ran.de: Herr Hanke, europaweit hat man die beste Abwehr, offensiv zelebriert man Spektakel wie gegen Schalke, aber auf die Frage nach höheren Zielen antwortet jeder Borusse mit der neuen Standardantwort: "Wir denken nur von Spiel zu Spiel."
Mike Hanke: Stimmt. Also fragen Sie mich am besten gar nicht erst (lacht).
ran.de: Vor sechs Wochen war die Frage nach höheren Zielen wie der Champions League-Teilnahme wohl tatsächlich noch verfrüht, nach dem furiosen Rückrundenstart scheint sie aber berechtigt...
Hanke: Trotzdem wissen wir, wie schnell es im Fußball gehen kann, dass auch ein komfortabler Vorsprung aufgebraucht ist. Deshalb sprechen wir einfach nicht über das, was vielleicht in ein paar Wochen sein könnte. Und ich kann Ihnen versichern, dass wir in der Kabine noch nicht ein einziges Mal über irgendwelche Europapokal-Platzierungen gesprochen haben! Und das wird auch in den nächsten Wochen nicht passieren. Wenn uns irgendwann einmal vielleicht nur noch drei Punkte fehlen und auch nur noch drei Spiele zu spielen sind, dann können wir vielleicht darüber sprechen. Vorher aber sicher nicht!
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Wer wird in der Saison 2011/2012 Meister?
ran.de: Träumen Sie angesichts von zehn Punkten Vorsprung auf den fünften Platz nicht doch ab und an von der Champions League?
Hanke: Ich habe noch nie Champions League spielen dürfen, und ohne Frage wäre es eine ganz große Sache, wenn das irgendwann mal klappen würde. Im Moment ist das aber absolut kein Thema. Im letzten Jahr und seitdem Lucien Favre hier ist, fahren wir mit der Methode "Nur von Spiel zu Spiel denken" so gut, dass es völlig blödsinnig wäre, davon jetzt abzuweichen.
ran.de: Kann sich diese Mannschaft zurzeit nur selbst schlagen?
Hanke: Das ist der Punkt: Wenn wir unsere Leistung abrufen, dann können wir uns zurzeit nur selbst schlagen. Wir müssen aktuell vor keinem Gegner Angst haben. Das hat man gegen Schalke gesehen. Und es geht immer noch ein bisschen mehr.
ran.de: Was wäre dieser Mehrwert gegen Schalke gewesen?
Hanke: Wir hätten sicher unsere Torchancen noch besser ausnutzen können. Wir haben Anfang der Woche eine Videoanalyse gemacht, wo exakt zu sehen war, was wir noch hätten besser machen können. Das ist eben Lucien Favre. Der zeigt uns auch nach einem solch guten Spiel noch die Fehler auf. Aber er lobt uns auch dafür, was wir gut gemacht haben. Im Grunde aber wollen wir Spieler ohnehin in erster Linie wissen, was schlecht war. Denn nur so können wir uns noch verbessern. Niemand bei uns ist jetzt schon zufrieden oder würde schon träumen.
ran.de: Bis auf die Fans der Borussia, die schon Martin Luther Kings "I have a dream" zitieren und Plakate mit dem Double schwenken. Macht Ihnen diese Erwartungshaltung Angst?
Hanke: Sicherlich wollen wir jetzt gegen Bayern München auch ins Pokalfinale einziehen, auch wenn wir wissen, dass das sehr schwer werden wird. Aber wie heißt es so schön: "Alles ist möglich". Und die Fans sollen auch träumen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass sie andererseits auch vernünftig genug sind, die Situation realistisch einzuschätzen.
ran.de: Noch vor drei, vier Wochen haben diejenigen, die Borussia jetzt als "weißes Wunder" bezeichnen, den Untergang des Klubs prophezeit. Spielt da bei Ihnen jetzt auch Genugtuung mit?
Hanke: Ich empfinde keine Genugtuung. Ich fand es damals nur bemerkenswert, wie schnell von einigen Medien versucht wurde, alles ins Negative zu ziehen. Und das, obwohl überhaupt nichts weiter geschehen war. Das aber haben wir nicht zugelassen. Wir wussten nach der Vorrunde um unsere Stärken, und jeder war überzeugt, wenn wir diese Stärken wieder abrufen, dann werden wir auch eine geile Rückrunde spielen. Das ist uns bisher, trotz eines schweren Auftaktprogramms gegen Topteams wie Bayern, Stuttgart, Schalke oder Wolfsburg, mit zehn Punkten aus vier Spielen auch eindrucksvoll gelungen.
ran.de: Wie sehr hängt die Nachhaltigkeit dieser Erfolge auch von der Person des Trainers ab?
Hanke: Es steht außer Frage, dass Lucien Favre zu dieser Mannschaft passt, und die Mannschaft zu ihm passt. Ich glaube, dass es für Gladbach möglich ist, mit diesem Trainer auch über längere Zeit oben mitzuspielen.
ran.de: In der Hinrunde hat man ausgerechnet gegen Teams vom Tabellenende wie Augsburg und Freiburg verloren, jetzt müssen Sie nach Kaiserslautern. Warum tut man sich gegen solche Teams so schwer?
Hanke: Dortmund und vor allem auch Bayern München machen diese Erfahrung fast jede Woche. Es ist einfach schwierig, gegen ein Team zu spielen, dass die meiste Zeit tief in der eigenen Hälfte steht. Mittlerweile weiß in der Bundesliga jeder, dass auch wir sehr spielstark sind. Also stellen sich Teams wie Freiburg, Augsburg etc. auch gegen uns hinten rein. Gegen Mannschaften wie Schalke, Bayern oder Stuttgart, die mitspielen wollen, tun wir uns leichter. Deshalb rechne ich auch damit, dass das Spiel in Kaiserslautern weitaus schwieriger wird als das gegen Schalke.
ran.de: Ihre eigene Karriere stagnierte vor einiger Zeit, Sie waren auf einem Abstellgleis gelandet - und sind heute die (Wieder-)Entdeckung der Spielzeit. Hätten Sie es selbst für möglich gehalten, dass Sie persönlich noch einmal eine solche Saison spielen würden?
Hanke: Nein, dass es so perfekt laufen könnte, das hätte ich nicht mehr für möglich gehalten. Ich hatte zuvor zwei Jahre, die man durchaus als Katastrophenjahre beschreiben kann und in denen ich nicht mehr Fuß fassen konnte. Da war alles weg, Vertrauen und Anerkennung. In Gladbach aber habe ich all dies sofort gespürt, und ich bin relativ schnell wieder aufgeblüht. Das, obwohl ich gar nicht von Anfang an gespielt habe.
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Wer wird Bundesliga-Torschützenkönig?
ran.de: Haben Sie überhaupt geahnt, dass Sie das Zeug zum Spielmacher haben könnten?
Hanke: Ich habe auch in meinen früheren Vereinen hin und wieder mal einen entscheidenden Pass aus dem Mittelfeld gegeben. Dann aber haben die jeweiligen Trainer gesagt: "Mike, ich will dich nicht an der Mittellinie haben, sondern vorne in der Box". Einen Trainer wie Lucien Favre, der ausdrücklich von mir verlangt, dass ich mich zurückfallen lasse, um mir die Bälle zu holen, den hatte ich zuvor noch nie. Dass ich mittlerweile zudem auch wieder Tore mache, das macht die Sache umso runder.
ran.de: Glauben Sie, dass Sie diese neue Rolle auch ohne Favre gefunden hätten?
Hanke: Nein, ich denke nicht.
ran.de: Was hat Sie sonst noch zum besseren Profi gemacht?
Hanke: Ich habe mir in der Winterpause, in der ich von Hannover 96 zur Borussia gewechselt bin, eine Menge Gedanken gemacht. Ich habe damals begriffen, dass Fußball eine wichtige Sache, aber eben nicht alles im Leben für mich ist. An erster Stelle kommen heute meine Familie, meine Kinder und Gesundheit. Das habe ich tief verinnerlicht, und ich kann heute alles andere etwas gelassener nehmen.
ran.de: Mittlerweile und trotz Shootingstar Marco Reus sind Sie der Kopf dieser Elf. Was ist das für ein Gefühl, wenn zum Beispiel Max Eberl sagt, dass man sie auch wegen Ihres Charakters verpflichtet habe?
Hanke: Das ist ein sehr schönes Gefühl, weil Max Eberl mich zuvor auch nur aus Spielen kannte. Möglicherweise hat auch das Spiel mit Hannover in Gladbach den Ausschlag gegeben. Damals wurde ich in der zweiten Halbzeit beim Stand von 1:0 für die Borussia eingewechselt, habe dann aber das Spiel noch gedreht, indem ich einen Treffer erzielen und einen vorbereiten konnte. Diese Energieleistung, obwohl ich längst kein Stammspieler mehr war, hat wohl auch Eindruck gemacht.
ran.de: Plötzlich fällt Ihr Name auch wieder im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft...
Hanke: Damit beschäftige ich mich aber in keiner Weise. Was im Sommer ist – oder eben nicht – das entscheidet ohnehin nur der Bundestrainer. Für mich zählt jetzt nur die Aufgabe bei Gladbach. Denn die gefällt mir so gut und passt so gut zu mir, wie keine andere zuvor.
ran.de: Sind diese Borussia-Festwochen für Sie persönlich ein größeres Highlight als die WM-Teilnahme 2006?
Hanke: Das ist schwer zu vergleichen. Die WM 2006 im eigenen Land war für jeden Spieler ein unglaublich emotionales Erlebnis, das in dieser Form einzigartig bleiben wird. Das, was wir nun aber bei Borussia erleben, das hat eine längere Halbwertszeit, weil es ganz sicher nicht nach nur vier Wochen vorbei ist.
















