Dayot Upamecano (li.) hielt sich alle Atletico-Angreifer vom Leib. Hier: Mar... - Bildquelle: 2020 PoolDayot Upamecano (li.) hielt sich alle Atletico-Angreifer vom Leib. Hier: Marcos Llorente © 2020 Pool

München/Lissabon - Für Diego Simeone, Trainer von Atlético Madrid, war es ein bitterer Abend gewesen. Gerade war seine Mannschaft gegen den deutschen Retortenklub RB Leipzig aus dem Finalturnier der Champions League ausgeschieden, denkbar unglücklich durch ein Tor in der Schlussphase (1:2). Ein Schlag für diesen stolzen Arbeiterklub, der sich rühmen darf, die unbequemste Abwehr in Europa zu stellen. In den vergangenen sechs Spielzeiten hatten sich Simeones Höllenhunde zwei Mal ins Endspiel gemauert und gegrätscht.

Als wöge die Schmach des Ausscheidens nicht schwer genug, verschärfte die UEFA das Gefühl in einem fast schon zynischen Akt: Der Verband ernannte einen Abwehrspieler zum "Man of the Match" – dieser Umstand allein dürfte dem Defensivfetischisten Simeone gefallen haben – allerdings trugt der Ausgezeichnete das Leipziger Trikot. Es war Dayot Upamecano.

Figo lobt Upamecano

Simeone hatte Upamecano, 21, den raubeinigen Diego Costa auf den Hals gehetzt, später Alvaro Morata. Beide prallten an den breiten Schultern des Leipziger Abwehrchefs ab. Genauso wie die restlichen Atlético-Spieler. 82 Prozent seiner Zweikämpfe gewann der junge Franzose, hatte 100 Ballkontakte, brachte 90 Prozent seiner Pässe an den Mitspieler. Nur ein Foul beging Upamecano in dieser Partie, in der ein Zweikampf den nächsten jagte.

Sein Auftritt im Estadio José Alvalade, der Spielstätte von Sporting Lissabon, begeisterte auch die Sporting-Legende Luis Figo. Als "großartiges junges Talent" lobte der einstige Flügelspieler den Innenverteidiger. Upamecano war in diesem Viertelfinale der dringend benötigte Rückhalt für die Leipziger auf internationaler Bühne. Dem RB-Konstrukt verhalf er so zum "größten Erfolg der Vereinsgeschichte", wie es Sportdirektor Markus Krösche ausdrückte.

Upamecano geht kleine Schritte

Der Aufstieg der Leipziger von der fünften Liga ins Halbfinale der Champions League ist zwar nicht das Märchen, als das es die Vereinsverantwortlichen gerne verkaufen. Aber es ist ein akribisch entworfener und nahezu perfekt ausgeführter Plan, der mit sehr viel Geld aus dem Red-Bull-Imperium subventioniert wurde. Upamecano ist schon lange Teil dieses Projekt. Wenige Monate vor seinem 17. Geburtstag wechselte der Spieler aus seiner französischen Heimat zur Leipziger Außenstelle in Salzburg. Angeblich wollten ihn schon damals die großen Klubs locken, Manchester United soll bereit gewesen sein, eine halbe Million Euro an Valenciennes zu überweisen.

Doch Upamecano entschied sich für den kleineren Schritt nach Salzburg. Sein Berater Thierry Martinez begründete die Entscheidung einmal in der "L'Equipe", man habe nach einem Klub "mit solider Basis" gesucht. "Wie viele Talente gehen zu großen Klubs und spielen dann nicht? Es ist wichtig, gut bei seinem neuen Verein zu starten." Upamecano startete gut, blieb aber nicht lange. Nach eineinhalb Jahren war die Grundausbildung im RB-Fußball abgeschlossen. Im Januar 2017 zog er nach Leipzig um, wo er sein Wissen vertiefen konnte.

Selbst Lewandowski wird gebändigt

Schnell schwang Upamecano sich zum festen Bestandteil des Abwehrblocks auf. Allerdings fiel er immer wieder mit ungestümen Aktionen auf. In seiner Anfangszeit verursachte er einige Elfmeter, sammelte gelbe Karten. Aber sein Potenzial und seine gute Antizipation war schon damals nicht zu verkennen. Mittlerweile hat Upamecano die groben Schnitzer abgestellt. Er ist trotz seiner Masse, sein Verein führt ihn mit einer Körpergröße von 1,86 Meter, bei einem Gewicht von 90 Kilogramm, agil. Der Leipziger Koloss. Im größten Härtetest der Bundesliga schaffte er es auch schon einen Robert Lewandowski phasenweise zu bändigen.

Der FC Bayern soll auch schon an ihm interessiert gewesen sein – aber die Avancen großer Klubs kennt Upamecano ja bereits aus der Jugend. Er geht einen Schritt nach dem anderen, weswegen er kürzlich seinen Vertrag in Leipzig bis 2023 verlängerte. "Er ist ein sehr wichtiger Spieler für uns und es ist ein großartiges Zeichen von ihm", sagte Sportdirektor Krösche, "dass er sich ganz bewusst für uns entschieden hat. Er wurde von Top-Klubs aus Europa umworben."

Nach dem Auftritt gegen Atlético wird das Interesse nicht abgenommen haben. Dass der junge Franzose wirklich bis 2023 im Leipziger Trikot zu sehen sein wird, ist so unwahrscheinlich wie ein gut gelaunter Diego Simeone an diesem Abend.

Tim Brack

Du willst die wichtigsten Fußball-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Nachrichten für die wichtigsten News Deiner Lieblings-Sportart. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.