ran.de: Bei der Heim-EM 2008 verlor Österreich knapp mit 0:1 gegen Deutschland. Was ist diesmal drin für Österreich?
Toni Polster: Wir sind krasser Außenseiter, da brauchen wir gar nicht drum herum reden. Alles, was wir in den beiden Spielen gegen Deutschland holen, ist ein großes Geschenk. Wenn jeder einzelne Österreicher an seine Leistungsgrenze herankommt, alles gibt, ist immer etwas möglich. Deutschland ist und bleibt aber der große Favorit.
GALERIE: Deutschland vs. Österreich - die Geschichte in Bildern
ran.de: Gegen Deutschland steht Österreich bereits mit dem Rücken zur Wand. Wie viel Schuld an der Situation trägt Nationaltrainer Didi Constantini?
Polster: Wir haben uns erhofft, bis zum Ende der EM-Qualifikation ein Wörtchen mitreden zu können. Das ist nicht gelungen, Österreich ist aus dem Rennen. Das Ziel EM-Qualifikation wurde damit nicht erreicht, darüber bin ich enttäuscht. Trotzdem bleibt die Hoffung, dass es einen Schritt vorwärts geht und sich die Mannschaft gut weiterentwickelt, so dass die WM-Qualifikation für 2014 in Brasilien geschafft wird.
ran.de: Misslingt die Qualifikation für 2012, ist Constantini wohl weg.
Polster: Das kann ich nicht beurteilen. Die Herren vom ÖFB (Österreichischer Fußballbund, Anm. d. Red) müssen diese Entscheidung treffen. Tatsache ist aber, dass sich alle mehr erwartet haben.
ran.de: Muss Österreich wieder zehn Jahre warten, bis sich die Nationalmannschaft für ein großes Turnier qualifiziert?
Polster: Das hoffe ich nicht. Die WM-Qualifikation für 2014 müssen wir schaffen. Wenn nicht, muss man deutlich sagen: Diese Generation hat versagt.
ran.de: Können Sie sich vorstellen, in Zukunft als Nationaltrainer Österreichs tätig zu sein?
Polster: Ich könnte mir grundsätzlich vorstellen, eine Auswahlmannschaft zu trainieren. Wenn wir uns irgendwann wieder für ein Großereignis qualifizieren möchten, wäre es gut, wenn ich übernehmen würde (lacht). Im Ernst: Ich habe Erfahrungen im Management von Austria Wien und Borussia Mönchengladbach gesammelt. Danach war ich bis Ende 2010 Trainer der zweiten Mannschaft von LASK Linz. Mit der Mannschaft bin ich in die dritthöchste Spielklasse aufgestiegen. Ich werde auf jeden Fall den Weg als Trainer weitergehen. Im Sommer werde ich möglicherweise wieder eine Mannschaft übernehmen.
ran.de: Sie sind mit 44 Treffern nach wie vor Österreichs Rekordtorschütze in der Nationalmannschaft. Sehen Sie in absehbarer Zeit ihren Rekord gefährdet?
Polster: Das ist schwierig. Ich würde es mir aber wünschen, denn ich drücke der Nationalmannschaft die Daumen und hoffe, dass sie Erfolg hat. Derzeit sieht es aber nicht danach aus, als könnte jemand den Rekord knacken.
ran.de: Marko Arnautovic hätte die Klasse dazu.
Polster: Ja. Aber er macht unter dem Strich zu wenig aus seiner fußballerischen Klasse, entwickelt sich leider nicht so, wie sich das alle erhofft haben.
ran.de: Steht er jetzt schon am Scheideweg?
Polster: Er muss begreifen, was die Stunde geschlagen hat. In Bremen muss Arnautovic auch endlich gute Leistungen bringen, um seine Ablösesumme zu rechtfertigen.
ran.de: Arnautovic ist diesmal nicht dabei. Vielleicht sogar besser, weil man gegen Deutschland Spieler braucht, die immer alles geben?
Polster: Das will ich nicht sagen. Aber das ist ein Nachbarduell. In Österreich blickt man immer neidvoll in die deutsche Bundesliga. Dort ist das Umfeld professioneller, die Zuschauer strömen in Massen in die modernen Stadien. Das Spiel gegen Deutschland hat einen Charakter wie das Duell David gegen Goliath. Österreich als David versucht dann, sich so gut wie möglich zu verkaufen.
ran.de: Seit dem letzten österreichischen Wunder in Cordoba sind 33 Jahre vergangen. Können Sie sich noch erinnern, wie sie dieses Spiel damals als 14-Jähriger miterlebt haben?
Polster: Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, das Spiel im Fernsehen mitverfolgt zu haben. Wir haben aber auch nach 1978 gegen Deutschland gewonnen. Ein Freundschaftsspiel im Oktober 1986 haben wir in Wien mit 4:1 gewonnen. Ich habe zwei Tore geschossen.
ran.de: Was genau macht den Reiz aus, gegen Deutschland zu spielen?
Polster: Es waren immer besondere Spiele gegen Deutschland. Unsere Nachbarn gehörten stets zu den besten der Welt. Sich mit den Besten zu messen, war immer schön und gleichzeitig ein Bewerbungsschreiben an die deutsche Bundesliga.
ran.de: Zu ihrer aktiven Zeit als Spieler waren Deutschland und Österreich noch auf Augenhöhe. Kann dieser Zustand wieder erreicht werden?
Polster: Sich mit Deutschland zu messen, ist schwierig. Aber ein Land wie Dänemark könnte uns als Vorbild dienen. Die sind auch ein kleines Land, trotzdem qualifizieren sich die Dänen regelmäßig für Welt- und Europameisterschaften.
ran.de: Wo liegen die Gründe für diese große Kluft zwischen dem deutschen und österreichischen Fußball?
Polster: Deutschland gibt nie auf. Auch aussichtlose Spiele können sie drehen. Wir haben früher auch gut gespielt. Doch das hat sich leider geändert. Österreichs Spieler haben im internationalen Vergleich große Probleme, in hohem Tempo den Ball zu verarbeiten. Früher konnten wir dem Goliath Deutschland besser Paroli bieten, trotz des Wettbewerbsvorteils in Form eines besseren Umfelds und mehr Einwohnern auf deutscher Seite. Wir haben einfach besser Fußball gespielt. Dazu sind wir zurzeit scheinbar nicht in der Lage.
ran.de: Nicht nur im Fußball trennen beide Länder Welten, auch die Mentalität ändert sich quasi mit Überschreiten der Landesgrenze.
Polster: Ja. In Deutschland muss man sich von klein auf durchkämpfen, sich durchboxen, weil das Angebot einfach größer ist. Bei uns geht es scheinbar zu leicht und zu schnell. Dadurch stoßen wir im internationalen Vergleich oft an unsere Grenzen, wenn es darum geht, etwas Großes zu leisten.
Österreich vs. Deutschland: Fr., ab 20.30 Uhr im Live-Ticker auf ran.de

















