26.01.12Bundesliga

Gladbachs Dante im Interview: "Lieber Bundesliga als Ausland"

Mit dem 3:1-Sieg über den FC Bayern München hat Borussia Mönchengladbach eindrucksvoll auf die in der Winterpause nach Bekanntgabe des Reus-Wechsels aufgekommene Unruhe reagiert. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht der Brasilianer Dante über die Coolness seiner Mannschaft, über seine Bewunderung für den FC Bayern München und über seinen Kultstatus in Gladbach.

Dante wechselte 2009 für 2,5 Millionen Euro von Lüttich zu Gladbach
Dante wechselte 2009 für 2,5 Millionen Euro von Lüttich zu Gladbach © imago

ran.de: Senor Dante, mit dem 3:1 gegen die Bayern hat Gladbach überzeugend auf die Stimmen geantwortet, die nach der Bekanntgabe des Reus-Wechsels schon den Untergang der Borussia vermuteten; wundern Sie sich selbst noch darüber, wie cool diese Mannschaft mittlerweile ist?

Dante: Eigentlich nicht. Ich habe nichts anderes erwartet, als dass wir weiterhin jedes Spiel ohne Hektik angehen. Schließlich haben wir im Trainingslager in Belek trotz einiger Artikel in den Zeitungen sehr konzentriert gearbeitet. Marco (Reus; d. Red.), wie auch Roman (Neustädter; d. Red.), haben sich nie aus der Ruhe bringen lassen und bewiesen, dass sie mit dem Kopf und mit dem Herzen bis zum 30. Juni Gladbacher sind. Und dass unsere Fans vor dem Spiel gegen die Bayern gezeigt haben, dass sie für die Entscheidung der beiden Verständnis haben, das hat ihnen, und damit auch der ganzen Mannschaft sehr geholfen.

ran.de: Ist Reus einer der besten Fußballer, mit denen Sie bisher zusammengearbeitet haben?

Dante: Auf jeden Fall. Es ist eine seiner ganz großen Qualitäten, dass Marco immer in der Lage ist seine Leistung abzurufen – ganz egal, wie seine eigene oder die Situation seines Vereins gerade in der Presse dargestellt werden mag. Das schaffen nicht allzu viele.

ran.de: Eine der großen Qualitäten dieser Mannschaft ist es, dass es jedem Einzelnen gelingt – wie vom Trainer gefordert – immer nur von Spiel zu Spiel zu denken; klingt in der Theorie einfach, wie schwierig ist das aber in der Praxis?

Dante: Es ist nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir in dieser Saison Großes schaffen und vielleicht die Europa League oder, wenn es überragend läuft, sogar die Champions League erreichen können. Aber wir können das im entscheidenden Moment ausblenden. Ein Beispiel: Ohne Frage haben wir gegen Bayern München ein sehr gutes Spiel gemacht. Als wir aber am Dienstag zum Training gekommen sind, hat niemand mehr über das Bayern-Spiel gesprochen. Jeder ist mit seinen Gedanken längst bei der nächsten Partie gegen Stuttgart. Ich gebe zu, dass diese Fokussierung nur auf die jeweils nächste Partie nicht ganz einfach ist. Bisher aber gelingt uns das sehr gut.

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Bundesliga

Wer wird in der Saison 2011/2012 Meister?

Borussia Dortmund
FC Bayern München

ran.de: So gut, dass die Mannschaft die wenigsten Gegentore aller europäischen Topteams aufweist - was immer noch wie ein Wunder scheint angesichts der Tatsache, dass Borussia noch vor zwölf Monaten die Schießbude der Liga war...

Dante: An diesem "Wunder" hat ohne Frage unser Trainer einen sehr, sehr großen Anteil. Er hat zunächst gerade im Defensiv-Bereich vieles verändert und uns noch einmal verdeutlicht, dass eine gute Defensive mehr bedeutet als nur eine Viererkette, und dass wir defensiv alle zusammen arbeiten müssen. Gottseidank hat jeder einzelne sofort verstanden, worum es dem Trainer geht.

ran.de: Favre hat gesagt, dass Borussia defensiv nun eine Spitzenmannschaft sei; was fehlt noch zur Spitzenmannschaft in der Offensive?

Dante: Ich glaube, dass eine Mannschaft, die gegen Bayern München drei Tore erzielt, auch offensiv über große Qualität verfügt. Vielleicht erzielen wir noch nicht so viele Tore wie die anderen Spitzenteams. Die Art und Weise aber, wie wir unsere Treffer herausarbeiten, die spricht für große Klasse. Trotzdem warne ich: Die ganze Bundesliga weiß nun, wie gut wir sind, und jeder Gegner wird versuchen, sich besser auf uns einzustellen.

ran.de: Franz Beckenbauer glaubt, dass Borussia am Limit spielt; hat "der Kaiser" Recht?

Dante: Das ist schwer zu beantworten. Im Oktober z. B., als es bei uns zwischenzeitlich nicht ganz so rund lief, haben einige auch bereits geglaubt, dass wir an unsere Grenzen stoßen. Aber wir haben uns sehr schnell wieder gefangen. Nun, nach der Bekanntgabe des Reus-Wechsels, haben wiederum einige vermutet, dass uns spätestens diese Nachricht auf den Boden zurückholen würde. Tatsächlich aber haben wir heute 36 Punkte und liegen damit nur einen Punkt hinter den Bayern und dem deutschen Meister, Borussia Dortmund. Aber wir wissen auch, dass wir in der Breite nicht über einen so starken Kader verfügen wie Dortmund, Schalke oder gar die Bayern.

ran.de: Am Sonntag treten Sie beim VfB Stuttgart an; hat man da noch im Hinterkopf, dass man dort in der letzten Saison 0:7 verloren hat?

Dante: Das ist von Spieler zu Spieler verschieden. Ich habe mir damals zu allem Überfluss auch noch den Fuß gebrochen und hatte einen ganz dicken Hals. Aber das ist fast anderthalb Jahre her, und ich denke immer positiv. Wenn ich jetzt gegen den VfB spiele, dann verschwende ich keinen Gedanken mehr an damals.

ran.de: Die Frage ist, ob Sie spielen, denn Roel Brouwers hat Sie gegen die Bayern bestens vertreten, sodass es nicht zwingend einen Grund für den Trainer gibt wieder zu wechseln...

Dante: Das stimmt. Roel hat hervorragende Arbeit gemacht, wie immer, wenn er gebraucht wird. Ich weiß noch nicht, ob der Trainer wechseln wird oder nicht. Aber egal wie er sich entscheidet, für mich ist das kein Problem. Das verlangt schon der Respekt den Kameraden gegenüber. Sollte ich nicht von Anfang an spielen, dann werde ich ihnen in der Kabine bzw. von der Bank aus helfen.

ran.de: Auch deshalb gelten Sie als Vorzeige-Profi, wie ihn sich jeder Klub wünscht, Bayern-Trainer Jupp Heynckes etwa hat Sie gerade in den höchsten Tönen gelobt und Sie wiederum haben in einem Interview bekannt, dass "Bayern ein Traum wäre"; das klingt so, als müssten die Gladbacher Fans sich Sorgen machen...

Dante: Ich bin vor dem Bayern-Spiel von einer Münchner Zeitung gefragt worden, wie ich über den FC Bayern denke. Dieser Verein ist der beste in Deutschland und kann sich auch auf europäischer Ebene mit nahezu jedem Klub messen. Es gibt wohl kaum einen ambitionierten Spieler auf der Welt, dem es nicht gefallen würde, irgendwann in seiner Karriere einmal für die Bayern zu spielen. Das ist bei mir nicht anders. Das heißt aber nicht, dass ich im Sommer gehe.

ran.de: Sie loben die Bayern sehr, reizt Sie nicht auch das Ausland?

Dante: Wenn man mich vor die Wahl stellen würde, für mehr Geld ins Ausland zu wechseln oder für etwas weniger Geld in der Bundesliga zu bleiben, dann würde ich mich immer für die Bundesliga entscheiden. Hier wird absolut professionell gearbeitet, das entspricht meiner Natur. Zudem fühlen meine Familie und ich uns in Deutschland sehr wohl. Wenn ich z. B. abends nach Hause komme, sprechen meine Kinder nur deutsch mit mir. Und ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass Deutschland für mich die zweite Heimat ist.

ran.de: Ohne Frage ist Bayern München der renommierteste Verein in Deutschland, aber glauben Sie nicht, dass die Borussia, die in den 70er-Jahren selbst zur europäischen Spitze zählte, mittelfristig wieder Anschluss finden kann?

Dante: Wir sollten nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Zunächst einmal geht es darum, dass wir uns weiter stabilisieren. Niemand darf vergessen, dass wir vor gerade einmal einem halben Jahr fast in der zweiten Liga gelandet wären. Deshalb wäre es wichtig, dass man vielleicht zunächst einmal zwei, drei Saisons ohne Abstiegskampf und damit sorgenfrei absolviert. Wenn das aber geschafft ist, dann halte ich es durchaus für möglich, dass Borussia auch international wieder eine gute Rolle spielen kann.

ran.de: Verständlicherweise betonen Sie auch immer wieder, dass Sie schon wegen Ihrer WM-Chancen mit Brasilien nicht mehr gegen den Abstieg und am liebsten international spielen möchten; sollte Gladbach das internationale Geschäft erreichen, wäre das nicht ein guter Grund dafür, hier zu verlängern?

Dante: Es ist gar keine Frage, dass es auch für mich persönlich sehr positiv wäre, wenn wir dieses Ziel erreichen, und der Klub die Mannschaft dann entsprechend verstärken kann. In Belgien habe ich mit Standard Lüttich Champions League spielen können, und es gibt für einen Fußballer kaum etwas Schöneres. Als ich in der Winterpause 2009/10 zur Borussia kam, habe ich noch gehofft, dass es nicht mehr als sechs Monate würden, die wir gegen den Abstieg spielen müssen. Dann aber sind es mehr als zwei Jahre geworden. Und ich bin ganz ehrlich, solange Abstiegskampf spielen zu müssen, das war für meinen Kopf und mein Herz sehr, sehr schwer.

ran.de: Weil Sie aber dennoch immer alles geben, sind Sie bei den Borussen-Fans längst Kult, und Manager Max Eberl betont, dass Sie auf bestem Wege seien, eine der großen Identifikationsfiguren der Borussia zu werden; was bedeutet Ihnen das?

Dante: Ich möchte zunächst noch sagen, dass ich immer positiv denke, und dass es die Pflicht eines Profis ist, immer alles für seinen Verein zu geben. Wenn mein Verein in den Abstiegsstrudel gerät, kann ich doch nicht einfach so tun, als ginge mich das nichts an! Es ist ein wunderbares Gefühl, dass der Manager und auch die Fans so über mich denken. Gladbach ist ein ganz besonderer Verein, zu dem man nicht wechseln sollte, wenn man sich nicht hundertprozentig identifiziert. Deshalb passt auch nicht jeder Spieler hier hin. Ich selbst bin dem Verein überaus dankbar, dass man mir die Möglichkeit gegeben hat, mich in der Bundesliga zu präsentieren. Und die Fans haben ein Recht darauf, dass ich alles dafür tue, mir diese Zuneigung immer wieder aufs Neue zu erarbeiten.

Gladbachs Marco Reus im Interview: Keine Lust auf Mittelmaß

© ran.de / Andreas Kötter
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