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München – Der Anruf bei Sandro Wagner dürfte für Joachim Löw in den letzten Tagen sicherlich zu den unangenehmsten Gesprächen gehört haben. Immerhin hatte sich der 30-Jährige berechtigte Hoffnungen auf seine erste Weltmeisterschaft gemacht und gilt nicht zwingend als Typ, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hält.

Ihn nicht zu nominieren wäre "Wahnsinn" hatte Wagner noch vor der Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders getönt. Eine Möglichkeit, mit der zu diesem Zeitpunkt weder er noch die Medien gerechnet hatten.

Dennoch hat es für den selbsternannten "besten deutschen Stürmer" nicht einmal für den vorläufigen Kader gereicht. Die Enttäuschung über das WM-Aus ist daher mehr als nachvollziehbar.

Wagner nimmt Entscheidung persönlich

Russland 2018 war angesichts Wagners Alter die einzige realistische Chance auf das größte Fußballturnier der Welt. Selbst die kommende EM wäre mit dann 32 Jahren schwer zu erreichen gewesen.

Sein Rücktritt, so unglücklich der Zeitpunkt auch wirkt, ist demzufolge verständlich, wenn nicht sogar folgerichtig. Völlig inakzeptabel ist bei aller Emotion jedoch die Begründung.

"Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse", hatte er seinen Rücktritt gegenüber der "Bild" erklärt.

Löw verhalf Wagner zu überraschendem Debüt

Liest man dabei auch nur ein wenig zwischen den Zeilen, wird klar, dass Wagner die Nichtberücksichtigung persönlich nimmt. Zwar weiß niemand, wie Löw seine Entscheidung gegenüber dem Stürmer begründet hat, zwischenmenschliche Probleme dürften aber kaum der Hauptgrund sein.

Schließlich war es Löw, der Wagner auch nach gesellschaftlich umstrittenen Aussagen a la "Fußballer verdienen noch zu wenig" zu seinem Debüt im letzten Juni verholfen und ihn in der WM-Qualifikation eingesetzt hat.

Der Bundestrainer wusste, worauf er sich einließ und wurde im Gegensatz zu weiteren vermeintlich meinungsstarken Spielern wie Max Kruse oder Kevin Großkreutz auch nicht von Schlagzeilen abseits des Platzes enttäuscht. Ilkay Gündogan und Mesut Özil ließen zuletzt ebenfalls eine nicht gern gesehene Einstellung durchscheinen, die dennoch kein K.o.-Kriterium hinsichtlich ihres WM-Tickets wurden.

Sportlich gut, aber nicht unantastbar

Es liegt nahe zu vermuten, dass Wagner und Löw bis zu jenem Telefonat ein gutes Verhältnis hatten. In diesem Zusammenhang erscheint es kurzsichtig, wenn nicht sogar arrogant, sportliche Beweggründe in diesem Zusammenhang völlig auszuschließen.

Der Ex-Hoffenheimer hatte in den letzten sechs Bundesligaspielen mit vier Treffern und zwei Vorlagen einen Lauf und obendrein in der ihm vorgedachten Rolle als Joker auf Topniveau überzeugt. Nichtsdestotrotz muss man auch sagen: Löw hatte seine Spieler im Vorfeld der WM-Saison gewarnt, wie wichtig ihm regelmäßige Spielzeit ist. Gomez und Petersen waren Stammspieler in ihren Vereinen und wussten auch sportlich zu gefallen. Wagner musste froh sein, seine Spielminuten hinter Lewandowski dank der mehr oder weniger feststehenden Meisterschaft nach oben treiben zu können.

Konkurrenz auf Augenhöhe

Der Blick auf die Torschützenliste verrät zudem: Nils Petersen war Deutschlands bester Stürmer der abgelaufenen Saison!

Wagner konnte vor und nach seinem Wechsel zu den Bayern niemals davon ausgehen, zweifelsfrei für die WM berufen zu werden. Die Konkurrenz hatte von Nils Petersen über Mario Gomez, Mark Uth oder Kevin Volland ebenfalls berechtigte Hoffnungen auf den vermeintlichen Backup-Posten im Sturm hinter dem gesetzten Timo Werner.

Keine Chance auf Happy End

So zu tun, als wäre man dieser Konkurrenz sportlich zweifelsfrei überlegen und lediglich über den eigenen starken Charakter gestolpert, zeugt genau vom Gegenteil. Selbstvertrauen hin oder her - Zeitpunkt als auch Begründung zeugen von mangelndem Respekt gegenüber den Mitkonkurrenten.

Mario Gomez' Nichtnominierung 2014 kam mindestens so überraschend wie in Wagners Fall. Der Stuttgarter hat die Enttäuschung seiner Nicht-Nominierung damals jedoch mit Stil aufgenommen und sich mit 32 Jahren die Chance auf das zweite Großereignis in Serie erarbeitet. Wagner hat sich diese Chance selbst genommen.

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