Noch in der Eingewöhnungszeit: Lionel Messi schrieb in Paris bislang vor all... - Bildquelle: imagoNoch in der Eingewöhnungszeit: Lionel Messi schrieb in Paris bislang vor allem mit seiner Reaktion auf eine Auswechslung Schlagzeilen © imago

München - Gleich eine Handvoll namhafte Spieler mit Starpotenzial hat sich Paris St. Germain in diesem Transfersommer gegönnt. Mit keinem Geringeren als Lionel Messi als Speerspitze. Bekommen hat der Klub neben all dem Starappeal auch jede Menge Aufmerksamkeit. Insofern ging der Plan auf.

Seit Sonntag ist aber auch klar: Der Zirkus ist in der Stadt! Aber nicht etwa, weil die Ballartisten die Fußballwelt mit Kabinettstückchen verzaubern würden.

Vielmehr wird nach dem Last-Minute-2:1 im Topspiel gegen Olympique Lyon nur eine Szene rauf- und runtergespielt: Der Moment, in dem Messi seinen Trainer Mauricio Pochettino bloßstellte, indem er sich bei seiner Auswechslung gegen den Handschlag entschied.

PSG nimmt sich als Nummer eins auf dem Planeten wahr

Majestätsbeleidigung - also vom Coach. So scheint die öffentliche Meinung. Erklären muss sich jedenfalls Pochettino und nicht etwa Messi. Es dürfte ein Vorgeschmack sein auf das, was da noch zukommt auf den Klub, der in der Eigenwahrnehmung die Nummer eins auf dem Planeten ist, in der Realität aber noch immer dem ersten Champions-League-Titel nachjagt.

Der renommierte französische Sport-Journalist Alexis Menuge verfolgt die Pariser bei dieser Passion aus nächster Nähe. Allerdings glaubt er nicht, dass der Henkelpott demnächst in der Stadt der Liebe heimisch wird.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paris die Champions League in den nächsten zwei bis drei Jahren gewinnt", betont er im Gespräch mit ran: "Sie haben einfach nicht diese DNA, diese Mentalität, es ist keine Einheit auf dem Platz. Und du kannst die Champions League nur als Einheit gewinnen. Wie in diesem Jahr der FC Chelsea."

 

Messi: Bleibt er über 2023 hinaus?

Zwei bis drei Jahre ist genau die Zeitspanne, für die sich Messi an den Verein gebunden hat. Wenn er denn will, denn nur der Argentinier entscheide darüber, ob er über 2023 hinaus bleibt, so Menuge.

Seiner Meinung nach ist das große Problem, dass die Königsklasse für PSG beinahe schon zu einer Art Wahn geworden ist: "Sie setzen sich auch selbst zu sehr unter Druck. Das war auch gegen City im Halbfinale das Problem. Das wird jetzt auch so sein, wenn die ganz großen Spiele kommen."

Menuge: "Messi ist nicht mehr der Jüngste" 

Trotz Messi. Wobei für PSG-Insider Menuge das Timing bei dessen Transfer nicht optimal war: "Man hat schon das Gefühl, dass Paris ihn vielleicht zwei Jahre zu spät geholt hat. Er ist auch nicht mehr der Jüngste."

Zwar verfüge "la Pulga" noch immer über "sein herausragendes Talent und kann nach wie vor ein Spiel alleine entscheiden. Aber wenn in einem Champions-League-Halbfinale gegen Manchester City, Bayern München oder Real Madrid - da muss er präsent sein. Wenn er noch diese Leichtigkeit hat, diese Frische. Es wird wohl nicht so leicht, wie manche denken."

Messi-Auswechslung sorgt weiter für Diskussionen

Bevor er sich aber gegen andere Granden beweisen darf, dreht sich alles um seinen Abgang gegen Lyon. "In Frankreich wird berichtet, dass Pochettino, der nach zehn Monaten noch keine spielerische Handschrift hinterlassen hat, zeigen wollte, dass er der Chef ist", ordnet Menuge die auch für ihn überraschend frühe Auswechslung des sechsmaligen Weltfußballers ein.

Allerdings mutmaßt er, dass der Trainer die Muskeln in dem Wissen gespielt hat, dass er einen guten Draht zu Messi hat, und dieser ihn im vergangenen Jahr auch nach Barcelona locken wollte: "Ich denke auch, dass Pochettino sich getraut hat, ihn so früh runterzuholen, weil beide sich so gut verstehen."

Wird Messi zum Problem?

Dennoch wird der Superstar wohl nicht mehr so schnell in die Versuchung kommen, die Hand des Trainers zu ignorieren: "Wenn Messi fit bleibt, kann ich mir nicht vorstellen, dass er so schnell wieder ausgewechselt wird. Das wird sich Pochettino auch nicht trauen, weil er den medialen Rummel danach auch wahrgenommen hat."

Stichwort: Zirkus. Menuge selbst bleibt übrigens auch eine andere Szene vom Sonntagabend in Erinnerung: "Das spektakulärste Bild für mich war beim 2:1 von Icardi in der Nachspielzeit, als alle Reservespieler aufgesprungen sind und nur einer blieb sitzen. Das könnte mittel- oder langfristig ein Problem werden."

PSG muss zur Einheit werden

Womit wir bei der größten Baustelle wären, das der Franzose bei PSG ausgemacht hat: die vielen Ich-AGs. Menuge beschreibt es so: "Wenn Paris die Champions League gewinnen will, müssen sie verstehen, dass niemals ein Spieler über dem Verein steht, sondern immer der Verein über den Spielern. Wie zum Beispiel bei Bayern München."

Selbst ein anderer neureicher Klub ist in seinen Augen besser aufgestellt: "Ich habe das Gefühl, Manchester City zum Beispiel ist weiter, reifer, geht entspannter mit ganz großen Spielen um. Paris ist da nicht so weit. Sie haben fast zu viele Einzelspieler, die ein Riesen-Ego haben. Das muss Pochettino meistern. Noch hat es keiner geschafft.“

Messi braucht Anpassungszeit

Dessen primäre Aufgabe dürfte darin liegen, Messi in das System zu integrieren. Denn anders als bei Barca ist der Linksfuß nicht direkt der Fixpunkt im Spiel. Das muss sich erst entwickeln.

Nicht nur auf dem Platz fremdelt der 34-Jährige noch, wie Menuge urteilt: "Man merkt, dass er Zeit braucht, um sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen. Es ist für ihn alles neu: neues Land, neue Kultur, neue Sprache, neue Spielweise, neue Stadt. Er ist auch nur ein Mensch."

Messi: England keine Option

Immerhin weiß Menuge: Messis Frau und die Söhne haben sich bereits gut eingelebt, fühlen sich wohl in der neuen Wahlheimat. Auch wenn die Entscheidung zum Wechsel nach Paris recht kurzfristig gefallen ist, kam sie seiner Meinung alles andere als überraschend: "Es war eigentlich klar: Wenn er Barca verlassen muss, gibt es nur einen Verein. Allein schon wegen der WM, der finanziellen Möglichkeiten, seine Frau wollte auf keinen Fall nach England."

Moment mal: WM? Die findet doch in Katar statt. Richtig, eben jener Emirat, dessen Führungsfiguren das Sagen bei PSG haben. Von dort fließt das Geld. Deshalb soll der Klub für das Highlight im Winter 2022 in glänzendem Licht erstrahlen.

"Die Verantwortlichen für diese WM sind die Eigentümer von Paris St. Germain. Deswegen haben sie in diesem Sommer alles daran gesetzt, um die bestmöglichen Mittel zu haben, um die Champions League zu gewinnen", erklärt Menuge die Zusammenhänge.

Deshalb ist der Druck auf PSG, Pochettino und nicht zuletzt auch Messi in dieser Saison besonders groß. Aber auch grundsätzlich gilt: "Wenn sie die Champions League nicht gewinnen, war es keine erfolgreiche Zeit für Messi, aber auch nicht für Paris St. Germain."

Dann wäre der größte Star weg. Zurück bliebe im schlimmsten Falle der Zirkus.

Marcus Giebel

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