Robert Enke wäre am 24. August 44 Jahre alt geworden. - Bildquelle: imago sportfotodienstRobert Enke wäre am 24. August 44 Jahre alt geworden. © imago sportfotodienst

München - Victor Pálsson ist Fußball-Profi bei Schalke 04. Im November 2020 wacht er nach einer Operation aus der Narkose auf und erfährt zwei Stunden später vom Tod seiner Mutter.

Im April 2021 verkündet der Isländer, damals noch beim SV Darmstadt 98 unter Vertrag, in einem Interview: "Habe ich unter Depressionen gelitten? Ja. Habe ich immer noch damit zu kämpfen? Ja. Ich habe keine Angst, darüber zu sprechen."

Maike Naomi Schwarz, Leistungsschwimmerin der deutschen paralympischen Nationalmannschaft, gewann Silber bei den Paralympics in Rio 2016, ist zweifache Europameisterin und Weltmeisterin. Am 22. April 2021 macht sie ihre Depressionen auf Instagram öffentlich: "Das Gesicht, das ich hier gezeigt habe, war immer die echte Maike, aber eben auch nur ein Teil von mir. Dem anderen Teil geht es leider gar nicht gut."

Sarah Scheurich ist zweifache Deutsche Meisterin und Vize-Europameisterin im Boxen. Auf ihrem Weg zur Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio musste sie zuerst ihre Depressionen besiegen. In einer Ausgabe des Olympia-Podcast der "ARD"-Sportschau sprach sie erstmals in der Öffentlichkeit über ihre Krankheit.

Depressionen sind im Leistungssport weit verbreitet

Dass Depressionen im Leistungssport weit verbreitet sind, ist spätestens seit dem Suizid von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke im Jahr 2009 kein Geheimnis mehr. Doch viele Leistungssportler haben lange Zeit danach immer noch Angst, mit ihrer Krankheit offen umzugehen. Zu groß ist der Druck, an Wertschätzung zu verlieren, die Karriere beenden zu müssen oder in eine Schublade geschoben zu werden.

Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren ein Wandel vollzogen: Immer mehr Leistungssportler gehen den weiten Weg an die Öffentlichkeit. Eine genaue Zahl an Veröffentlichungen können Experten wie Dr. Valentin Markser, ehemaliger Therapeut von Enke und bekanntester deutscher Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Leistungssport, und Dr. Karsten Henkel, stellvertretender Leiter des Referats für Sportpsychiatrie und -psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, nicht nennen.

Markser hofft aber, dass es bald eine Einrichtung geben wird, die eine genaue Zahl an Veröffentlichungen herausgibt. Aber auch ohne Statistik sind sich beide sicher: Die virtuelle Liste an von Sportlern, die ihre Depressionen öffentlich machen, wird länger und länger.

"Der Weg, offen mit der Depression umzugehen, ist für viele Leistungssportler aber nach wie vor weit", sagt Dr. Katharina Hösl, Leitende Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Nürnberg und Leiterin der sportpsychiatrischen Sprechstunde. Sie leitet die Therapie von einigen depressiven Leistungssportlern.

Erster Schritt: Die Sportler müssen ihre Krankheit realisieren

Der Weg an die Öffentlichkeit ist bei jedem Sportler anders, aber der erste Schritt gestaltet sich zumeist gleich: Die Leistungssportler müssen ihre Krankheit realisieren. So war es auch bei Leistungsschwimmerin Schwarz. Vor dreieinhalb Jahren litt sie unter Essstörungen und Magersucht. Ihr Sportarzt entzog ihr daraufhin die Sporttauglichkeit und sie musste sich in Therapie begeben.

"Ich habe zugenommen mit dem Gedanken, ich mach' das für den Sport", erinnert sich Schwarz. Nach kurzer Zeit durfte sie wieder ins Becken. Zwar ging es ihr körperlich wieder besser, aber innerlich fühlte sie sich müde. "Das habe ich eine Weile laufen lassen, weil ich für den Sport lebe", erklärt Schwarz.

Wegen der Essstörung musste sie weiterhin in Therapie bleiben, konnte sich aber gegenüber ihren Gefühlen nicht öffnen. Die Termine mit ihrer Psychiaterin ließ sie in den nächsten Monaten immer weiter schleifen und sagte sie kurzfristig ab. Der Grund: Das Training steht für sie an erster Stelle und das soll so bleiben.

"Ich habe immer gekämpft in meinem Leben, ich habe mit 13 mein Augenlicht verloren. Ich habe dagegen gekämpft. Ich dachte halt, bei den Depressionen und den Gefühlen, die in mir aufkamen, du bist stärker und irgendwann verschwinden die", sagt Schwarz.  

Dieses Verhalten ist typisch bei Leistungssportlern, sagt Dr. Henkel. Sie sind es gewohnt, über Schmerzensgrenzen zu gehen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Maike Naomi Schwarz schleppte sich weiter ins Training

Anders ist das bei Fußball-Profi Pálsson. Er hatte eine schwere Kindheit. Pálsson wuchs ohne Vater auf und seine Mutter litt unter Alkohol- und Drogenproblemen. Ihn selbst plagten immer wieder psychische Probleme. Pálsson suchte sich aber früh Hilfe und hatte einen Mentalcoach. So gelang es ihm, die Krankheit zu kontrollieren.

Im Sommer 2019 wechselte er dann zum Zweitligisten SV Darmstadt 98. Nach dem unerwarteten Tod seiner Mutter im November 2020 verschlechterte sich sein Zustand. Er sprach mit kaum jemanden und nahm acht Kilo ab. Aufgrund einer Verletzung am Finger durfte er nach der Operation auch nicht trainieren.

Im Herbst 2020 verschlechterte sich auch der Zustand von Schwarz. Sie bekam Panikattacken und litt zeitweise unter Suizidgedanken. Trotzdem stand sie jeden Morgen auf und schleppte sich ins Training. "Aber die Zeit zwischen dem Training hab' ich mit Schlafen und Heulen verbracht, weil ich gar nicht mehr wusste, wo unten und oben ist", erzählt sie. Ein depressiver Tiefpunkt folgte dem Nächsten.

April 2021 - Eindhoven. Für Schwarz stand der Qualifikationswettkampf für die Paralympics in Tokio an. Während des Wettkampfes wurde ihr klar: bis hier hin und nicht weiter.

"Mir war in dem Moment einfach bewusst, wenn ich mich jetzt nicht an erste Stelle stelle und mich in professionelle Hände begebe, dann überlebe ich das nicht" sagt sie rückblickend. Nach dem Wettkampf führte sie ein intensives Gespräch mit ihrem Mann Carl und erzählte ihm von ihrer Depression. "Viele Sportler müssen lernen, zunächst im persönlichen Umfeld über ihre Krankheit zu sprechen", sagt Dr. Katharina Hösl. Das ist wichtig, um offener mit den Depressionen umzugehen.

Darmstadt 98 unterstützte Pálsson bei seiner Therapie

Der Schritt an die Öffentlichkeit fällt den meisten Leistungssportlern dann deutlich leichter. Nach dem Wettkampf telefonierte Schwarz mit einem befreundeten Journalisten. "Ich habe kaum ein Wort rausbekommen. Ich habe nur geweint und war verzweifelt", erzählt sie.

Er ist der Erste nach ihrem Mann, dem sie ihre Depression beichtet - noch vor ihren Eltern oder Freunden. Noch am selben Tag entschied sich Schwarz, die Depression öffentlich zu machen und sich in stationäre Behandlung zu begeben.

Auch Profifußballer Pálsson begab sich in Therapie. Während seiner Behandlung sprach er offen mit seinem Verein über die Krankheit. Der Verein ließ ihn in diesem Moment nicht alleine und unterstützte ihn bei der Therapie.

"Das war und ist nicht immer so", sagt Tilman Zychlinski, Stiftungsmanager der Robert-Enke-Stiftung. Die Stiftung hat seit der Gründung 2010 Strukturen geschaffen, die es depressiven Sportlern ermöglichen, schnell einen Therapieplatz zu bekommen. Als Grund, wieso Vereine die Leistungssportler nicht unterstützen, nennt er nach wie vor die fehlende Erfahrung im Umgang mit Depressionen.

"Wenn du siehst, wie viele Menschen für dich da sein wollen, dann ist das wunderbar", sagt Pálsson in einem Interview. Er traf im April die Entscheidung, die Krankheit öffentlich zu machen. Damit will er ein Vorbild für Menschen sein, die wie er unter mentalen Problemen leiden. "Die Leute, die damit an die Öffentlichkeit gehen, wollen damit etwas bezwecken", sagt auch Dr. Henkel.

Henkel sieht ein schnelles an die Öffentlichkeit gehen eher skeptisch. Die erfolgreiche Behandlung sollte Priorität haben. "In einer Phase, in der es einem sowieso nicht so gut geht, ist es schwierig, eine gute Entscheidung zu treffen", sagt er: "Wenn die Sportler wieder gesund sind, haben sie einen klareren Blick und können das besser abwägen."

Dem steht Dr. Hösl etwas offener gegenüber. Da jeder Leistungssportler mit seiner Erkrankung anders umgehe, ist ihr eines wichtig: Die Entscheidung muss individuell getroffen werden.

Sie versucht in Gesprächen gemeinsam mit dem Leistungssportler, die für ihn beste Lösung zu finden. "Die Entscheidung trifft der Sportler aber immer selbst", sagt Dr. Hösl: "Viele der Leistungssportler wollen aber kein Versteckspiel mehr spielen und offen mit ihrer Krankheit umgehen."

Schwarz wendete sich in Mails an Sponsoren und Partner

"Ich hatte das Gefühl, dass es mir hilft, wenn die Leute Bescheid wissen", sagt Schwarz über ihre Entscheidung. Sie will damit Verständnis bei Fans, Journalisten und Sponsoren schaffen, wenn sie beispielsweise auf Anfragen nicht antwortet.

"Ich habe auch so oft den Spruch zu hören bekommen: 'Maike, das hätte man von dir niemals gedacht. Du bist so ein Sonnenschein'", erzählt sie. Das habe ihr gezeigt, dass Depressionen immer noch zu häufig ein Tabuthema sind. Das will sie mit ihrer Veröffentlichung der Krankheit ändern.

Zusammen mit einem Journalisten verfasste sie wenige Tage nach dem Wettkampf die Texte für die Öffentlichkeit. "Ich habe einfach nur ins Telefon geschluchzt, und alles gesagt, was ich sagen wollte und er hat es versucht, in halbwegs vernünftige Worte zu bringen", sagt sie.

Schwarz schrieb zwei lange Mails an Sponsoren und Partner. In diesen steht: "Ich möchte mich in nächster Zeit um meine Gesundheit kümmern. Ich will aber auf jeden Fall stärker zurückkommen." Schwarz sendete Mail für Mail ab. Bevor sie den Senden-Button drückte, sagte sie sich: "Das machst du jetzt nicht." Als Antwort kam von ihrem Mann: "Doch, du machst das jetzt. Du drückst auf Senden."

Bei jeder Mail, die rausflatterte, dachte sich Schwarz aber nur: "Komm' zurück, komm' zurück." Sie bekam Angst vor den Konsequenzen: Wie werden die Leute reagieren? "Das ist eine ganz normale Reaktion von Leistungssportlern", sagt Dr. Markser. "Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind noch nicht vorhersehbar und für viele Sportler beängstigend", erklärt er. Die Leistungssportler müssen mit viel sozialer Belastung und medialem Druck rechnen.

Depressionen im Leistungssport: "Erfolg heißt total offener Umgang"

Pálsson bekam bei seiner Veröffentlichung Unterstützung von seinem Verein. Dieser organisierte ein Interview, in dem er offen über seine Erkrankung sprach. "Für uns war es selbstverständlich, dass wir Victor unterstützen", sagt Jan Bergholz, PR- und Medienvertreter des SV Darmstadt. Am 26. April veröffentlichte der SV Darmstadt das Interview in der Stadionzeitung.

"Der Verein stand und steht dem Spieler bei diesem Schritt aber häufig im Weg", betont Zychlinski. Die Vereine wüssten nicht, wie sie sich in der Öffentlichkeit positionieren sollen und decken den Sportler dann lieber mit einer anderen Verletzung.

Durch viel Aufklärungsarbeit hat sich das aber in den vergangenen Jahren verbessert. Um die Vereine zu sensibilisieren, hat die Robert-Enke-Stiftung das Projekt "Robert-Enke-Stiftung auf Tour" ins Leben gerufen. Ein Team der Stiftung fährt durch ganz Deutschland und hält Vorträge vor Spielern und Verantwortlichen.

Teilnehmende Sportvereine sind unter anderem der VfB Stuttgart und Hertha BSC. So sollen alle Vereinsmitglieder im Umgang mit der Krankheit vertraut gemacht werden. Zychlinski ist sich sicher: "Wenn wir am Ball bleiben, können wir in den nächsten zehn bis 20 Jahren noch große Erfolge verzeichnen. Und Erfolg heißt total offener Umgang."

Schwarz hat die Teilnahme an den Paralympics abgesagt

Kurze Zeit nach der Verkündung bereute Schwarz ihre Veröffentlichung nicht mehr. Von vielen Sponsoren kam eine positive Antwort. Sie wollten Schwarz auf ihrem Weg unterstützen.

Es gab aber auch Sponsoren, die ohne Rückmeldung die finanzielle Hilfe einstellten. "Das habe ich dann einfach auf dem Konto gesehen", sagt Schwarz. Als sie sich bei diesen Sponsoren meldete, bekamn sie die Antwort, sie hätte doch die Karriere beendet. "Was mich geärgert hat, war, dass man sich nicht mal die Mühe gemacht hat, meine Worte zu lesen", schimpft Schwarz.

Pálsson erreichten nach der Veröffentlichung des Interviews viele nette Worte. Einige Fans schrieben ihm Briefe oder kommentierten seine Bilder auf Instagram. Heute geht es ihm wieder besser. Seine Entscheidung bereut er nach wie vor nicht. Auch sportlich ging es für ihn aufwärts. Nach seiner Verletzung zahlte er die Unterstützung des Vereins mit guten Leistungen zurück.

Im Sommer wechselte er aufgrund der sportlichen Perspektive und der guten Beziehung zu Trainer Dimitrios Grammozis zum FC Schalke 04. Dort will er als Leader vorangehen und den Traditionsklub zurück in die Bundesliga führen.

Auch Schwarz will sich von ihren Depressionen nicht unterkriegen lassen. Sie kämpft in der Klinik weiter gegen ihre Krankheit, braucht aber Geduld. "Die Energie, die ich normalerweise in den Sport stecke, die stecke ich da rein", sagt sie.

Die Teilnahme an den Paralympics in Tokio hat sie abgesagt. Wann sie zurück in den Leistungssport kommt, ist noch unklar. Die Verkündung war für sie aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Martin Amedick will mit seinen Erfahrungen jungen Sportlern helfen

"Für die Aufklärung und Sensibilisierung der Krankheit ist das überragend", sagt auch Martin Amedick über Leistungssportler, die ihre Depressionen öffentlich machen. Im Sommer 2012 hatte er als erster aktiver Fußball-Profi nach der Tragödie um Robert Enke seine Depression öffentlich gemacht. Damals stand der heute 38-Jährige bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag.

Den Moment der Veröffentlichung vergleicht er nach jahrelanger Angst mit dem Abnehmen einer Maske. Heute studiert Amedick Psychologie und hat vor Kurzem seine Bachelorarbeit abgegeben. Sein Ziel ist es jetzt, als Sportpsychologe in einem Nachwuchsleistungszentrum zu arbeiten. Dort will er mit seiner Erfahrung, als Spieler die Erkrankung gehabt zu haben, und dem Wissen aus seinem Studium Leistungssportlern helfen, mit psychischen Problemen offener umzugehen.

Auch Jahre nach seiner Verkündung sagt er: "Es war genau die richtige Entscheidung."

Wenn Sie selbst depressiv sind, wenn sie Suizid-Gedanken plagen, dann kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge im Internet oder über die kostenlose Hotlines 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123. Die Deutsche Depressionshilfe ist in der Woche tagsüber unter 0800 / 33 44 533 zu erreichen.

Kilian Kreitmair

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