11.07.10

"Freischwimmer-Zeugnis mit Bravour abgelegt"

Als Deutschland 1974 im Finale der WM die Niederlande bezwang, war Rainer Bonhof einer der ganz wenigen sehr jungen Spieler im Team des neuen Weltmeisters. Im Exklusiv-Interview mit ran.de spricht der heutige Vize-Präsident von Borussia Mönchengladbach über die Leistung der deutschen Nationalmannschaft in Südafrika, über die Diskussion um Michael Ballack und über seine größte Enttäuschung bei dieser WM.

Rainer Bonhof (l.) im Gespräch mit Borussia-Präsident Rolf Königs
Quelle: Imago
Rainer Bonhof (l.) im Gespräch mit Borussia-Präsident Rolf Königs

Frage: Herr Bonhof, Deutschland hat trotz der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien bisher eine gute WM gespielt; hätten Sie der Elf diese Leistung vor dem Turnier zugetraut?

Rainer Bonhof: Unter Vorbehalt. Ich hatte nach den vielen Ausfällen im Vorfeld einerseits Bedenken, habe andererseits darin aber auch eine Chance gesehen. Das Halbfinale habe ich für den Fall für möglich gehalten, dass die Spieler, die zuvor noch in der zweiten Reihe gestanden haben, ihr Freischwimmer-Zeugnis ablegen würden. Und das ist ihnen in weiten Teilen dieser WM mit Bravour gelungen.

Frage: Ändern die Halbfinal-Niederlage und das schlechte Spiel gegen Spanien daran nichts?

Bonhof: Nein. Für mich hat die deutsche Mannschaft Sensationelles geleistet. Wer vor der WM gesagt hätte, dass wir in der letzten Turnier-Woche noch dabei sind, den hätten viele als Spinner abgetan. Der ganze Tross, also Mannschaft, Trainerteam, Betreuer etc. haben eine Riesen-Arbeit abgeliefert, die zu der Hoffnung Anlass gibt, dass wir an dieser Mannschaft noch viel Freude haben werden.

Frage: Es gab vor dem Spanien-Spiel Stimmen, wie die von Bernd Schuster, die den Ausfall von Michael Ballack als "Glücksfall" bezeichnet haben...

Bonhof: Eine komische Aussage. Aber darum geht es auch gar nicht. Fakt ist, dass Ballack nicht zur Verfügung stand und es darum ging, das Beste daraus zu machen. Punkt. Das ist der Mannschaft überzeugend gelungen.

Frage: War es aber nicht unglücklich, dass sich Philipp Lahm vor dem Spanien-Spiel ebenfalls zur Kapitänsfrage geäußert hat?

Bonhof: Der Zeitpunkt war sicherlich schlecht gewählt. Es ging meiner Meinung nach ohnehin nie darum, einen neuen Kapitän für die Nationalmannschaft per se zu finden, sondern lediglich darum, einen Kapitän für diese eine Weltmeisterschaft zu installieren.

Frage: Glauben Sie, dass Ballack als Kapitän zurückkehrt?
Bonhof: Keine Ahnung. Ich denke, man sollte das auf sich zukommen lassen. Löw und Bierhoff werden sich darüber nach der WM sicherlich ihre Gedanken machen.

Frage: Das setzt voraus, dass beide im Amt bleiben...

Bonhof: Davon gehe ich mal aus. Ich denke, der Wunsch der Öffentlichkeit und der Fans ist sehr groß, dass beide weitermachen.

Frage: Als Deutschland 1974 Weltmeister wurde, waren Sie der einzige ganz junge Spieler in einem Team von Weltstars wie Beckenbauer, Overath, Netzer, Müller etc.; heute ist vor allem die Jugend das Aushängeschild der deutschen Mannschaft...

Bonhof: Ich glaube, dass unsere Mannschaft im Ausland ganz anders gesehen wird, als bei uns. Dort versteht man einige unserer Spieler längst schon als Weltstars, wie auch das Interesse ausländischer Klubs zeigt, einen Özil, einen Schweinsteiger, einen Khedira etc. zu verpflichten. Wir sollten unser Licht also nicht so sehr unter den Scheffel stellen.

Frage: Sprechen wir noch über die grundsätzliche Entwicklung des Fußballs bei dieser WM: Sie haben noch vor zehn Tagen in Ihrer täglichen Kolumne in einer großen Tageszeitung die südamerikanischen Mannschaften zu diesem Zeitpunkt zu Recht für den modernsten Fußball gelobt; was aber ist in den Viertelfinal-Partien dann geschehen?

Bonhof: Das größte Problem südamerikanischer Mannschaften – lassen wir Brasilien und Argentinien vielleicht einmal außen vor – ist die Fähigkeit, sich über einen langen Zeitraum zu konzentrieren und zu motivieren. Ähnliches gilt übrigens auch für viele afrikanische Teams. Möglicherweise ist man zu früh mit dem Erreichten zufrieden, wenn es aus der Heimat täglich heißt "Großartig, was ihr schon geleistet habt". Hört man das immer und immer wieder, dann sagt man sich vielleicht auch selbst irgendwann "Wir stehen zum ersten Mal seit 40 Jahren im Halbfinale einer WM, das ist jetzt schon mehr, als wir je zu hoffen wagten".

Frage: Welches Team ist für Sie die größte Enttäuschung dieser WM?

Bonhof: Ich hätte Italien als Titelverteidiger doch etwas mehr zugetraut. Vor allem aber hat mich Frankreich sehr enttäuscht. Diese Mannschaft hat sich selbst zerstört. Von der ersten Minute an im Spiel gegen Südafrika war zu erkennen, dass es in diesem Team in keiner Weise stimmt. Dass sich dann auch noch der Staat eingeschaltet hat, rundet das traurige Bild nur noch ab, das Frankreich bei dieser WM von sich gezeichnet hat.

© SAT.1/Kötter
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