Szene aus dem Spiel zwischen Santo Spirito (weiß) und Santa Croce (blau): Ir... - Bildquelle: 2016 Getty ImagesSzene aus dem Spiel zwischen Santo Spirito (weiß) und Santa Croce (blau): Irgendwo muss auch der Ball sein. © 2016 Getty Images

München/Florenz - Im Sommer 1575 weilte hoher Besuch im italienischen Florenz. Heinrich III., König von Frankreich, war in die Toskana gereist.

Während seines Aufenthalts verfolgte der Monarch auch eine Partie des "Calcio Storico", einer der ungewöhnlichsten und brutalsten Mannschaftsportarten überhaupt. "Zu klein für einen Krieg, zu grausam für ein Spiel", lautete das Fazit von König Heinrich.

Mit diesem Zitat steigt Netflix in die neue Dokumentations-Serie "Heimspiel" ein, die in ihrer ersten Folge ein Schlaglicht auf den "Calcio Storico" wirft, der nur in Florenz gespielt wird. Sollte man die Sportart beschreiben, wäre es wohl ein Mix aus Rugby, MMA und Gladiatorenkämpfen.

"Fast alles ist möglich"

"Es ist ein gewalttätiges Spiel, bei dem fast alles möglich ist", sagte Fabrizio Valleri, einer der Stars der letzten Jahre, im Interview mit der Tourismusseite "visitflorence.com": "Es gibt keine Regel, außer einer einzigen: Respektiere den Gegner! Es ist ein uralter Ehrenkodex, Ritterlichkeit. Das bedeutet, dass man keinen Vorteil daraus bezieht, wenn der Gegner am Boden ist. Oder dass man nicht von hinten kommt. Darüberhinaus gibt es keine Regeln – man kann schlagen, treten, den Gegner umhauen und natürlich rennen."

Gespielt wird auf der Piazza Santa Croce, mitten in der Renaissancestadt. Der Platz wird mit Sand bedeckt, das rechteckige Spielfeld misst etwa 80 mal 40 Meter. Die Mannschaften bestehen aus 27 Spielern, das Spiel dauert 50 Minuten. Unterbrochen wird nur bei schweren Verletzungen, wenn Sanitäter auf das Feld müssen.

Das Ziel ist es, einen Ball in das Tor des Gegners zu werfen oder zu schießen, wofür es einen Punkt gibt. Bei einem Fehlwurf bekommt allerdings der Gegner einen halben Punkt, weshalb eine Partie auch schon mal 6:6,5 ausgehen kann. Dabei darf jeder Spieler zu jeder Zeit einen anderen Spieler angreifen. Schläge mit der bloßen Faust in Gesicht, Tritte zum Körper oder Techniken aus dem Ringen sind erlaubt, um den Weg zum Tor freizumachen, beziehungsweise das eigene Tor zu verteidigen. Allerdings gilt noch eine Regel: es darf immer nur ein Mann gegen einen anderen kämpfen.

Das Finale ist immer am 24. Juni

Kein Wunder also, dass nach 50 Minuten die Mannschaften deutlich ausgedünnt sind, schwere Verletzungen gehören dazu. Aus diesem Grund gibt auch nur vier Spiele im Jahr. Die vier historischen Stadtviertel Santo Spirito (weiß), Santa Croce (blau), Santa Maria Novella (rot) und San Giovanni (grün), stellen die vier Teams, die sich in den Farben unterscheiden. Los geht es direkt mit dem Halbfinale, die beiden Sieger spielen immer am 24. Juni um die Meisterschaft von Florenz.

Transfers gibt es auch nicht. Die Spieler müssen in den jeweiligen Viertel geboren sein, auswärtige Spieler werden nur in Ausnahmefällen zugelassen. Spielte der Vater für eine Mannschaft, spielt auch der Sohn für dieses Team und so geht es immer weiter. Dabei hinterlässt der "Calcio Storico", was soviel wie "historischer Fußball" bedeutet, seine Spuren. Nach mehreren Teilnahmen sind die Gesichter der Veteranen vernarbt und verbeult, die Nasen schief.

Das ganze Jahr über bereiten sich die Athleten auf die Spiele vor, das Training ist eine Mischung aus Bodybuilding, Kampfsport und Rugbytraining inklusive Taktik. Gespielt wird mit freiem Oberkörper und historischen Plusterhosen, die an das Mittelalter erinnern.

Mitten in der Belagerung wurde gespielt

Denn dort hat der "Calcio Historico" seinen Ursprung. Das erste dokumentierte Spiel fand am 17. Februar 1530 statt, die Truppen von Karl V., dem Kaiser des heiligen römischen Reiches, belagerten damals Florenz. Um die Belagerer zu verspotten, spielten die Bewohner "Calcio Storico". Gleichzeitig sendeten sie die Botschaft: Wer so ein Spiel spielen kann, wird noch lange nicht aufgeben.

Dieser Geist hat sich bis heute gehalten. Geld lässt sich mit dem Sport nicht verdienen. "Der Hauptgrund, warum ich spiele, ist für Florenz und seinen Ruhm", sagt Lorenzo Marri in der Netflix-Dokumentation. Es geht um Tradition, die Liebe zu Florenz und der mehr als 2000 Jahre andauernden Geschichte der Stadt.

Allerdings haben nicht alle Spieler so noble Ziele, in den vergangenen Jahren mischten sich auch viele Kleinganoven und Schläger unter die Spieler. Nachdem 2017 ein Spieler einen Schiedsrichter niedergeschlagen hatte, musste eine Einheit der Bereitschaftspolizei das Spiel, das sich zu einer Massenschlägerei entwickelt hatte, beenden. In den letzten Jahren wurden vorbestrafte Spieler aussortiert, ihnen wurde die Spielerlaubnis entzogen, um solche Exzesse zu unterbinden.

Corona sorgt für Absage

So hart die Spieler bei "Calcio Storico" auch im Nehmen sein mögen, gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 hatten auch sie keine Chance. Das traditionelle Turnier musste in diesem Jahr abgesagt werden. Abstand halten ist bei der Vollkontaktsportart tatsächlich unmöglich. Ohne Zuschauer ist das Spektakel ebenfalls unvorstellbar.

Und so werden sich die Menschen in Florenz noch ein weiteres Jahre gedulden müssen, bis auf der Piazza Santa Croce wieder die Fäuste fliegen.

Christian Stüwe

News-Ticker

Video-Tipps

NFL-Ergebnisse

Aktuelle Galerien