ran.de: Herr Völler, Bayer Leverkusen hat eine hervorragende Vorrunde gespielt und geht als Tabellenzweiter in die Winterpause; sind Sie selbst ein wenig überrascht?
Rudi Völler: Dass wir Qualität im Kader haben, das wussten wir immer. Und wir waren auch trotz des nicht ganz so guten Saisonstarts überzeugt davon, dass die Entscheidung für Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski die richtige war. Nicht zwingend konnte man aber davon ausgehen, dass wir es in dieser Vorrunde auch schaffen würden, so effektiv zu sein und dem Gegner zum richtigen Zeitpunkt mit Toren auch immer wieder weh zu tun.
ran.de: War der Sieg in München, wo man zuvor 22 Jahre nicht gewinnen konnte, weil man, wie Reiner Calmund es einmal ausgedrückt hat, immer "mit Schiss in der Hose" anreiste, ein Symbol für diese neue Effektivität?
Völler: Ich bin bei diesen Spielen in München viele Jahre dabei gewesen und erinnere mich, dass wir uns manchmal gefragt haben "warum haben wir hier heute schon wieder verloren, wir waren doch die bessere Mannschaft?". Diesmal aber war es anders. Zwar hätten wir bereits früh zurück liegen können und hätten diese Partie dann wohl nicht gewonnen. Tatsächlich aber haben wir im richtigen Augenblick unser Tor erzielt; zudem hatte Bernd Leno einen hervorragenden Tag. Und so gewinnt man dann bei einer Mannschaft, die von ihrer Zusammensetzung her wohl besser bestückt ist als die Bayern-Teams, gegen die wir zuvor 22 Jahre lang verloren haben. Das ist die Faszination des Fußballs!
ran.de: Liegt dieser neue Geist auch daran, dass neben Sascha Lewandowski mit Sami Hyypiä einer Trainer ist, der als Spieler selbst immer ein Ausbund an Kampfgeist war?
Völler: Mag sein, dass das auch eine Rolle spielt. Wichtig ist aber vor allem, dass Sami und Sascha den Spielern eine gute Mentalität vermittelt haben und ihnen das Gefühl geben, dass sie eine bestimmte Idee davon verfolgen, wie diese Mannschaft spielen soll. Zudem haben die beiden viele Spieler besser gemacht; z. B. war es eine große taktische Leistung, Gonzalo Castro ins Mittelfeld zu stellen.
ran.de: Hyypiä glaubt, dass im Titelkampf noch etwas gehen könnte?
Völler: Schwerlich. Bayern München hat seit Jahrzehnten die beste Mannschaft der Liga. Und ich spreche dabei nicht nur von der ersten Elf. Die Bayern sind in der Lage auch eine zweite Elf aufzustellen, die mindestens Sechster oder Siebter werden könnte. Für mich sind die Bayern auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona...
ran.de: ...und haben damit auch eine Chance auf den Champions League-Titel?
Völler: "Auch" trifft es kaum! Schließlich haben die Bayern bereits in der vergangenen Saison im Endspiel gestanden. Nein, für mich sind Barca und der FC Bayern beide Favoriten auf den Titel.
ran.de: Im November befürchteten Sie, dass die Belastung für Bayers nicht allzu üppigen Kader zu groß werden könnte; werden Sie daher neben dem gerade verpflichteten polnischen Stürmertalent Arkadiusz Milik in der Winterpause noch jemand holen?
Völler: In der Rückrunde kommen einige Spieler zurück, die verletzt waren, so dass sich unsere Personalsituation ohnehin entscheidend verbessert. Dann wird unser Kader auch wieder ausreichend sein. Diese Spieler brauchen wir aber auch, denn wir haben große Ziele und wollen auch in der Europa League möglichst weit kommen. Benfica Lissabon ist zwar ein schwerer Brocken, aber wir sind nicht chancenlos. Das wird ein Duell auf Augenhöhe.
ran.de: Wie haben Sie Milik trotz großer Konkurrenz überzeugt, dass er bei Bayer am besten aufgehoben ist?
Völler: Wir haben uns schon sehr früh um ihn bemüht. Und ich glaube, dass ihm die Atmosphäre beim Besuch unseres Spiels gegen den HSV die letzten Zweifel genommen hat, die er vielleicht noch hatte.
ran.de: Milik soll einmal Stefan Kießling beerben, hat er auch schon das Zeug aktuell zu helfen?
Völler: Der Junge hat ein großes Potenzial, auch wenn er zunächst sicher als Investition in die Zukunft zu sehen ist. Dennoch glaube ich, dass er uns auch schon in dieser Rückrunde das eine oder andere Mal helfen kann.
ran.de: Apropos Stefan Kießling: Wird diese Personalie allmählich peinlich für Bundestrainer Joachim Löw?
Völler: Ich glaube, wenn es aktuell ein Länderspiel geben würde, dann wäre Stefan dabei...
ran.de: Tatsächlich?
Völler: Warum nicht?! Stefan ist für uns der Spieler des Jahres. Seine Quote und seine Art für die Mannschaft zu arbeiten, sind hervorragend, so dass er es wirklich verdient hätte. Allerdings weiß ich, dass es auch Miroslav Klose und Mario Gomez ganz sicher nicht schlecht machen. Miro spielt eine Super-Saison in Italien, und auch Mario kennt keine Gnade vor dem Tor, wenn er gesund ist. Zudem haben wir in der Nationalmannschaft auch auf den Außenpositionen Topspieler, so dass wir offensiv beinahe schon überbesetzt sind.
ran.de: Auf der Außenposition könnte auch Gonzalo Castro spielen?
Völler: Wer in die Nationalmannschaft will, der muss sich auch dem Konkurrenzkampf stellen. Das gilt bei uns für Stefan Kießling, für Gonzalo Castro, aber auch für Stefan Reinartz oder Lars Bender. Für "Gonzo", der in der Nationalmannschaft auch den rechten Verteidiger hätte geben können, spricht, dass er nun auf einer Position spielt, die er selbst für sich als optimal ansieht. Am Ende des Tages aber zählt nicht, ob man bei diesem oder jenem Länderspiel dabei war. Entscheidend ist, ob man es schafft, 2014 bei der WM dabei zu sein. Und diese Chance haben diese Jungs alle noch.






