Hat Holstein Kiel, hier mit Flügelspieler Kingsley Schindler im Bild, nach d... - Bildquelle: ImagoHat Holstein Kiel, hier mit Flügelspieler Kingsley Schindler im Bild, nach den Relegationsspielen wieder etwas zu feiern? © Imago

Kiel – Relegationsspiele um den Aufstieg in die Bundesliga sind meist das Duell David gegen Goliath. Diesmal, wenn Holstein Kiel im Hinspiel auswärts beim VfL Wolfsburg aufläuft (Anpfiff 20:30 Uhr), trifft das ganz besonders zu.

Die Kieler leben in einer völlig anderen Welt als der VfL Wolfsburg. Während die "Wölfe" dank der freundlichen Unterstützung von Volkswagen einen Spieleretat von rund 60 Millionen Euro haben, stand Kiel für die vergangene Saison nur rund 6,7 Millionen Euro zur Verfügung. "In Wolfsburg verdient ein Spieler so viel wie bei uns die gesamte Mannschaft", weiß Holstein-Sportchef Ralf Becker.

Seit 2012 keine Ablöse mehr bezahlt

Auch auf dem Transfermarkt haben die Wolfsburger völlig andere Möglichkeiten. Alleine in den vergangenen drei Jahren wurden 212 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Holstein Kiel hingegen zahlt schon seit Jahren keine Ablösesummen mehr. Der letzte Spieler, für den die Kieler Geld auf den Tisch legten, war im Jahre 2012 der Stürmer Casper Johansen. Die damalige Ablöse: 5000 Euro.

Weil sich der Verein, der bis Sommer 2013 noch in der Regionalliga spielte, keine teuren Spieler leisten konnte, wurden Akteure in den hohen Norden geholt, die bei anderen Vereinen gescheitert sind. "Wir haben hier viele Spieler, die das gleiche Schicksal hatten", erklärt Trainer Markus Anfang. "Viele haben bei großen Vereinen gespielt, konnten sich dort aber nicht durchsetzen. Dominick Drexler hat das bei Bayer Leverkusen erlebt, Dominik Schmidt bei Werder Bremen und Eintracht Frankfurt. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen."

Ducksch: Plötzlich Torschützenkönig der 2. Liga

Selbst Marvin Ducksch, der mit 18 Treffen der Torschützenkönig der 2. Bundesliga wurde, zählt zu den ehemals Gescheiterten. Bei seinem Ausbildungsverein Borussia Dortmund kam er aufgrund der starken Konkurrenz kaum zum Zuge. Seine Ausleihe zum SC Paderborn verlief nicht zuletzt aus Verletzungsgründen erfolglos. Selbst beim Zweitligisten FC St. Pauli fiel er durch. Dann erfolgte die Ausleihe nach Kiel. Die Folge: Erst ballerte er Kiel in die 2. Bundesliga, nun vielleicht in die Bundesliga.

Hinter diesen cleveren Transfers steckt Sportchef Ralf Becker. Der ehemalige Chefscout vom VfB Stuttgart kam im Sommer 2016 nach Kiel und lag mit gefühlt jeder Personalentscheidung richtig – besonders auch auf der Trainerposition. Nach einem Fehlstart in die Drittliga-Saison entließ Becker Trainer Karsten Neitzel und verpflichtete in Markus Anfang ein völlig unbeschriebenes Blatt.

Anfang hatte als Trainer keine Profierfahrung. Im Herren-Bereich war er lediglich für den Amateurverein SC Kapellen-Erft verantwortlich und trainierte damals zum Beispiel Abendschüler und Handwerker. Es folgten drei Jahre für die B-Jugend von Bayer Leverkusen, ehe er nach Kiel zog. In Kiel feierte er gut acht Monate nach seinem Dienstantritt den Aufstieg in die 2. Liga.

Egal in welcher Liga: Anfang setzt auf Angriffsfußball. "Wir wollen immer den Ball haben und das Spiel dominieren", verrät er. Mit Erfolg: Kiel hat die meisten Tore (71) aller Zweitligisten erzielt, hat das beste Torverhältnis (+24) und die wenigsten Niederlagen (6) kassiert.

Nun soll gegen Wolfsburg der nächste Streich gelingen. "Als Zweitliga-Neuling sind wir in diesem Duell natürlich der Außenseiter", sagt Spielmacher Dominick Drexler im kicker. "Aber wir funktionieren im System und müssen der höheren individuellen Qualität des VfL unser starkes Kollektiv entgegensetzen."

2015 in der Relegation gescheitert

Mit Relegationsspielen haben die Spieler gemischte Erfahrung. Zwar steht in Johannes van den Bergh jemand im Kader, der 2012 über die Relegation als letzter Zweitligist mit Fortuna Düsseldorf gegen Hertha BSC in die Bundesliga aufstieg. Viele andere Spieler allerdings haben miterlebt, wie Holstein Kiel im Jahre 2015 knapp den Aufstieg in die 2. Bundesliga verpasste, als 1860 München in der Nachspielzeit des Relegations-Rückspiels der späte Siegtreffer gelang.   

Bricht die Mannschaft auseinander?

Noch ist völlig offen, wie das Gesicht von Holstein Kiel kommende Saison aussehen wird. Immerhin wurde nun sichergestellt, dass Kiel im Falle des Aufstiegs die Bundesligaspiele im kleinen Holstein Stadion (ab Oktober 15000 Plätze) bestreiten darf.

Doch mit welchem Personal? Trainer Markus Anfang verlässt Holstein Kiel und wird mit dem Erstliga-Absteiger 1. FC Köln die Mission Wiederaufstieg angehen. Selbiges könnte Ralf Becker mit dem Hamburger SV machen. Der Sportchef gilt nämlich als Top-Favorit auf den Posten des Sport-Vorstandes beim ehemaligen Bundesliga-Dino.

Auch hinter der Zukunft einiger Spieler steht ein Fragezeichen. Torjäger Ducksch beispielsweise hat noch ein Jahr Vertrag beim FC St. Pauli und muss zunächst dorthin zurückkehren. Holstein würde ihn sicherlich gerne verpflichten. Damit wäre allerdings die Zeit, in der Kiel keine Ablösen zahlt, vorüber. Für Ducksch müsste richtig Geld auf den Tisch gelegt werden.

Und das wäre wohl nur als Bundesligist möglich.

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