ran.de: Herr Favre, bei Marco Reus sieht jeder, der sich nur ein wenig für Fußball interessiert, welches Potenzial Reus hat. Haben Sie zuvor schon einmal mit einem so talentierten Spieler gearbeitet?
Voting
Bei welchem Verein soll Marco Reus nächste Saison spielen?
Lucien Favre: Mir fallen auch noch andere ein, etwa Raffael von Hertha oder der Schweizer Nationalspieler Gökhan Inler, der jetzt für Neapel spielt. Aber es gibt auch hier sehr gute Spieler. Sicherlich habe ich bei Borussia bisher sehr gut gearbeitet, das kann ich klar sagen. Aber selbst die besten Trainer der Welt haben keine Chance, wenn die Spieler in der Mannschaft keine Spielintelligenz und keinen Charakter haben. Ohne diese Eigenschaften meiner Spieler hätten wir niemals die bisherigen 30 Punkte holen können.
ran.de: Es ist verständlich, dass Sie keinen Spieler besonders hervorheben wollen, aber dass Reus großartige Anlagen hat, steht außer Frage...
Favre: Es stimmt, Marcos Klasse ist unbestritten. Marco versteht Fußball auf eine Art und Weise, die unglaublich ist. Er spürt den Fußball und kann nahezu alles, zum Beispiel auch perfekt verteidigen, wenn er will. Und offensiv – wunderbar, das ist eine wahre Freude ihm zuzuschauen. Man spürt, dass Marco frei im Kopf ist. Trotzdem kann auch er noch Dinge verbessern.
ran.de: Für Reus' Spiel scheint ähnlich wie zum Beispiel bei Lukas Podolski ein vertrautes, familiäres Umfeld sehr wichtig. Lässt Sie das hoffen, dass Reus über den Sommer hinaus bei Borussia bleibt?
Favre: Marco weiß, dass er noch Fortschritte machen kann. Und er weiß auch, dass das mit dieser Mannschaft leichter zu erreichen ist als vielleicht anderswo. Ich bin nicht oft in der Kabine, aber wenn, dann spüre ich, wie gut die Kommunikation unter den Spielern funktioniert. Und das ist das Wichtigste.
ran.de: Mit dem 1:1 am letzten Samstag gegen Borussia Dortmund, noch dazu ohne Reus, hat Gladbach gezeigt, dass man auch mit den Besten mithalten kann. Machen Sie sich nun Sorgen, dass im Umfeld die Erwartungshaltung zu hoch werden könnte?
Voting
Wo landet Borussia Mönchengladbach in der Saison 2011/2012
Favre: Nein, das ist kein Problem für mich. Und ich denke, dass unsere Fans sehr realistisch sind. Der Punkt war zwar verdient, aber jeder hat auch gesehen, dass es unglaublich schwer für uns war. Die ersten zwanzig Minuten – oh la la, da sah es gar nicht gut aus für uns. Und es war sehr schwer, unser Spiel machen zu können. Beim Ausgleichstreffer und vielleicht noch zwei, drei mal mehr ist es uns aber gelungen, Chancen zu kreieren. Trotzdem müssen wir auf jeden Fall auf dem Boden bleiben.
ran.de: Apropos Borussia Dortmund: Dort hat Jürgen Klopp in drei Jahren aus einem Durchschnittsteam eine Spitzenmannschaft geformt. Ist Ähnliches in Gladbach auch möglich?
Favre: Das weiß ich nicht. Das ist aber auch schwer zu vergleichen. Man hat Jürgen Klopp die Zeit gegeben, aus jungen Spielern eine Mannschaft zu formen. Das ist sehr gut gelungen, Klopp hat die Mannschaft sehr gut entwickelt. Aber man muss auch sehen, dass schon sein erster Transfer mit Subotic über vier Millionen Euro gekostet hat. Später kamen Spieler wie Hummels, Santana, Barrios, Lewandowski oder Gündogan hinzu, die zum Teil auch annähernd fünf Millionen Euro gekostet haben. Und nun hat man sich für drei Millionen Euro Leonardo Bittencourt gesichert. Das sind Dimensionen, bei denen wir nicht einmal annähernd mithalten können. Unser Etat für Spieler und Stab beträgt 27 Millionen Euro, damit liegen wir im Bundesliga-Vergleich irgendwo um Platz 13.
ran.de: Trotzdem, was ist drin, wenn man Sie kontinuierlich arbeiten lässt?
Favre: Ich spreche jede Woche mit Max (Eberl, der Manager; d. Red.) und meinem Staff über die kontinuierliche Weiterentwicklung des Kaders. Dafür müssen wir auch auf die eigene Jugend setzen. Aktuell stehen hier mit ter Stegen, Herrmann und Jantschke drei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der ersten Elf, mit Neustädter, Nordtveit und Reus kommen weitere junge Spieler dazu, die regelmäßig spielen. Die Mannschaft ist also sehr jung, und die Mischung mit einigen älteren wie Dante, Daems, Stranzl, Hanke oder Arango stimmt. Trotzdem wage ich nicht zu beurteilen, was in Zukunft wirklich möglich ist mit dieser Mannschaft.
Voting
Wer wird Herbstmeister 2011?
ran.de: Stichwort "Kontinuität": Sie haben kürzlich in einem Interview angemerkt, dass Deutschland alles habe, "super Spieler, volle Stadien, seriös wirtschaftende Vereine", aber "keine Philosophie, keine Kontinuität". Haben Trainer in Deutschland zu wenig Mitspracherecht?
Favre: Das ist so. Deshalb plane auch nicht mehr weit voraus. Die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers bei einem Klub liegt in Deutschland bei 14 Monaten. In dieser Zeit aber kann man keine Philosophie installieren. Also muss man als Trainer immer Realist sein, und manchmal sogar Opportunist.
Lucien Favre im 1. Teil des Exklusiv-Interviews über Druck, Taktik und Spielintelligenz






