Thomas Tuchel steht mit dem FC Chelsea vor einer Saison mit vielen Fragezeic... - Bildquelle: Getty ImagesThomas Tuchel steht mit dem FC Chelsea vor einer Saison mit vielen Fragezeichen - selbst der Coach weiß nicht, wohin die Reise geht. © Getty Images

München/London - Es geht ein Fluch um an der Stamford Bridge, der Fluch der Nummer "9". Kein Spieler beim FC Chelsea will dieses Trikot mehr haben. Warum? Weil es anscheinend Unglück bringt.

"Manchmal wollen Spieler ihre Rückennummer wechseln, aber überraschenderweise will niemand die 9 anfassen", berichtete Cheftrainer Thomas Tuchel: "Sie ist verflucht." Verflucht? Wirklich?

Romelu Lukaku spielte bei den Blues mit der 9 nicht erfolgreich, jetzt ist er zu Inter Mailand gegangen. Gonzalo Higuain, Alvaro Morata, Radamael Falcao und Fernando Torres trugen die 9 und erfüllten die hohen Erwartungen nicht. Tammy Abraham zunächst schon, aber der hatte später mit Verletzungen und Inkonstanz zu kämpfen, mittlerweile ist er bei der AS Rom.

Der Neuner-Fluch ist das kleinste Problem

"Alle, die schon länger als ich beim Klub sind, erzählen mir: Der hatte die 9 und schoss keine Tore, und der hatte die 9 und schoss auch keine Tore", erzählte Tuchel: "Jetzt will niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben." Auch Raheem Sterling nicht, der neue Offensivstar beim Champions-League-Sieger von 2021.

Aber gut, über den Neuner-Fluch kann Tuchel schmunzeln, er ist nun wahrlich das kleinste Problem, dass der deutsche Coach in London gerade hat. Erst waren da die Sanktionen gegen den früheren Besitzer Roman Abramowitsch, der zu den Oligarchen gehörte, die wegen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine abgestraft wurden.

Dann zogen sich die Verhandlungen über den Verkauf des Klubs - der einzige Ausweg aus der Abramowitsch-Dilemma - hin und erzeugten große Unklarheit über die Zukunft. Als der Prozess dann abgeschlossen war, hatte das Team schon ein ziemlicher Aderlass ereilt. Andreas Christensen weg, Antonio Rüdiger weg - das Herzstück der Defensive.

Transferpannen ziehen sich durch den Sommer

Hinzukam, dass der FC Barcelona bei geplanten Transfer in schöner Regelmäßigkeit dazwischenfunkte und so beispielsweise weder Raphinha noch Jules Kounde den Weg zum Tuchel-Team fanden. Dazu zog der FC Chelsea im Werben um Matthijs de Ligt gegen den FC Bayern den Kürzeren. Die Rückschläge gaben Anlass zum Spott. "Wir haben ungefähr 852.609 Pizzen ausgeliefert, seit Chelsea die letzte erfolgreiche Transfermeldung abgegeben hat", schrieb der Lieferdienst "Domino's Pizza" bei Twitter.

All das sorgt dafür, dass Tuchel bei seiner Presserunde vor dem Premier-League Auftakt beim FC Everton am heutigen Samstag über allerhand Unwägbarkeiten zu referieren hatte - nicht nur über diesen teuflische Sache mit der 9. "Wir haben Verzug", sagte der frühere Dortmunder und Mainzer Trainer etwa mit Blick auf die Gestalt des Kaders, "da ist aber niemand Schuld daran, das hat mit den Sanktionen zu tun und die Sanktionen haben dazu geführt, dass wir Schlüsselspieler verloren haben."

Tuchel lobte gleichsam das Engagement der Gruppe um den neuen Chelsea-Boss Todd Boehly. "Ich weiß nicht, ob die überhaupt schlafen", sagte er. Und ja, auch wenn noch reichlich sportliche Fragen offen hat, sie nehmen ab bzw. wurden welche beantwortet. Ob befriedigend, das muss sich rausstellen, da treibt auch Tuchel die Ungewissheit um.

Thomas Tuchel nennt kein klares Ziel - wegen der Ungewissheit

"Wir sind ein Klub in Veränderung, wir sind ein Team in Veränderung", führte er aus. "Es sieht so aus, dass wir ein sehr wettbewerbsfähiges Team haben. Ich will uns nicht einschränken in irgendeiner Richtung. Es kann aber in beide Richtungen gehen, daher sollten wir auf der Hut sein. Wir sind uns bewusst, wie stark die Konkurrenz ist."

Ein 0:4 in der Vorbereitung gegen den FC Arsenal hat Tuchel gezeigt, dass er es mit einem fragilen Gebilde zu tun hat. Nach diesem "Weckruf" gab es dann aber endlich auch positive Transferneuigkeiten mit dem Deal, der den ebenso begehrten wie begabten Spanier Marc Cucurella zu den Blues brachte. "Er ist ein fantastischer junger Spieler. Hungrig, beweglich, intelligent, auf verschiedenen Positionen einsetzbar", schwärmte Tuchel.

 

Chelsea versucht weitere Verstärkungen an Land zu ziehen

Cucurella soll die Vakanz auf der Außenbahn beheben, Kalidou Koulibaly (SSC Neapel) die Lücke in der Innenverteidiger hochqualitativ ausfüllen. Bleibt noch die Frage nach weiteren Verstärkungen und wie einem Neuner, äh, zentralen Stürmer?  

Tuchel machte deutlich, dass es auch ohne ginge mit einer sehr flexiblen Anordnung einer Kombination aus Sterling, Kai Havertz, Armando Broja oder Timo Werner. Der FC Bayern München beweist gerade wie überaus effektiv und spektakulär eine solche Konstellation funktioniert kann. Spekuliert wird dennoch - etwa über Ex-Tuchel-Schützling Pierre-Emerick Aubameyang (FC Barcelona) oder auf anderer Position über den Innenverteidiger Wesley Fofana (Leicester City).

Kommentieren will der Coach das nicht, er fokussiert sein Team mehr denn je auf das Hier und Jetzt. "Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen", sagte Tuchel, "also gehen wir erstmal Woche für Woche. Diese Woche gehört voll Everton. So starten wir die Saison."

Ob die Spielzeit erfolgreich verläuft, vermag er nicht zu sagen. Nur, dass keiner mehr die "9" will, das ist sicher.

von Ruben Stark

Du willst die wichtigsten Fußball-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Nachrichten für die wichtigsten News Deiner Lieblings-Sportart. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.

News-Ticker

Video-Tipps

Aktuelle Galerien