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München - Hoch über den Dächern der Stadt, auf der luxuriösen Terasse des Münchner Mandarin Oriental Hotels fand am 19. Mai 2012 eine rauschende Abschiedsfeier statt. Wenige Stunden zuvor hatte der FC Chelsea entgegen aller Erwartungen den FC Bayern im Finale der Champions League geschlagen - und trotzdem wurde auf der Party im Mannschaftshotel der Londoner nicht nur gejubelt. Denn der Gewinn der Champions League war für Chelsea das Ende einer Ära, der finale Akt einer Spielergeneration, die sich über acht Jahre in die europäische Fußballelite vorgekämpft hatte. Didier Drogba hielt nach seinem verwandelten Elfmeter in den Katakomben der Allianz Arena eine emotionale Rede, in der er der Mannschaft seinen Abschied bekannt gab. Mit dem Abgang des bulligen Stürmers war jedem im Verein bewusst, dass ein Neuaufbau erforderlich ist.

Umbruch unausweichlich

Chelsea befindet sich seit dem gewonnen Champions-League-Finale auf der Suche nach einer neuen Identität. Die Spielphilosophie bewegt sich weg vom robusten, direkten Stil, den einst Jose Mourinho nach London brachte, hin zum technisch versierten Kurzpassspiel der Neuzeit. Das hat einerseits mit der allgemeinen Trendwende im europäischen Fußball zu tun, andererseits mit einem unausweichlichen Personalwechsel.

Es ist bemerkenswert, dass Chelsea in der Abramowitsch-Ära trotz zahlreicher Millioneneinkäufe über Jahre hinweg den gleichen Mannschaftskern hatte - der naturgemäß immer älter wurde.

Mourinhos "untouchables" prägten eine Ära

Mourinho sprach während seiner Zeit in England von den "untouchables", jenen Spielern, die für ihn automatisch in der Startformation standen. Die "untouchables" bildeten die Kernbesetzung, die Chelsea in acht Jahren zu drei Meisterschaften in der Premier League, vier Pokalsiegen, fünf Halbfinal- und zwei Finalteilnahmen in der Champions League steuerte. Angeführt von John Terry bekam neben Frank Lampard, Petr Cech, Ashley Cole, Michael Essien und Didier Drogba auch Michael Ballack das Prädikat des Unberührbaren. Ballack verwandelte 2008 im Regen von Moskau seinen Elfmeter im Champions-League-Finale gegen Manchester United und musste anschließend mit ansehen, wie zuerst John Terry und dann Nicolas Anelka die Nerven versagten. Ein Jahr später war er machtlos, als eine Kombination aus Schiedsrichter Tom Henning Övrebö und Andres Iniesta ihm im Halbfinale der Königsklasse seine letzte Chance auf einen internationalen Titel raubte.

Der Kern der Mannschaft war der Grundstein für Chelseas direkte und erfolgreiche Fußballphilosophie. Terry, Ballack, Essien und Drogba waren nicht nur fußballerische, sondern auch körperliche Ausnahmesportler, die vielen Gegenspielern allein schon wegen ihrer Physis überlegen waren. Was Chelsea an Kreativität fehlte, konnte die Mannschaft mit Kraft und perfekter Organisation wettmachen.

Es fehlt an Konstanz

Von den "untouchables" waren in München nur noch Cech, Cole, Lampard und Drogba übrig, Terry saß gesperrt auf der Bank. In der aktuellen Saison ist der Ausleseprozess noch stärker geworden. In wichtigen Spielen setzt Trainer Rafael Benitez meist nur noch auf Cech und Cole, während Terry und Lampard sich mit einem Platz auf der Bank begnügen müssen. Die goldene Generation ist von Spielern ersetzt worden, die noch auf der Suche nach ihrer Identität sind. Das Offensiv-Trio aus Juan Mata, Eden Hazard und Oscar soll nun für Spielkultur und Kreativität sorgen, während in der Abwehr der Brasilianer David Luiz den Ton angibt.

Doch Chelseas Spiel fehlt es an Konstanz, gegen eine gute Verteidigung wirkt die Mannschaft oft berechenbar und im defensiven Mittelfeld fehlt ein Stratege wie es Bastian Schweinsteiger bei den Bayern oder Xabi Alonso bei Real Madrid sind. Doch schwerer noch wiegt der Abschied von Didier Drogba. Der kantige Ivorer war der Fixpunkt in Chelseas Spiel, der Mann, der Tore aus dem Nichts erzielen konnte und immer dann traf, wenn es wirklich wichtig war. Ein solcher Spieler ist nur schwer zu ersetzen und für Fernando Torres ist es bislang ein Ding der Unmöglichkeit. Der Spanier wurde für 50 Millionen Euro als Drogbas Nachfolger an die Stamford Bridge geholt. Doch trotz 19 Toren in der laufenden Saison wird Torres von seinen eigenen Fans wegen schlechter Leistungen heftig kritisiert.

Noch vier Jahre bis zur Weltspitze

Der Umbruch der Mannschaft wird auch im Sommer vorangetrieben. Sollte Andre Schürrle aus Leverkusen nach London wechseln, wäre das ein weiteres Zeichen, in welche Richtung sich der Klub entwickeln will. Ganz im Zeichen der derzeitigen Trends soll Chelsea jung, spielstark und ballsicher werden. Doch es wird sicherlich noch drei bis vier Jahre dauern, bis die "Blues" wieder eine Party als europäische Spitzenmannschaft feiern können.

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