Hendrik Pfeiffer. - Bildquelle: imago images/Chai v.d. LaageHendrik Pfeiffer. © imago images/Chai v.d. Laage

Gelsenkirchen – Hendrik Pfeiffer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Coronakrise geht. 

"Die habe ich als noch schlimmer empfunden als jede Verletzung", gibt er im Gespräch mit ran offen zu. Sein Weg zu seinem Lebenstraum Olympia ist ebenso steinig wie spannend gewesen, erfüllt hat er ihn sich in diesem Jahr in Tokio. 

Ein für ihn einschneidendes, aber auch seltsames Erlebnis, wie der 28-Jährige am Rande der VIVAWEST Marathon Herbst-Challenge verrät. Als Lokalmatador hatte er am Freitag in Gelsenkirchen die Strecke eingeweiht – und betont, wie wichtig Veranstaltungen wie diese für Läufer sind.

ran: Hendrik Pfeiffer, wie wichtig sind Veranstaltungen wie die VIVAWEST Marathon Herbst-Challenge generell?

Hendrik Pfeiffer: Sehr wichtig. Das Wichtigste ist, dass wieder Veranstaltungen mit Teilnehmern stattfinden, das ist ein wichtiges Signal. Für die Organisatoren, die noch keine klassischen Veranstaltungen durchführen können, ist es wichtig, Präsenz zu zeigen. Dass die Leute sehen: Der VIVAWEST Marathon lebt auch in diesem Jahr weiter und kommt nächstes Jahr voll zurück. Und die Unterstützung durch die Politik ist auch ein gutes Zeichen.

ran: Was halten Sie von der Idee, den Marathon auf diese Art und Weise durchzuführen?

Pfeiffer: Ich finde, dass es ganz unabhängig von Corona eine interessante Sache ist, dass man auf beliebten und coolen Strecken in großen Städten eine feste Zeitmessanlage installiert. Ich glaube, dass dies viele Leute auf Dauer vor die Haustür ziehen würde, da könnte sich eine Eigendynamik entwickeln. Vielleicht ist das eine der wenigen positiven Sachen, die nach Corona bleiben.

ran: Laufen hat durch Corona einen Boom erfahren. Glauben Sie, dass das bleibt?

Pfeiffer: Ja, ich denke schon. Das Schwierigste am Laufen ist, dass man sich aufrafft. Hat man das einmal geschafft, bleibt man gerne dabei, weil es Spaß macht und man sieht, dass man vorankommt. Bei mir ist es auch so: Nach einer Sommerpause sind die ersten zwei, drei Wochen etwas zäh und schwierig. Aber wenn man dann drin ist, gibt einem das Laufen einfach sehr viel. Und diese Erfahrung werden jetzt viele Menschen gemacht haben. Und wenn Events wie die Herbst-Challenge stattfinden, ist das eine tolle Unterstützung. Man benötigt ein Ziel, das ist wichtig. Corona hatte vielen Läufern die Ziele genommen. Mir auch – ich bin 2020, als Olympia verschoben wurde, in ein Loch gefallen. Ich wusste gar nicht, was kommt, alles war abgesagt worden. Das ist sowohl für Profis als auch für Hobbysportler äußerst schwierig.

ran: Was raten Sie als Profi Anfängern oder Hobbyläufern, um den berühmten Schweinehund zu überwinden?

Pfeiffer: Wichtig ist, nicht zu schnell zu viel zu wollen. Man kann sich ruhig langsam herantasten, oder auch zwischendurch Abschnitte gehen. Mein wichtigster Tipp: Protokolliert das Training. Denn zum einen sieht man einen Fortschritt und es ist wie eine Belohnung, wenn man eine Einheit einträgt. Ich mache das auch sehr detailliert. Zum anderen bekommt man eine Struktur in das Training und kann die Entwicklung nachverfolgen. Das ist ein psychologischer Trick, der mir sehr hilft, am Ball zu bleiben und nicht nachzulassen.

ran: Psychologische Tricks - wie wichtig ist der Kopf beim Laufen?

Pfeiffer: Viel wichtiger, als man denkt. Das ist eine extrem mentale Sportart. Klar: Ein Marathon ist eine Willenssache, aber jetzt im Winter ist es das Schwierigste, sich überhaupt aufzuraffen. Das ist eine mentale Herausforderung. Da hilft jeder Trick. Motivieren kann man sich immer über die Ziele und auch über vergangene Erfolge. Wenn ich laufe, denke ich auch an Olympia in Tokio und wie toll es war, dabei gewesen zu sein und dass ich es auch dafür mache.

ran: Sie haben sich in Tokio Ihren Lebenstraum Olympia erfüllt - wie speziell war das?

Pfeiffer: Wir wurden auf die Nordinsel ausgelagert in der Hoffnung, dass es etwas kühler ist als in Tokio. Leider herrschte dort die schlimmste Hitzewelle seit 97 Jahren, es war fast schon gefährlich, dort einen Marathon auszutragen. Das war eine absolute Hitzeschlacht, eine echte Grenzerfahrung. Unter dem Strich überwiegt das tolle Erlebnis, es dorthin geschafft zu haben. Es war eine echte Odyssee und deshalb eine riesige Erleichterung, im Ziel gewesen zu sein. Sollte ich morgen von einem Auto angefahren werden und nicht mehr laufen können, würde ich sagen: 'Es hat sich alles irgendwie gelohnt.' Denn es war ein Moment, der mein Leben erfüllt hat. Ich habe die letzten 25 Jahre meines Lebens diesem Traum gewidmet. Das war etwas ganz Besonderes, auch, weil ich mit den Top 50 eine vernünftige Platzierung erreicht habe. 

ran: Wie haben Sie das Drumherum in Tokio erlebt?

Pfeiffer: Vom Olympischen Dorf habe ich zum Beispiel leider nichts gesehen. Und auch sonst ist vom Drumherum nicht viel geblieben. Der Wettbewerb war da, und auch die Zuschauer, und das ist auch das Wichtigste. Ansonsten hätte ich mir aber etwas mehr Fingerspitzengefühl von den Organisatoren erhofft. Es war teilweise zu starr und zu steif. Man war im Grunde gefangen im Hotelzimmer. Im Grunde war es kein Unterschied zu einer Justizvollzugsanstalt, so habe ich mich gefühlt. Mein Trainer und ich haben beim Training immer scherzhaft gesagt, dass wir wieder Freigang haben. Das war schade, aber der Wettkampf bleibt, und das ist Gold wert. Denn das kann mir keiner mehr nehmen.

ran: Olympia war für Sie eine Art Happy End einer komplizierten Karrierephase. Wie schwierig war die Pandemie für Sie?

Pfeiffer: Die Coronakrise habe ich als noch schlimmer empfunden als jede Verletzung. Bei einer Verletzung hat man ein ungefähres Gefühl, wann es ausgestanden ist, wann es weitergeht. Bei Corona hatte man am Anfang keine Ahnung, wie schlimm es noch wird, wie es weitergeht. Das war eine mentale, aber auch finanzielle Belastung. Jetzt besteht wieder berechtigte Hoffnung, weil Veranstaltungen wieder stattfinden.

ran: Sie sind im vergangenen Jahr im Frühjahr selbst an Corona erkrankt. Wie schlimm war diese Zeit so kurz vor Olympia?

Pfeiffer: Das war in doppelter Hinsicht unangenehm, weil die Erkrankung in die heiße Phase der Olympia-Vorbereitung fiel. Und in eine Phase, in der das Quali-Fenster noch offen war. Ich musste tatenlos zuschauen, wie sich ein Konkurrent nach dem anderen an meiner Zeit versucht hat. Hätte jemand die Zeit geschlagen, wäre ich raus gewesen. Aber das ist relativ schnell in den Hintergrund getreten, weil die Symptome nicht mild waren. Die Sinne waren weg, ich lag flach wie nie zuvor, als wäre ich umgefahren worden. Da habe ich mir Sorgen gemacht, dass mehr auf dem Spiel stehen könnte als Olympia. Das ist alles belastender, als man denkt, ich habe mir viele Sorgen gemacht. Ich habe mich nach der Krankheit mit Untersuchungen aber abgesichert, dass keine Schäden entstanden sind. Aber Corona hat mich zwei Monate lang beschäftigt und beeinträchtigt. Und dann hat es mich sehr viel Kraft gekostet, um bis Olympia von null auf 100 zu kommen. Das war eine kritische Phase, die zum Glück glimpflich ausgegangen ist.

ran: Sie wurden schon öfter von Verletzungen gestoppt – hat das beim Umgang mit Corona geholfen?

Pfeiffer: Die Verletzungen und die Erfahrungen damit haben mir nicht unbedingt bei der Erkrankung, sondern vor allem in der Corona-Zeit geholfen, denn ich habe bereits bei meinen Verletzungen die Strategie genutzt, Dinge zu tun, die mir – möglicherweise auch abseits des Sports – am Ende helfen. 

ran: Verzweifelt man, wenn vor Großereignissen immer etwas dazwischenkommt?

Pfeiffer: Olympia wäre das fünfte Großereignis gewesen, das trotz erfüllter Norm nicht geklappt hätte. Das ist mental schwierig und herausfordernd, aber ich habe immer gezeigt, dass es geht. Wahrscheinlich hat mich das alles auch mental gestärkt. Es ist am Ende aber gut ausgegangen, ich habe es ja zu Olympia geschafft.

ran: Sie sind in der Pandemie zudem Sportsoldat geworden…

Pfeiffer: Das war bereits vor Corona ein Ziel, weil mir das die Profi-Bedingungen ermöglicht. Der Zeitpunkt passte natürlich sehr gut, und es hat mir auch einen Sinn gegeben, weil ich trotz des verkorksten Jahres etwas Sinnvolles getan habe, das mir für meine weitere Karriere auch etwas bringt. Ich bin froh, dass es geklappt hat, denn die sportlichen Hürden sind hoch, man muss da leistungsmäßig weit vorne mitspielen. Und man muss sich jedes Jahr neu beweisen.

ran: Wie wichtig ist die Bundeswehr für die Karriere als Athlet?

Pfeiffer: Der Druck ist immer noch da, aber ich habe den Rücken jetzt frei. Ich habe vorher vier Jahre lang gearbeitet, das war eine sehr gute Zeit, es hat mir auch viel gebracht. Aber jetzt habe ich ein Level erreicht, wo beides nicht mehr geht, da muss der Fokus passen. Und das ermöglicht mir die Bundeswehr. Man hat eine Absicherung und kann sich voll auf den Sport fokussieren. Das ist genau das, was wir als Athleten brauchen, denn diese Bedingungen machen mich international konkurrenzfähig. Was man verbessern könnte: die Planungssicherheit erhöhen. Dass man nicht jedes Jahr den Druck hat, bestimmte Leistungen zu erbringen.

ran: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Pfeiffer: Ich bereit mich auf den nächsten Marathon vor. Wenn alles nach Plan verläuft, starte ich im Dezember in Valencia. Dort geht es um die Qualifikation für die EM, die findet in München statt. Und für uns Deutsche hat die natürlich einen besonderen Stellenwert. 

Das Interview führte Andreas Reiners

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