Gina Lückenkemper nach EM-Titel im Krankenhaus - Bildquelle: GettyGina Lückenkemper nach EM-Titel im Krankenhaus © Getty

München - Die Ungewissheit von Gina Lückenkemper dauerte nur wenige Augenblicke, dann leuchtete ihr Name als erster auf der Anzeigetafel auf - und das Münchner Olympiastadion glich einem Tollhaus.

Gold für Lückenkemper über 100 Meter, Gold nach einem packenden Rennen, in dem am Ende das Zielfoto entscheiden musste. Eine Sensation.

"Ich bin euch so unfassbar dankbar", rief die erste deutsche Europameisterin seit Verena Sailer 2010 den 40.000 im Olympiastadion zu.

In 10,99 Sekunden lief sie zu Gold, der zeitgleichen schweizerischen Mitfavoritin Mujinga Kambundji blieb nur Silber. Bronze ging an die Britin Daryll Neita (11,00). "In diesem Hexenkessel heute zu stehen, hat mich unfassbar motiviert", ergänzte Lückenkemper in der ARD.

Mit acht Stichen genäht

Sie fügte sich beim Straucheln nach dem Zieleinlauf eine blutende Wunde am linken Knie zu, eine Wunde, die im Krankenhaus mit acht Stichen genäht wurde.

"Ich weiß noch nicht genau, woher die Wunde kommt. Ob vom Sturz oder etwas anderem. Aber mir geht es gut! Ich bin überglücklich und kann das alles noch gar nicht so richtig fassen", sagte Lückenkemper, nachdem sie um 1.10 Uhr im Teamhotel in München eingetroffen und vom Rest der deutschen Mannschaft mit großem Jubel empfangen worden war. 

Ob Lückenkempers Start in der 4x100m-Staffel am Schlusstag der Heim-EM in München gefährdet ist, ließ sich am Dienstagabend noch nicht absehen. Am Sonntag peilt das Quartett des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit Tatjana Pinto (Wattenscheid), Alexandra Burghardt (Burghausen), Lückenkemper (Berlin) und Rebekka Haase (Wetzlar) nach WM-Bronze auch eine EM-Medaille an.

Tränen des Glücks bei Gina Lückenkemper

Nach ihrem Coup flossen Tränen des Glücks bei der EM-Zweiten von 2018, die 25 Jahre alte Berlinerin sank überwältigt auf die Knie und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.

Noch märchenhafter erschien Lückenkempers Sprint zu Gold, weil sie bereits im Halbfinale mit einem Tape am linken Oberschenkel hatte laufen müssen - "ich wusste nicht, ob ich das Finale starten kann", verriet sie.

Doch ihre Betreuer hätten Wunder bewirkt.

Olympiasieger Marcell Jacobs holt auch EM-Gold 

Olympiasieger Marcell Jacobs ließ derweil keine Zweifel daran aufkommen, dass er mindestens der schnellste Mann Europas ist. Nach eher mäßigem Start kam das Kraftpaket schnell auf Touren, zog nach 50 Metern unwiderstehlich davon und siegte in 9,95 Sekunden vor dem britischen Titelverteidiger Zharnel Hughes (9,99) und dessen Landsmann Jeremiah Azu (10,13).

Bei der WM vor drei Wochen in Eugene hatte Jacobs wegen Muskelproblemen vor dem Halbfinale zurückziehen müssen. Im Münchner Olympiastadion holte er sich dafür nach Gold bei Olympia auch Gold bei der EM, ein Double das zuletzt der Brite Linford Christie 1994 vollendet hatte. 

Das DLV-Trio Owen Ansah, Lucas Ansah-Peprah (beide Hamburg) und Julian Wagner (Erfurt) war im Halbfinale ausgeschieden. Zuletzt hatte mit Lucas Jakubczyk (Berlin) 2014 in Zürich ein Deutscher in einem EM-Finale über 100 m gestanden. 

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