Wie ein dubioser Hochstapler das Haas-Team getäuscht und vorgeführt hat: Die... - Bildquelle: ImagoWie ein dubioser Hochstapler das Haas-Team getäuscht und vorgeführt hat: Die Hintergründe zur Twitter-Posse um Rich Energy. © Imago

München - Dass William Storey ein schräger Zeitgenosse ist, das muss Günther Steiner von Anfang an bewusst gewesen sein. Am Mittwochabend vor dem Grand Prix von Großbritannien jedoch schoss Storeys Unternehmen Rich Energy endgültig den Vogel ab. Denn der bisherige Geldgeber des Haas-Teams gab auf Twitter das abrupte Ende des Sponsoringprogramms bekannt.

In der schräg anmutenden Mitteilung heißt es, dass man den Vertrag mit Haas "wegen schlechter Leistungen" gekündigt habe. Und weiter: "Wir wollen @redbullracing schlagen, und in Österreich hinter @WilliamsRacing zu landen, ist inakzeptabel." Gleichzeitig störe man sich "an der Politik und der Political Correctness" der Formel 1 insgesamt: "Das hemmt unser Business."

Während sich einige Twitter-User spontan fragten, wie Donald Trump wohl den Twitter-Account von Rich Energy in die Hände bekommen hat (Achtung: Ironie), begannen seriöse Medien rasch damit, der Sache auf den Grund zu gehen. Eine erste Kontaktaufnahme mit einer Agentur aus dem Rich-Umfeld ergab, dass der Twitter-Account gehackt worden sein soll.

Ein Verdacht, der wenig später widerrufen wurde - zumal der Tweet Stand Donnerstagmorgen immer noch unverändert online steht. Ein anderer Verdacht besagt, dass es sich um eine von langer Hand geplante Inszenierung handeln könnte, weil Rich Energy auf diesem Weg vor Silverstone wesentlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als das sonst der Fall gewesen wäre.

Haas-Team reagiert nicht auf Medienanfragen

Das Haas-Team tat jedenfalls nichts dazu, die merkwürdig anmutende Posse aufzuklären, und reagierte zunächst nicht auf Medienanfragen. Die Donnerstagszeitungen werden das Thema somit ebenso aufgreifen wie die am Freitag. Stand heute ist davon auszugehen, dass Rich Energy auf Twitter die Wahrheit sagt und den Vertrag gekündigt hat - oder zumindest versucht, das zu tun.

Der Zeitpunkt der Aktion ist vermutlich kein Zufall, denn ein britisches Gericht hat erst kürzlich entschieden, dass Rich Energy sein bisheriges Logo nicht mehr nutzen darf. Storey hat einen Copyright-Prozess gegen den Fahrradhersteller Whyte Bikes verloren und hat ab 18. Juli erstmal gar keinen Markenauftritt mehr, den er in der Formel 1 bewerben kann.

Das Sponsoringabkommen zwischen Rich Energy und dem Haas-Team wurde im Oktober 2018 bekannt gegeben. Storey hatte zuvor mit Force India (heute Racing Point) über eine Komplettübernahme und mit Williams ebenfalls über ein Sponsoring verhandelt. Die Gespräche mit Williams waren bereits weit fortgeschritten.

Storey versetzte Claire Williams jedoch ohne jede Vorankündigung bei der geplanten Vertragsunterzeichnung. Stattdessen stieg der exzentrische Geschäftsmann völlig überraschend als Sponsor beim Haas-Team ein - wie man hört für einen Bruchteil des Investments, das für einen Williams-Einstieg erforderlich gewesen wäre.

Weil zum damaligen Zeitpunkt noch niemand je eine Dose Rich Energy in einem Supermarkt gesehen hatte, Storey aber schon vollmundig davon sprach, Red Bull als Marktführer ablösen zu wollen, kamen schnell Zweifel an der Seriosität des Unternehmens und auch des Haas-Sponsorings auf. Doch das Team setzte sich damit offenbar nicht näher auseinander.

Steiner 2018: Kein Grund zur Skepsis

Man habe in Sachen Buchprüfung "getan, was wir tun mussten", sagte Steiner damals auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com'. Und: "Das haben wir schon vor dem Treffen mit ihm erledigt. Warum stellen Sie das in Frage? Wir haben getan, was wir tun mussten. Und unsere juristischen Berater hatten keine Einwände."

Dabei hätte man nicht irgendwelche buchhalterischen Unterlagen prüfen müssen, sondern einfach einen Supermarkt suchen, der Rich Energy verkauft. Den hat nämlich zumindest von unseren Redakteuren noch niemand gefunden. Erst bei den Wintertests in Barcelona gab es Rich Energy für Journalisten. Einer unserer Kollegen meinte: "Schmeckt genau wie Red Bull."

Im Zuge des Whyte-Prozesses verdichtete sich das Bild um Storeys eigenwilligen Charakter. Richterin Melissa Clarke sagt über ihn: "Oft antwortete er nicht direkt auf Fragen, sondern zog es stattdessen vor, Reden über seine Vision für sein Business zu halten oder Fragen auszuweichen, indem er sich auf allgemeine Äußerungen beschränkte oder in der dritten Person Plural sprach."

Haas hält sich bedeckt

Storey habe einen "Hang zu beeindruckenden Statements" gehabt, schildert Clarke. Diese hätten jedoch bei genauerer Recherche keine Substanz gehabt und mit den Aussagen des Rich-Energy-Chefs nicht übereingestimmt. Ferner seien einige der Beweismaterialien, die von Storey vorgebracht wurden, "inkorrekt und irreführend" gewesen.

Noch dubioser wird es, wenn es um die Finanzen des angeblichen Energy-Drink-Magnaten geht. Denn wie 'Motorsport-Total.com' recherchiert hat, hat er erst kürzlich bei einer bekannten Persönlichkeit aus der Formel 1 um ein Darlehen in der Höhe von zehn Millionen Britischen Pfund gebeten ...

Mittlerweile gibt es ein erstes kurzes Statement des Teams. Darin wird Teamchef Günther Steiner mit den Worten zitiert: "Rich Energy ist aktuell Titelsponsor des Haas F1 Teams. Ich kann keine weiteren Angaben zur vertraglichen Beziehung unserer beiden Parteien machen, da diese der Geheimhaltung unterliegen." In Silverstone wurden die Rich-Energy-Logos an der Haas-Hospitality bislang auch noch nicht entfernt.

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