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München – Ein Jahr lang war Jamie Green weg vom Fenster. In Zolder meldete sich der Audi-Routinier, der 2018 Letzter in der Meisterschaft wurde, auf beeindruckende Weise auf dem Podest zurück - und gab damit allen, die ihn schon abgeschrieben hatten, die richtige Antwort.

"Das vergangene Jahr war das erste Jahr für mich in meiner gesamten DTM-Karriere, in dem ich kein Podium geholt habe", sagt der 36-jährige Brite. "Das hat weh getan und war eine harte Zeit. Deshalb ist es so schön, jetzt zurück zu sein." Sogar der Kaffee habe am Montag danach "besser geschmeckt", scherzt er.

Doch wie war es möglich, dass der frühere Mercedes-Pilot plötzlich wieder so fuhr, wie man es aus seinen besten Zeiten gewohnt war? "Das Auto wurde durch das neue Reglement aerodynamisch ein bisschen mehr beschnitten", spielt Rosberg-Teamchef Arno Zensen im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' darauf an, dass der Frontsplitter im Vergleich zu 2018 verkürzt wurde und dadurch weniger Abtrieb erzeugt.

Teamchef Arno Zensen: Warum die neuen Regeln Green liegen

"Dazu kommt, dass der Motor stärker ist und sich die Gewichtsbalance ein bisschen verschoben hat. Das passt besser zu Jamies Fahrstil", sieht Zensen einen technischen Hintergrund. "Das habe ich schon beim Test auf dem Lausitzring gemerkt. Da war er von den Zeiten immer maximal ein Zehntel hinter Mike Rockenfeller, der ja das Auto von den Herstellertests schon kannte. Da wusste ich: Jamie ist wieder zurück."

 

Doch die Technik zeigt nur die halbe Wahrheit: Denn auch mental ist Green dieses Jahr laut Zensen deutlich erstarkt. "Ich glaube, dass er mental im Vorjahr ziemlich gewachsen ist - trotz oder gerade wegen der Niederlagen", sagt der Rosberg-Teamchef. "Er hat jetzt gesagt: Haken wir das letzte Jahr ab und greifen wir noch einmal an."

Entscheidender Vertrauensbeweis durch Team Rosberg

Wichtig sei dabei gewesen, dass das Team trotz des miserablen Vorjahres weiter hinter ihm gestanden habe. "Ich habe zu ihm gesagt: 'Jamie, du bist drei Jahre in Folge um die Meisterschaft mitgefahren, bis zum letzten Rennen. Und das Vorjahr war einfach von vorne bis hinten beschissen. Ziehen wir doch einen Schlussstrich und fangen wir da an, wo wir 2017 aufgehört haben'", erzählt Zensen. "Das hat ihn gepusht."

Bei den Tests präsentierte sich Green in guter Form, doch beim Saisonauftakt in Hockenheim holte der Mann aus Leicester nur zwei Punkte in zwei Rennen. Dafür fielen Zensen die starken Zweikämpfe seines Schützlings auf.

Warum Green in Zolder nach Platz neun im Qualifying strahlte

Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Knopf aufgeht, zeigte sich auch in Belgien. "Am Sonntagmorgen war er in Zolder im Qualifying zwar nur Neunter, aber er hat gestrahlt wie ein Honigkuchenpferd", erzählt Zensen. Das sorgte beim Teamchef zunächst für Verwunderung, doch ein Gespräch gab Aufschluss.

"Jamie hat gesagt: 'Arno, vergangenes Jahr wäre ich mit dieser Runde in der letzten Startreihe gestanden. Und jetzt bin ich schon im Mittelfeld, dabei habe ich in meiner schnellsten Runde einen Fehler gemacht. Ich hätte mindestens in Reihe zwei oder drei stehen können.' Da hat man schon gesehen: Der alte Biss ist wieder da."

Im Rennen beeindruckte Green nach Platz sechs am Samstag mit sensationellen Überholholmanövern. "Ich musste ein paar gute, entschlossene Manöver hinkriegen, um nach vorne zu kommen, denn ich hatte kein DRS oder Push-to-pass mehr zur Verfügung", erklärt Green seine Ausgangssituation beim Re-Start, als er nach dem zweiten Boxenstopp mit frischen Reifen Neunter war.

Greens sensationelle Überhol-Show in Zolder

Zuerst nutzte er das Duell zwischen Aston-Martin-Pilot Jake Dennis und BMW-Routinier Timo Glock, um an beiden gleichzeitig vorbeizugehen - ein Bilderbuch-Manöver, das ihm Platz fünf einbrachte.

"Das war klasse, als er da innen an beiden vorbeifuhr! Da bin ich vom Hocker gefallen", kann Teamchef Zensen seine Begeisterung nicht verbergen. "Dann war mein Tempo gut genug, um die Jungs vor mir einzuholen", erzählt Green, der von Audi-Kollege Mike Rockenfeller wegen seines hohen Tempos sogar freiwillig vorbeigelassen wurde.

Teamchef fällt neue Entschlossenheit im Zweikampf auf

"Dann hieß es in der letzten Runde alles oder nichts!", erzählt Green. Der inzwischen Viertplatzierte attackierte den ebenfalls mit seinen Reifen kämpfenden BMW-Sensationsmann Sheldon van der Linde und nutzte die vielleicht letzte Chance im Rennen. "Speziell das Überholmanöver in der letzten Runde, das mich auf das Podest gebracht hat, war ziemlich cool", sagt Green nicht ohne Stolz. "Diese Aktionen haben mir am meisten gegeben."

Mehr Entschlossenheit in den Kämpfen

Auch Zensen fällt auf, dass Green diese Saison in Zweikämpfen mit einer zuletzt ungewohnten Entschlossenheit auftritt: "Da hätte er in den vergangenen Jahren eher mal jemanden mitgenommen oder abgeschossen, aber jetzt hat er teilweise im richtigen Moment zurückgesteckt, ohne dass es zum Kontakt kam, obwohl er fast schon daneben war. Und dann in der letzten Runde ohne DRS van der Linde noch zu packen, das fand ich sensationell."

Die Freude war bei Zensen und seiner Truppe auch deshalb so groß, weil es das erste Mal seit den 1990er-Jahren war, dass durch Rene Rasts Sieg beide Piloten des Teams im selben Rennen auf dem Podest standen.

Brand überschattet Zolder-Wochenende

Um das nach dem harten Wochenende, das auch noch vom Brand eines Teamtrucks überschattet wurde, gebührend zu feiern, veranstaltete Zensen am Donnerstag nach dem Rennen am Teamsitz in Neustadt an der Weinstraße ein spontanes Grillfest.

"Wir haben den Grill angeheizt und es gab ein paar Steaks - und ab 16 Uhr war dann Feierabend", erzählt Zensen, der seinen Mechanikern am Freitag frei gab. "Toll war, dass auch beide unsere Piloten extra eingeflogen sind, um mitzufeiern", freut er sich. Kein Wunder, denn vor allem Green weiß, was er seiner Truppe schuldig ist, die auch in schlechten Zeiten zu ihm gehalten hat.

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