UFC 1: Art Jimmerson vs. Royce Gracie - Bildquelle: Getty ImagesUFC 1: Art Jimmerson vs. Royce Gracie © Getty Images

München – "Die Stand-Up-Kämpfer hatten keine Ahnung, was sie am Boden tun sollten, es war fast schon unfair!" Wenn Royce Gracie (52) an den 12. November 1993 zurückdenkt, muss er schmunzeln. In Denver/Colorado fand an diesem Abend die erste Veranstaltung der Ultimate Fighting Championship (UFC) statt, ein Acht-Mann-Kampfsportturnier, welches eine wichtige Frage beantworten sollte: Welche Disziplin stellt in einem (fast) regellosen Zweikampf die effektivste dar? Ringen, Boxen, Karate oder doch Sumo?

Royce, welcher dieses Turnier mit damals 26 Jahren und 77 Kilo Körpergewicht relativ mühelos gewann, veränderte die Welt des Kampfsports für immer und demonstrierte als Vertreter des Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ) die Wichtigkeit von Bodentechniken. Zusätzlich legte sein Auftritt den Grundstein dafür, dass aus der Synthese verschiedener Kampfsportdisziplinen eine neue Sportart entstand: die Mixed Martial Arts (MMA). Doch davon konnte am 12. November 1993 noch keine Rede sein.

"Es gibt keine Regeln"

Der Werbeslogan auf den Plakaten von UFC 1 deutete ein noch nie dagewesenes Spektakel an. Die Kämpfer sollten im K.o.-System in einem achteckigen, mit Maschendraht bespannten Käfig (Octagon) gegeneinander antreten. Keine Disziplin sollte bevorzugt werden, auf Regeln wurde fast vollständig verzichtet: keine Gewichtsklassen, keine Runden, kein Zeitlimit und kein Kampfgericht. Es gab lediglich drei verbotene Techniken: Beißen, Stiche in die Augen und Tiefschläge/-tritte.

Royce, bekleidet mit seiner Wettkampfuniform (Gi), sollte zuerst gegen den Boxer Art Jimmerson kämpfen, welcher nur an der Führhand einen Boxhandschuh trug, um mit seiner Rechten härtere Treffer landen zu können. Die Gegenüberstellung der Kämpfer erinnerte hier unfreiwillig an die Videospielreihe "Street Fighter". Laut den Veranstaltern Art Davie und Rorion-Gracie konnte ein Kampf nur via Knockout, Aufgabe (Submission) oder Handtuchwurf entschieden werden. Was dann folgte, sollte die Welt des Kampfsports für immer verändern.

Kampfsport "Made in Brazil"

Royce trug den gleichen Nachnamen wie der Veranstalter Rorion Gracie – und das war kein Zufall. Beide sind Söhne der brasilianischen Kampfsportlegende Helio Gracie, welcher zusammen mit seinen Brüdern in den 1920er-Jahren die Kampfsportdisziplin BJJ aus Einflüssen des japanischen Kodokan Judo entwickelte. Seither forderte die Gracie-Familie in sogenannten Vale-Tudo-Wettkämpfen ("alles erlaubt") Kampfsportler aus der ganzen Welt heraus.

Mit Royce gelang es nun dem jüngsten und körperlich unscheinbarsten Sprössling, das System BJJ der Weltöffentlichkeit zu präsentieren: "Es wäre nicht so beeindruckend gewesen, wenn einer meiner Brüder mit 100 Kilos den Kerl verprügelt hätte", sagte Royce. Und so rang Royce den Boxer Jimmerson, welcher keine Ahnung von Bodenkampf hatte, innerhalb weniger Sekunden zu Boden, wechselte in eine dominante Position und sorgte dafür, dass dieser bewegungsunfähig aufgab.

Das Publikum hatte keine Ahnung, was da gerade passiert war und fing an, zu buhen. Lediglich der Kommentator Bill Wallace konnte Royces Stil einordnen. Dieser wiederholte seine Taktik im Halbfinale gegen Ken Shamrock und noch mal im Finale gegen Gerard Gordeau. Beide ließ er dabei durch einen Würgegriff "abklopfen". Royce war damit der Gewinner des Turniers (Siegprämie: 50.000 US-Dollar). Seine eigentliche Aufgabe bestand jedoch darin, BJJ als effektivste Technik zu demonstrieren. Dies gelang ihm ohne einem einzigen Schlag. "Als es vorbei war, dachte ich nur: Puuh, ich hab's geschafft!", so Royce.

Siegeszug der Mixed Martial Arts

Royce gewann noch drei weitere UFC-Turniere und kämpfte die anschließenden Jahre in der japanischen Organisation PRIDE. 13 Jahre nach seinem ersten Turniersieg kehrte er 2006 bei UFC 60 ins Octagon zurück. In der Zwischenzeit war viel passiert. Seit UFC 1 wurde MMA weltweit populär, ein festes Regelwerk wurde eingeführt und die Kämpfer erweiterten ihr Training, um keinen Nachteil mehr in bestimmten Disziplinen zu haben.

So auch Matt Hughes, Royces Gegner bei UFC 60. Der ehemalige US-Ringer (u. a. All-American Team 1996) war zu diesem Zeitpunkt UFC-Champion im Weltergewicht bis 77 Kilo (ja, mittlerweile gab es Gewichtsklassen) und konnte den mittlerweile 39-jährigen Royce nach viereinhalb Minuten in der ersten Runde (ja, die gab's nun auch) durch technischen K.o. besiegen.   

Royce, der 1993 selbst den Grundstein für seine spätere Niederlage bei UFC 60 legte, wurde zusammen mit Matt Huges in die "Hall of Fame" der UFC aufgenommen. Diese wuchs bis heute zu einer der größten Sportorganisationen weltweit und etablierte MMA innerhalb von nur 26 Jahren zur Kampfsportart Nummer eins.

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