München - Der Gesichtsausdruck von Magnus Carlsen ist berühmt, vielleicht sogar legendär. Oft sieht der Großmeister aus Norwegen während seiner Schachpartien gelangweilt aus, manchmal schaut er ein wenig genervt auf das Schachbrett oder runzelt die Stirn.

Der 31-Jährige hat diesen Gesichtsausdruck perfektioniert. Seine stoische Miene verhindert, dass die Gegner in seine Seele blicken und seine nächsten Züge vorausahnen können. Und momentan sieht es aus, als ob Carlsen diese erfolgreiche Strategie auch abseits des Schachbrettes anwendet.

Denn was im Superstar des Schachsports derzeit vorgeht, ist völlig unklar. Im Juli verblüffte Carlsen die Schachwelt, als er mitteilte, seinen WM-Titel nicht verteidigen zu wollen. Einen wirklichen Grund dafür gibt es nicht, außer dass sein Wunschgegner Alireza Firouzja sich nicht als Herausforderer qualifizieren konnte.

Für noch mehr Aufsehen sorgte Carlsen am Montagabend, als er eine Online-Partie gegen Hans Moke Niemann beim "Julius Baer Generation Cup" im zweiten Zug abbrach. Ein beinahe beispielloser Affront in der Welt des Spitzenschachs.

Magnus Carlsen schaltet seine Kamera aus und verschwindet

Carlsen schaltete einfach seine Kamera aus und verschwand kommentarlos von der digitalen Bühne.

Für diese Unsportlichkeit wurde Carlsen selbst in seinem Heimatland Norwegen wenig Verständnis entgegengebracht. "Absichtlich zu verlieren, ist unakzeptabel", ärgerte sich der Großmeister Jon Ludvig Hammer während der TV-Übertragung.

Dabei hatte Carlsen vor Jahresfrist schon einmal absichtlich verloren und damals sogar den Fairplay-Preis des Weltschachverbands FIDE dafür erhalten. Weil seinem Gegner Ding Liren die Internetverbindung abgerissen war, schenkte ihm Carlsen die nächste Partie.

Carlsen schweigt - die Schachwelt rätselt

Und genauso ist Carlsen bekannt. Ein unerbittlicher Wettkämpfer, der abseits des Schachbretts aber als freundlicher, humorvoller und fairer Zeitgenosse gilt. Der das Werbegesicht eines Modelabels war und in seiner Freizeit gerne Fußball spielt.

Was ist also los mit Magnus Carlsen, dem Popstar des Schachspiels? Warum verhält sich das einstige Wunderkind plötzlich so sonderbar?

Carlsen schweigt, sein Vater Henrik Carlsen stellte klar, dass sein Sohn während des "Julius Baer Generation Cup" keine Interviews geben werde. Weshalb die Schachwelt nun umso mehr über das Verhalten des Großmeisters rätselt.

Schon Anfang September verlor Carlsen gegen Niemann

Und tatsächlich scheint es der 19-jährige Niemann zu sein, der die ungewohnten Seiten an Carlsen zum Vorschein bringt. Anfang September verlor Carlsen beim Sinquefield Cup in St. Louis gegen den Amerikaner. Carlsen brach daraufhin seine Teilnahme an dem Turnier ab, die Erklärung des Schachweltmeisters auf Twitter war kurz und knapp.

"Ich habe mich von dem Turnier zurückgezogen. Ich habe es immer gemocht, im Saint Louis Chess Club zu spielen. Ich hoffe, dass ich in der Zukunft zurückkommen werde", schrieb er. Dazu postete der Fußballfan ein YouTube-Video des Trainers Jose Mourinho, in dem der Portugiese sagt, dass er gerade nicht sprechen könne, weil er sonst eine Menge Ärger bekomme.

Für Hans Niemann gilt die Unschuldsvermutung

Seitdem hat Carlsen auch in den sozialen Medien nichts mehr gepostet. Doch schon dieser kurze Tweet genügte, um für eine der größten Schach-Kontroversen der letzten Jahrzehnte zu sorgen.

Niemann, der im Alter von zwölf und 16 Jahren zweimal bei Online-Schachturnieren betrogen und dies auch zugeben hatte, steht nun erneut unter Betrugsverdacht. Selbst Analkugeln, deren Vibration Niemann die perfekten Züge übermitteln könnten, wurden in Betracht gezogen.

Ohne den Betrugsverdacht konkret zu äußern, hat Carlsen die Schachwelt in zwei Lager gespalten. Das eine unterstützt Carlsen, das andere Niemann.

Ohne Frage liegt der Ball nun aber bei Carlsen, der sein Verhalten rechtfertigen muss. Denn für den jungen Amerikaner gilt selbstverständlich zunächst einmal die Unschuldsvermutung.

"Carlsen ist zwar sicher kein guter Verlierer. Aber einen solchen Schritt würde er nicht setzen, wenn er sich nicht völlig sicher ist, dass Niemann gecheatet hat. Ich glaube auch nicht, dass Carlsen unüberlegt getwittert hat. Ich würde meinen, er hat noch etwas in der Hand", sagte der österreichische Großmeister Markus Ragger dem "Standard" nach der ersten Partie der beiden Kontrahenten.

Treffen Carlsen und Niemann am Wochenende schon wieder aufeinander?

Der Höhepunkt der Schach-Kontroverse ist ziemlich sicher noch nicht erreicht. Sowohl Niemann als auch Carlsen sind noch im "Julius Baer Generation Cup" vertreten, am Wochenende könnten sie wieder aufeinandertreffen.

Es wäre ein Showdown, der die Schachwelt elektrisieren würde.

Was der nächste Zug von Magnus Carlsen in diesem Drama sein wird, ist unmöglich vorauszusagen.

Dass er einmal mehr alle überraschen wird, ist aber nicht unwahrscheinlich. Denn das war schon immer seine große Stärke.

Christian Stüwe

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