ran.de: Herr Herrmann, wie oft hat man Sie in den letzten Tagen nach der Meisterschaft, der Champions-League- oder wenigstens der Europa-League-Teilnahme gefragt?
Patrick Herrmann: Ich habe das nicht gezählt. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es oft genug war (lacht).
ran.de: Und wahrscheinlich haben Sie jedes Mal dasselbe geantwortet?
Herrmann: Genau. Wir sagen den Leuten seit Wochen, dass wir nur von Spiel zu Spiel denken, und dass es keinen Grund gibt, irgendwelchen Träumereien nachzuhängen. Das hat bei uns schon in der letzten Saison hervorragend funktioniert, warum also sollten wir daran etwas ändern?!
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Wer wird in der Saison 2011/2012 Meister?
ran.de: "Nur von Spiel zu Spiel denken", das ist die Antwort, die jeder Gladbacher auf die Frage nach größeren Ambitionen gibt. Aber ist das wirklich so einfach, schließlich lebt die Mannschaft nicht abgeschlossen unter einer Käseglocke und bekommt die Euphorie um ihren Siegeszug tagtäglich mit?
Herrmann: Natürlich freuen wir uns, wenn wir einen Blick auf die Tabelle werfen. Das sieht schon gut aus. Aber dieser Blick verrät auch, dass noch 15 Spiele und damit fast noch eine komplette Halbserie zu spielen sind. Da kann noch allerhand passieren. Also beschäftigen wir uns in einer Woche wie dieser mit nichts anderem als unserem nächsten Gegner, dem VfL Wolfsburg (Sa., 15:30 Uhr im Live-Ticker).
ran.de: Borussia stellt mit nur zwölf Gegentreffern nicht nur die beste Defensive der Bundesliga, sondern auch aller europäischen Topligen. Kommt Ihnen das manchmal nicht selbst unheimlich vor?
Herrmann: Nein. In der letzten Saison haben wir bis zum Schluss ganz tief unten drin gestanden, jetzt stehen wir ganz oben – aber das ist nun mal Fußball. Im Fußball können sich die Dinge in wenigen Monaten ändern, ob nun zum Negativen oder, wie bei uns, zum Positiven.
ran.de: Der Trend zum Positiven schien durch die Ankündigung des Reus-Wechsels beziehungsweise die Reaktion der Medien darauf in Gefahr. Hat sich die Mannschaft danach zusammengesetzt und gesagt: "Denen zeigen wir es jetzt"?
Herrmann: Das war überhaupt nicht nötig. Jeder von uns weiß, dass Marco, aber auch Roman (Neustädter; d. Red.) bis zum Ende alles für Borussia geben werden. Und die ersten beiden Rückrundenspiele gegen die Bayern und in Stuttgart haben das auch eindrucksvoll bewiesen. Ich sehe jedenfalls keinen Grund, warum wir einbrechen sollten.
ran.de: Wie schwer fällt es einem persönlich, wenn man hört, dass einer, der wahrscheinlich auch ein guter Freund ist, im Sommer nicht mehr da sein wird?
Herrmann: Dieser Abgang schmerzt. Denn es stimmt, dass wir alle ein sehr enges Verhältnis miteinander haben und uns nicht nur auf dem Platz blendend verstehen. Aber auch in diesem Fall kann ich nur die beliebte Floskel wiederholen: So ist nun mal Fußball. Spieler wechseln den Verein, und trotzdem geht es immer irgendwie weiter.
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Reus wechselt im Sommer zum BVB - die richtige Entscheidung?
ran.de: Und ähnlich beliebt wie die Frage nach dem Titel dürfte bei Ihnen die sein, ob Sie der neue Marco Reus sind. Dabei müsste es doch eher heißen: Wollen Sie überhaupt der nächste Marco Reus sein?
Herrmann: Exakt! Natürlich kann man sich das eine oder das andere bei Marco abschauen, er ist nun mal ein sehr guter Fußballer. Trotzdem möchte ich mein eigenes Spiel weiter entwickeln und mein eigenes Ding durchziehen.
ran.de: Ihr "Ding", wie sieht das aus im Gegensatz zu dem von Reus?
Herrmann: Ich bin ein Spieler, der über die Außenpositionen kommt und von seiner Schnelligkeit profitiert. Mein Job ist es dann, Tore vorzubereiten oder auch schon mal ein, zwei selbst zu machen.
ran.de: Wie beim 3:1 gegen den FC Bayern. Ein solcher Doppelpack ist Ihnen im Sommer 2010 schon mal gelungen, beim 6:3 in Leverkusen. Warum war es danach so lange still um Sie?
Herrmann: Zunächst habe ich nach Leverkusen noch ein paar Spiele gemacht. Es lief dann aber immer schlechter für uns, und wir standen eigentlich monatelang ganz unten drin. Der Trainer...
ran.de: ...Michael Frontzeck...
Herrmann: ...hat dann anderen vertraut. Das war keine schöne Erfahrung. Gerade für einen jungen Spieler, der die Liga noch nicht so kennt, war das bitter. Und auch unter Lucien Favre habe ich zunächst nicht gespielt. Das hat damals sehr an mir genagt. Man gibt im Training immer sein Bestes, muss aber erkennen, dass das immer noch nicht gut genug ist, weil andere einfach noch besser sind. Für mich war es zum Beispiel schier unmöglich, an Marco vorbeizukommen. In einer solchen Situation gibt es nur eins: Ruhe bewahren, ehrgeizig bleiben und auf seine Chance warten. Das habe ich getan. Und als sich Igor (de Camargo; d. Red.) verletzt hat, da kam dann endlich diese Chance.
ran.de: Sie arbeiten jetzt etwa ein Jahr mit Lucien Favre zusammen. Was macht ihn so besonders?
Herrmann: Favre ist erst mein zweiter Profi-Trainer, deshalb habe ich noch nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten. Fakt ist, dass er sehr großen Wert auf taktische und technische Schulung legt. In irgendeiner Zeitung habe ich gelesen, dass man ihn als "Perfektionisten" bezeichnet hat, und ich denke, das trifft es schon ziemlich gut.
ran.de: Unter anderem lässt Favre auch immer wieder "Elf gegen Null" spielen, um Lauf- und Passwege exakt einzustudieren. Wie oft gewinnt Null?
Herrmann: Selten, höchstens mal durch einen Fehlpass von uns (lacht).
ran.de: Wird dieses Training ohne Gegner nicht schnell langweilig?
Herrmann: Na ja, es gibt ja Gegner....
ran.de: ...die sind aber aus Plastik und können sich nicht wehren...
Herrmann: Stimmt. Und bei der defensiven Schulung ist nicht mal ein Ball dabei. Langweilig wird das trotzdem nicht, weil die Vorbereitung immer am nächsten Gegner ausgerichtet ist, und sich dementsprechend die Akzente verschieben. Trotzdem macht es natürlich mehr Spaß, wenn wir im Training etwa ein Turnier ausspielen.
ran.de: Wie viel findet sich davon im Spiel tatsächlich wieder und wie viel ist Improvisation. Wurde zum Beispiel der Spielzug zum 3:0 in Stuttgart exakt so einstudiert?
Herrmann: Der Spielzug zum 3:0 gegen den VfB hat sich aus dem Spiel heraus ergeben und war so nicht einstudiert. Entscheidend ist, dass man im Spiel immer auf alles vorbereitet ist und jederzeit improvisieren kann.
ran.de: Stichwort "gut vorbereitet sein": Ist es nicht riskant, mit Bobadilla einen weiteren Stürmer abgegeben zu haben, ohne Ersatz zu holen?
Herrmann: Für dieses Thema ist der Trainer oder der Manager zuständig. Und wenn der Trainer sagt, dass wir keinen neuen Stürmer brauchen, dann brauchen wir auch keinen. Im übrigen haben wir mit Matthew Leckie noch einen sehr guten Mann hinten dran, so dass ich wirklich keinen dringenden Handlungsbedarf sehe.
ran.de: Glauben Sie, dass der aktuelle Höhenflug über diese Saison hinaus anhalten und hier mittelfristig etwas heranwachsen kann?
Herrmann: Warum sollte hier nichts wachsen können?! Wir haben sehr viele junge Spieler, die von Woche zu Woche erfahrener werden. Trotzdem sollten wir nicht schon jetzt über diese Saison hinaus denken.
ran.de: Für eine kontinuierliche Entwicklung wäre es wichtig, dass man mit Favre verlängern kann. Glauben Sie, dass das gelingt?
Herrmann: Und auch hier fragen Sie mit mir den Falschen. Soweit ich weiß, hat der Trainer noch Vertrag bis 2013, so dass auch hier kein akuter Handlungsbedarf ist. Allerdings wäre es für die Borussia ohne jede Frage wichtig, wenn er noch sehr lange hier arbeiten könnte.
ran.de: Und wie sieht es bei Ihnen aus?
Herrmann: Mein Vertrag läuft sogar noch bis 2014, mit einer Option auf ein weiteres Jahr. Fakt ist, dass ich mich hier sehr, sehr wohl fühle. Ich habe meine Freundin hier kennengelernt und auch einige Freunde außerhalb der Mannschaft gefunden. Und wenn dann noch solche Highlights wie das Spiel gegen die Bayern dazu kommen, dann gibt es wohl kaum etwas Besseres. Für mich läuft jetzt alles wie geplant!
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