns gar nicht gibt. Jeder kann hier jeden ersetzen.

ran.de: Was ist das herausragendste Merkmal von Jürgen Klopp?

Lewandowski: Vielleicht seine Konsequenz. Wenn Klopp etwas sagt oder vorgibt, dann wird das auch genauso umgesetzt. Jeder einzelne weiß bei ihm immer ganz genau, woran er ist.

ran.de: Bei beiden Teams scheint gerade auch die Wohlfühl-Atmosphäre ein Erfolgsfaktor zu sein. In Gladbach geht das soweit, dass Sie und Marco Reus in Köln vor einem Freistoss per Schnick-Schnack-Schnuck ausgeknobelt haben, wer schießen darf. Klingt fast nach Spaß wie früher auf dem Bolzplatz...

Hanke: Gerade im Training ist das wirklich häufig so (lacht). Diese Freude und dieser Spaß sind auch ganz wichtig, wenn man wirklich etwas erreichen möchte. So bleibt man locker und verkrampft nicht. Wir wollten die Kölner auch ganz sicher nicht veräppeln. Es war einfach so, dass ich unbedingt schießen wollte, Marco aber auch. Weil wir selbstverständlich nicht streiten wollten, haben wir das Ganze dann eben ausgeknobelt.

ran.de: Sie beide scheinen sich auf dem Platz nahezu blind zu verstehen...

Hanke: Und das, obwohl wir noch nicht einmal ein Jahr lang zusammen spielen. Man könnte also fast sagen, dass wir uns gesucht und auch gefunden haben (lacht). Schon vor einigen Monaten, als ich noch mit Igor (de Camargo; d. Red.) in der Spitze gespielt habe, habe ich Marco immer wieder gesagt "Marco, wenn Du siehst, dass ich den Ball bekomme, dann lauf’ einfach los, ich schicke Dich beim ersten Ballkontakt steil". Angesichts von Marcos Schnelligkeit ist das eine hervorragende Variante.

ran.de: Reus fühlt sich so wohl, dass er sich in Köln selbst mit einem gebrochenen Zeh erst sehr spät hat auswechseln lassen. Glauben Sie, dass er sich so heimisch fühlt, dass er auch über diese Saison hinaus bleibt?

Hanke: Selbstverständlich muss Marco das selbst entscheiden...

ran.de: ...aber Sie werden eine Meinung dazu haben...

Hanke: Ich glaube schon, dass er im Sommer noch bleibt. In Gladbach bekommt er alles, was er zurzeit braucht. Er ist Teil eines tollen Teams, mit dem er sich immer noch weiterentwickeln kann. Er wird geradezu von den Fans geliebt, und, nicht zuletzt, er spielt bei uns auch regelmäßig. So kann er sich die Reife holen, mit der er sich auch in den nächsten Jahren immer noch für andere Klubs empfehlen kann. Im Moment ist – hoffentlich - einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel.

ran.de: Wird Reus trotz des gebrochenen Zehs am Samstag spielen?

Hanke: Das wird sich wohl erst sehr kurzfristig vor dem Spiel entscheiden.

ran.de: Mit Reus hier und Mario Götze dort würden dann die zurzeit wohl größten deutschen Talente aufeinander treffen. Kann man die beiden überhaupt vergleichen?

Hanke: Ich denke schon. Beide sind sehr ballsicher und sehr dribbelstark. Marco ist aber noch einen Tick offensiver und hat noch mehr Zug zum Tor.

Lewandowski: Marco Reus ist ein sehr dynamischer Spieler, Mario ist ein herausragender Techniker mit hoher Spielintelligenz und einem Blick für die Situation, den man nicht lernen kann.

ran.de: Nicht zuletzt dank Götzes Treffer hat der BVB in dieser Saison in der Allianz Arena schon den FC Bayern besiegt, wie die Borussia auch. Wie muss man gegen die auf dem Papier beste Elf der Liga spielen?

Lewandowski: Die Münchner sind noch jede Saison der Topfavorit auf den Titel. Aber sie bekommen ihn nicht jede Saison. Wir haben die Bayern schon sehr tief in ihrer Hälfte unter Druck gesetzt, und der Ballführende sah sich meist zwei Gegenspielern gegenüber. Und so kann man auch den FC Bayern zu entscheidenden Fehlern zwingen.

Hanke: Stimmt. Ähnlich war das bei unserem 1:0-Erfolg auch.

ran.de: Apropos "Favoriten und Außenseiter": Heute werden in Kiew die EM-Gruppen ausgelost. Gibt es ein Team, das Sie mit Polen unbedingt vermeiden möchten?

Lewandowski: Aus Lostopf 2 wäre mir Italien oder Russland Recht, nur bitte auf keinen Fall Deutschland (lacht). Aus Lostopf 3 wäre wohl Griechenland ideal, und für Lostopf 4 hoffe ich auf Tschechien oder Irland.

ran.de: Was trauen Sie Ihrem Team bei der EM zu?

Lewandowski: Ich glaube, dass sich manch einer noch über uns wundern wird – und das im positiven Sinne!

ran.de: Der deutsche EM-Kader ist nach Aussage des Bundestrainers nahezu komplett. Wäre ein Mike Hanke in der aktuellen Form keine Bereicherung für die Nationalelf?

Hanke: Das möchte ich nicht beurteilen. Wenn überhaupt, dann müsste sich der Bundestrainer dazu äußern. Für mich ist das aber auch überhaupt kein Thema. Ich fühle mich mit meiner Aufgabe bei Borussia pudelwohl und hoffe, dass ich noch lange auf dem jetzigen Niveau spielen kann. Was dann vielleicht irgendwann kommt oder nicht – schau’n wir mal!

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© ran.de / Andreas Kötter
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