ran.de: Herr Favre, der "Kicker" spricht angesichts der Entwicklung von Borussia Mönchengladbach von einem "geplanten Wunder". Hand aufs Herz: Wieweit lässt sich ein solches Fußball-Wunder tatsächlich planen?
Lucien Favre: Planung beziehungsweise Organisation ist wichtig, nicht nur auf dem Platz für die Mannschaft, sondern auch für mich. Zeitmanagement etwa ist enorm wichtig. Ich kann nicht einfach nach anderthalb Stunden Training sagen "So, tschüss, ich gehe jetzt nach Hause". Ich muss viele Gespräche mit den Spielern führen, muss mir überlegen, wie ich an welchem Tag der Woche trainieren lasse, wie ich etwa die Trainingsreize setze. Auf die Frage nach der wichtigsten Qualität eines Trainers hat Louis van Gaal schon vor vielen Jahren, nach dem Champions-League-Sieg mit Ajax Amsterdam 1995, geantwortet: "Die Planung".
ran.de: Wie hat Ihr Plan en détail ausgesehen, als Sie zur Borussia kamen?
Favre: Als ich im Februar gekommen bin, da war es meine allererste Aufgabe, so schnell wie eben möglich die Defensivarbeit zu verbessern, weil die Mannschaft zuvor sehr viele Gegentore bekommen hatte. Wir haben sehr gut gearbeitet, und schon nach einem Monat waren wir bereit. Was vor allem daran lag, dass die Spieler sehr schnell verstanden haben, was ich wollte. Hat man Spieler, die nicht so aufnahmefähig und spielintelligent sind wie meine, dann hat man als Trainer keine Chance.
ran.de: Wie intensiv arbeiten Sie an der Taktik?
Favre: Im Gegensatz zum Beginn meiner Zeit bei Borussia spreche ich heute nur noch sehr wenig über Taktik, vielleicht zweimal 15 Minuten in der Woche. Es geht dann nur darum, die Mannschaft auf die Ausrichtung des kommenden Gegners einzustellen. Das geschieht aber immer unter Einbeziehung des Balles. Manchmal stelle ich auf dem Platz auch eine Tafel auf, die mir hilft, schneller zu vermitteln, was mir wichtig ist. Denn ich will auf gar keinen Fall Zeit mit langwierigen Erklärungen verlieren.
ran.de: Wenn man den Begriff "Wunder" noch einmal bemüht. Was war das größere Wunder, die spektakuläre Rettung im Frühsommer oder die Tatsache, dass aus einem Beinaheabsteiger in nur neun Monaten ein Topteam geworden ist?
Favre: Als ich im Februar zur Borussia kam, hatte die Mannschaft gerade einmal 16 Punkte. Die meisten Experten haben damals eine Rettung vor dem Abstieg für unmöglich gehalten. Ich persönlich aber hatte vom ersten Moment an nur einen Gedanken, "du willst nicht in die 2. Liga, das willst du nicht, das darf nicht, das kann nicht sein". "Abstieg verboten" war meine Devise.
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Wo landet Borussia Mönchengladbach in der Saison 2011/2012
ran.de: Die Lage war aber beinahe aussichtslos, umso mehr, als Sie nach einigen guten Ergebnissen mit der 0:1-Heimniederlage gegen Kaiserslautern am 27. Spieltag eine besonders bittere Pille schlucken mussten...
Favre: Das stimmt, das war kein gutes Spiel und ein Rückschlag. Aber die Spieler haben mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass auch sie auf gar keinen Fall absteigen möchten und alles geben wollen. Meine Aufgabe war es, sie in vielen Gesprächen, individuell und kollektiv, davon zu überzeugen, dass es immer noch möglich war, unser Ziel zu erreichen. Und die Fortschritte, die wir auf dem Platz gemacht haben, haben die Spieler weiter hoffen und uns sogar einen weiteren Rückschlag, das 0:1 in Mainz drei Minuten vor Spielende, verkraften lassen. Der folgende 1:0-Sieg gegen Dortmund hat ihnen dann enormes Selbstvertrauen für die letzten drei Partien gegeben.
ran.de: Borussia erreichte am letzten Spieltag Platz 16 und damit die Relegation. Wie groß war der Druck zu wissen, dass die Saison trotz des vorangegangen Kraftaktes noch immer nicht zu Ende war?
Favre: Dieser Druck war enorm. Wir galten als Favorit gegen Bochum und wir wollten uns unbedingt belohnen für die schwierigen Wochen zuvor. Das war Leben oder Sterben. Zum Glück ist es uns gemeinsam gelungen, die Klasse doch noch zu halten.
ran.de: In der Endphase der letzten Saison ging es tatsächlich in nahezu jedem Spiel um alles oder nichts. Wie sind Sie mit dieser Belastung umgegangen?
Favre: Ich war vom ersten Moment an ausschließlich auf das Ziel konzentriert, den Abstieg noch zu vermeiden, und ich habe nur an Fußball gedacht. Andere Gedanken habe ich nicht zugelassen.
ran.de: Einer der Spieler, der unter Ihnen eine großartige Entwicklung genommen hat, ist Mike Hanke. Schon nach wenigen Wochen erkannten Sie, dass ein auf seinen letzten Stationen nur mäßig erfolgreicher Mittelstürmer das Zeug zum Spielmacher hat. Was sehen Sie, was zuvor Trainer wie Stevens, Hecking, Slomka oder Klinsmann nicht gesehen haben?
Favre: Das vermag ich nicht zu beurteilen. Als ich zur Borussia kam, war Mike zunächst verletzt. Er hat dann aber im Training sehr gut gearbeitet und gezeigt, was er kann. Und ich habe gesehen, dass Mike Hanke ein Fußballer mit großer Spielintelligenz ist.
ran.de: Hanke ist nicht das einzige Beispiel. Tony Jantschke etwa fand vor Ihrer Zeit bei Borussia kaum statt, heute aber ist er aus der ersten Elf nicht mehr wegzudenken...
Favre: Ich kann mich da nur wiederholen: Spielintelligenz ist für mich das Kriterium Nummer 1. Dante hat in einem Interview auf die Frage nach der größten Qualität seines Trainers gesagt...
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ran.de: Dante hat also über Sie gesprochen...
Favre: ..., dass ich schon im ersten Moment gesehen hätte, was nicht funktioniert. Und wenn ich dann erkenne, dass es meine erste Aufgabe sein muss, die Abwehr zu stabilisieren, dann muss ich mir auch darüber Gedanken machen, welcher Spieler für diese Aufgabe geeignet ist und welcher vielleicht weniger.
ran.de: Und Jantschke war und ist offensichtlich geeigneter als Tobias Levels, der mittlerweile für Fortuna Düsseldorf spielt?
Favre: Ich habe im Training festgestellt, dass Tony die Viererkette sehr gut begreift. Und nach zwei, drei Wochen war er soweit, die Position auf der rechten Abwehrseite zu übernehmen. Tobias Levels ist auch ein sehr guter Spieler. Aber er war durch die schwierige Lage "seines" Vereins sehr belastet. Als sich unsere Defensive dann von Woche zu Woche mehr stabilisiert hat, gab es für mich keinen Grund mehr, erneut zu wechseln. Für mich war es in dieser Situation das Wichtigste, ehrlich zu sein. Ich habe Tobias erklärt, warum Tony besser in mein Konzept passt. Keine Frage, dass das für Tobias schwer zu akzeptieren war.
















