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München/Peking - Ramona Hofmeister gilt als große deutsche Gold-Hoffnung im Parallel-Riesenslalom der Snowboarderinnen bei den Olympischen Spielen in Peking 2022.

Im Interview mit ran zeigt sich die 25 Jahre alte Sportlerin enttäuscht, dass der Sport in den Hintergrund gerät und stattdessen Corona und die Kritik an China die Schlagzeilen bestimmen, "was ich ehrlich gesagt sehr schwierig und schade finde". 

Zudem spricht die Bronzemedaillen-Gewinnerin von Pyeongchang 2018 über ihre Eindrücke aus Peking, ihre Gefühlslage bezüglich der umstrittenen Olympischen Spiele in China und welche Schlagzeile sie gerne nach ihrem Wettkampf über sich lesen würde.

ran: Ramona Hofmeister, Sie sind jetzt bereits seit ein paar Tagen bei den Olympischen Spielen in Peking, sind bereits ins Olympische Dorf eingezogen und haben auf der Piste schon Ihre ersten Trainingseinheiten absolviert. Wie sind Ihre Eindrücke von den Gegebenheiten vor Ort?

Ramona Hofmeister: Die ersten Eindrücke sind auf jeden Fall sehr gut und ich finde auch, dass im Olympischen Dorf bereits ein olympisches Feeling aufgekommen ist - auch, wenn das hier alles aus dem Boden gestampft wurde. Das kann man also durchaus mit gemischten Gefühlen betrachten, aber die Organisation hier vor Ort ist insgesamt wirklich sehr gut. Allerdings hatten wir eine extrem lange und ziemlich beschwerliche Anreise. Denn nach dem Flug nach Peking mussten wir noch vier, fünf Stunden mit dem Bus bis ins Olympische Dorf fahren. Da habe ich mich schon gefragt, warum wir nicht den Zug nehmen konnten, der ja extra dafür gebaut wurde. Aber nochmal: Hier ist alles super, auch beim Essen gibt es eine riesige Auswahl. Da kann man sich also nicht beschweren. Nur saukalt ist es halt (lacht).

ran: Wie ist speziell das Leben im Olympischen Dorf?

Hofmeister: Es ist schon ein bisschen anders als sonst, weil man natürlich Kontakte vermeidet und auch insgesamt alles sehr abgegrenzt und reglementiert ist. Aber es reicht ja auch, wenn wir mal etwas gemeinsam mit dem Team unternehmen. Aber auch dann immer nur mit Maske. Wir Mädels sind beispielsweise in einem Appartement untergebracht, in dem jeder sein eigenes Einzelzimmer hat.

ran: Diese Olympischen Spiele in China werden nicht nur aus politischen Gründen sehr kritisch gesehen. Mit welchen Gefühlen sind Sie vor ein paar Tagen von Deutschland aus nach Peking aufgebrochen und können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Hofmeister: Ich hatte am Anfang natürlich schon sehr gemischte Gefühle, weil das Thema vor allem in den Medien so überpräsent war, dass man es persönlich gar nicht ausblenden konnte. Ich finde auch, dass es gerade mehr im Fokus steht als die Sportler selbst, was ich ehrlich gesagt sehr schwierig und schade finde. Aber spätestens ab dem Tag der Einkleidung für die Olympischen Spiele in München ist die Motivation bei mir rasant angestiegen und hat mich so kurz vor der Abreise enorm gepusht. Und seitdem ich jetzt hier bin, versuche ich alles um mich herum auszublenden und mich auf meinen Wettkampf zu konzentrieren.

ran: Haben Sie zwischenzeitlich vielleicht sogar mal überlegt, überhaupt nach Peking zu fliegen?

Hofmeister: Ja, natürlich habe ich mir so meine Gedanken gemacht und lange Zeit hin und her überlegt. Aber letztlich kam es für mich nie in Frage, nein zu sagen. Da hängt einfach zu viel dran und so ticke ich einfach nicht. Für mich geht es hier in Peking ums Sportliche. Für alles andere ist es jetzt sowieso schon zu spät, es sind zu viele Jahre seit der Entscheidung für Peking vergangen und deswegen bin ich persönlich jetzt nur hier, um ein gutes Rennen zu fahren und um danach dann schnell und gesund wieder nach Hause zu kommen (lacht).

ran: Sie haben es eben schon einmal angesprochen: Inwiefern ärgert es Sie, dass der Sport in der aktuellen Berichterstattung nur eine eher untergeordnete Rolle spielt?

Hofmeister: Ich habe das alles anfangs natürlich auch noch sehr interessiert verfolgt, weil dabei zum Teil Faktoren aufkamen, mit denen ich mich bislang auch noch gar nicht beschäftigt hatte - zum Beispiel, was die vermeintlichen Falsch-Tests im Zusammenhang mit Corona anbetrifft. Aber irgendwann hat das in meinen Augen in den Medien und somit auch der öffentlichen Wahrnehmung wirklich Überhand genommen und deswegen nervt es mich mittlerweile auch schon ein bisschen. Ich denke deswegen auch, dass wir Sportler uns dazu nicht mehr groß äußern sollten. Denn hier geht es einfach um etwas anderes. Das sind Olympische Spiele mit olympischen Wettkämpfen und jeder sollte dabei sein Bestes geben und abliefern.

ran: Die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort sind aufgrund der Corona-Pandemie in Peking extrem hoch. Wie macht sich das in Ihrem Alltag als Athletin bemerkbar?

Hofmeister: Wir müssen jeden Tag zum PCR-Test und haben den großen Vorteil, dass die Teststation direkt bei uns im Haus ist und wir auf dem Weg nach draußen zum Training sowieso daran vorbei müssen. Auch ansonsten wird alles davor und danach desinfiziert, die Organisation ist diesbezüglich also wirklich sehr gut. Ich fühle mich persönlich auch gar nicht so stark eingeschränkt, da man sich schon in seiner Blase zumindest frei bewegen kann.

ran: Welche Sorgen macht Ihnen eine mögliche Corona-Erkrankung vor Ort?

Hofmeister: Ich versuche diese Gedanken einfach für mich komplett wegzudrücken und bestenfalls gar nicht zuzulassen. Mein Knackpunkt war noch der erste Test direkt am Flughafen nach der Landung hier in Peking. Denn da hat es ja doch noch sehr viele erwischt, die gerade erst aus dem Flieger gestiegen sind - auch aus dem deutschen Team. Und das, obwohl bei den betroffenen Personen bei all den Tests vor dem Abflug noch alles gepasst hat. Da habe ich mir also schon noch Sorgen gemacht, zumal wir am Flughafen noch ewig auf unsere Ergebnisse warten mussten. Aber am Ende hat bei mir ja Gott sei Dank alles gepasst. Ansonsten wäre es auch echt extrem bitter gewesen, weil wir ja am 8. Februar nur diesen einen Wettkampftag haben und das wäre sich mit einer möglichen Quarantäne sicherlich nicht ausgegangen. Die Olympischen Spiele wären damit für mich direkt beendet gewesen.

ran: Wie schützen Sie sich? Es gibt ja diverse Geschichten über Athleten, die bei ihrer Anreise im Flugzeug teilweise zwei Masken getragen und nicht einmal mehr etwas getrunken oder gegessen haben - nur, um sich nicht anzustecken ...

Hofmeister (lacht): So etwas habe ich nicht gemacht. Ich habe meine Maske zwischendurch nur mal gewechselt und auch mal was gegessen und getrunken. Man darf sich da auch nicht zu verrückt machen. Natürlich muss man aufpassen, aber komplett verhindern und ausschließen kann man eine Corona-Infektion ja nie.

ran: Wie bekommen Sie es für sich persönlich mental hin, all die Kritik und all das, was von außen auf diese Olympischen Spiele einprasselt, für sich als Athletin komplett auszublenden? Oder ist das aufgrund der großen Wucht der Berichterstattung rund um politische Verfehlungen Chinas gar nicht möglich?

Hofmeister: Es ist auf jeden Fall schwieriger als sonst. Aber ich habe das Glück, dass ich mir generell eigentlich nicht so viel Gedanken um alles drumherum mache und mich nur auf das Wesentliche konzentrieren kann. Ich schaffe es immer ganz gut, im Rennen meinen Fokus zu finden und in meinen Tunnel zu kommen. Von daher funktioniert das aktuell ganz gut, aber insgesamt dann doch noch schlechter als sonst, weil halt alles so präsent ist und man täglich damit konfrontiert wird.

ran: Inwiefern beeinflusst das auch Ihre Vorbereitung auf den kommenden Wettkampf?

Hofmeister: Die Vorfreude ist ein bisschen weniger (lacht). Die Vorbereitung ist insgesamt gleich, nur mit gewissen Corona-Einschränkungen halt. Ansonsten habe ich für mich persönlich an meinen Abläufen nichts geändert. Aber wie gesagt, die Vorfreude ist gedämpfter als noch vor vier Jahren in Pyeongchang. Und das würde ich nicht darauf schieben, weil das jetzt schon meine zweiten Olympischen Spiele sind, sondern auf diesen ganzen Trubel, die tausend Fragezeichen und negativen Faktoren, die die Stimmung da einfach ein Stück weit trüben.

ran: Kann man aufgrund des hohen Corona-Risikos der Sportler vor Ort eigentlich überhaupt von fairen Olympischen Spielen sprechen oder drohen vielleicht auch Wettbewerbe, die von PCR-Tests entschieden werden, weil die jeweiligen Favoriten vor ihrem Start noch positiv getestet werden?

Hofmeister: Ich hatte das ja bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele mal angesprochen, dass es sein kann, dass jemand auf mich zukommt und sagt: 'Ramona, Du bist positiv.' Was soll ich denn dann machen? Da kann ich ja nicht sagen: 'Nee, stimmt nicht.' Deswegen hoffe ich einfach darauf, dass das nicht passiert, alle gesund bleiben und es faire Wettbewerbe werden.

ran: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihren Wettkampf? Bei den letzten Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018 haben Sie im Parallel-Riesenslalom die Bronzemedaille geholt und dieses Mal gelten Sie sogar als große Mitfavoritin auf Gold.

Hofmeister: Also ich bin topmotiviert, fit und bereit für den Wettkampf. Natürlich ist es mein riesiger Traum und mein Ziel, als Olympiasiegerin nach Hause zu fliegen. Aber es ist sehr schwierig, wenn man nur einen Wettkampf und somit nur eine Chance hat. Da muss alles zusammenpassen, man muss auf den Punkt abliefern und letztendlich gehört dann auch noch ein bisschen Glück mit dazu, um sechs Mal perfekt die Piste herunter zu fahren.

ran: Welche Fähigkeiten haben Ihnen vor vier Jahren vielleicht noch gefehlt, die Sie heute haben und die Sie somit jetzt ganz nach oben aufs Sieger-Treppchen bringen können?

Hofmeister: Ich bin damals ohne große Erwartungen nach Pyeongchang geflogen, weil ich das alles ja noch nicht kannte und zuvor noch nie an Olympischen Spielen teilgenommen habe. Und da ich auch nicht als Favoritin galt, hatte ich keinen Druck. Den mache ich mir dieses Mal aber auch nicht. Ich blicke gerne und voller Stolz auf das zurück, was ich bislang schon geleistet habe mit der Bronzemedaille 2018 und den letzten beiden Gesamtweltcupsiegen. Ich drehe mich da gerne mal um (lacht). Aber natürlich wäre es wahnsinnig schön, wieder mit einer Medaille nach Hause zu fliegen - bestenfalls in einer anderen Farbe.

ran: Am Dienstag um 7:30 Uhr deutscher Zeit steht der Parallel-Riesenslalom an. Wer sind die härtesten Konkurrentinnen?

Hofmeister: Auf jeden Fall die Tschechin Ester Ledecka, die bereits 2018 die Goldmedaille geholt hat und die junge Russin Sofija Nadyrschina. Die ist auch sehr stark dabei und mit ihr habe ich mir in der Vergangenheit auch schon einige Battles geliefert. Das sind aus meiner Sicht die Topfavoritinnen.

ran: Welche Schlagzeile möchten Sie nach Ihrem Wettkampf gerne über sich lesen?

Hofmeister: Ramona Hofmeister kehrt als Olympiasiegerin nach Hause zurück (lacht).

Das Interview führte: Dominik Hechler

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