Zwischen Mike McCarthy (l.) und Aaron Rodgers (r.) soll es einen jahrelangen... - Bildquelle: imagoZwischen Mike McCarthy (l.) und Aaron Rodgers (r.) soll es einen jahrelangen Machtkampf in Green Bay gegeben haben. © imago

München/Green Bay - Lange Zeit wirkte es wie eine Dynastie. Head Coach Mike McCarthy und sein Quarterback Aaron Rodgers waren das Gesicht der Green Bay Packers in der Ära nach Brett Favre. Von 2006 bis 2018 standen beide Seite an Seite sinnbildlich für die Franchise aus Wisconsin. Acht aufeinanderfolgende Playoff-Teilnahmen und gar ein Super-Bowl-Sieg 2010 stehen zu Buche. Doch scheinbar ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie der "Bleacher Report" nun in einem Leitartikel berichtet, ist die jüngere Historie der Packers in der Zeit von McCarthy und Rodgers viel mehr eine dramatische Seifenoper, als eine geschichtsträchtige Dynastie - und gleichzeitig ein warnendes Beispiel davor, was passieren kann, wenn zwei zu große Egos aufeinander treffen.

Denn laut "Bleacher Report" soll in Green Bay über die letzten Jahre ein riesengroßer, allerdings medial möglichst verborgen gebliebener Machtkampf stattgefunden haben. Und enge Vertraute der Franchise erzählten dem US-amerikanischen Sportmagazin, es sei noch nicht mal die Hälfte der Schlammschlacht bekannt. Das Fass zum Überlaufen brachte wohl die 17:20-Niederlage in der vergangenen Saison gegen die Arizona Cardinals, im letzten Jahr eines der schwächsten Teams der Liga. Die Pleite beisegelte das Ende der McCarthy-Zeit in Green Bay. Der Anfang der Geschichte liegt dem Bericht nach jedoch deutlich weiter zurück.

Draft 2005 - der Ursprung allen Übels

Begonnen hat alles nicht mit der bitteren Overtime-Niederlage gegen die Seattle Seahawks im NFC-Championship-Game 2015. Auch während der Super-Bowl-Saison 2010 seien die Reibungen bereits aktiv gewesen. Der Ursprung soll tatsächlich bereits im Draft 2005 liegen. McCarthy, damals noch Offensive Coordinator der San Francisco 49ers, überging Rodgers im Draft und wählte Alex Smith aus, der für ihn zu diesem Zeitpunkt angeblich der talentiertere Quarterback war. Nur eine Saison später traf McCarthy als neuer Head Coach in Green Bay auf den zuvor verschmähten Rodgers. Und der war noch stinksauer darüber, dass dieser ihn in San Francisco nicht gedraftet hatte, berichtete Ryan Grant, damals Running Back bei den Packers, dem "Bleacher Report".

Der bereits entstandene Missmut schlug sich wohl auch im Locker Room postwendend nieder. Eine anonyme Quelle soll berichtet haben, dass Rodgers von Beginn an mit dem Play-Calling und der Personalauswahl seines Coaches nicht einverstanden gewesen sei. Die Quelle sagte weiter, dass Rodgers den footballerischen IQ von McCarthy als zu niedrig erachtet habe. Warum man damals nichts davon mitbekomme hat? Ergebnisse gut - alles gut.

Sowohl in der Super-Bowl-Saison 2010, als auch in Rodgers MVP-Saison 2011, lief besonders die Offense präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Verbindung zwischen Rodgers und seinem langjährigen Lieblingsziel Jordy Nelson wirkte, als sei sie beinahe nicht zu verteidigen. Wer gegen die Packers eine Zonenverteidigung spielte, konnte den Sieg gefühlt direkt abhaken. Das Problem: Auch da soll Rodgers bereits angefangen haben, einige Plays über McCarthys Kopf hinweg selbst zu callen - was seinem Coach verständlicherweise weniger gepasst haben soll.

 

Die Fehler von Mike McCarthy

So verständlich McCarthys Unmut auch scheint, ist der Ex-Head-Coach laut "Bleacher Report" selbst wohl nicht ganz untätig im sich anbahnenden Dilemma gewesen. So wird McCarthy vorgeworfen, er habe sein Spiel nicht weiterentwickelt und über Jahre hinweg ein und dieselben Plays spielen lassen. Nur leider besteht lange nicht bei jedem Wide Receiver das blinde Verständnis mit Rodgers bei seinen berühmten Back-Shoulder-Pässen. Und: Auch die Gegner stellen sich natürlich auf derartige Plays ein.

Als Konsequenz aus dem stagnierenden Playbook soll Rodgers wohl immer mehr Spielzüge selbst angesagt haben - unvergessen sein improvisiertes Konzept im Divisional-Round-Game in der Saison 2016 gegen die Dallas Cowboys, das zum Catch von Tight End Jared Cook und dadurch zum entscheidenden Field Goal Sekunden vor Schluss führte. Spätestens danach entbrannte aber laut "Bleacher Report" ein Machtkampf zwischen "A-Rod" und McCarthy, wer die besseren Calls macht.

Mit der Zeit soll der Head Coach sich zudem immer mehr vom Team abgekapselt haben. Des Öfteren soll er wichtige Meetings verpasst haben, einmal angeblich sogar, weil er sich in seinem Büro gleichzeitig massieren ließ. Ein Verhalten, was nicht nur Rodgers erbost haben dürfte, sondern ihm auch den Respekt anderer Spieler kostete. Ein ehemaliger Mitspieler sagte gegenüber dem Sportmagazin, McCarthy habe durch solche Aktionen seinen wichtigsten Job, nämlich Aaron Rodgers, dem Kopf der Franchise, das Leben leicht zu machen, weit verfehlt. Stattdessen habe der Coach selbst das Gefühl gehabt, er habe diese starke Offensive konstruiert und sei der Grund für den Erfolg. Durch sein großes Ego sei er außerdem nicht in der Lage gewesen, über seinen Schatten zu springen und beispielsweise ein weiteres Offensive-Mastermind zu verpflichten, um die Situation zu bereinigen.

Im Team fielen die Reaktionen auf McCarthy gemischt aus. Besonders die Defensive-Spieler sollen sich durch seine volle Konzentration auf die Offensive-Seite bisweilen vernachlässigt gefühlt haben. Im Machtkampf hielt dieser Teil der Mannschaft selbstverständlich dann wohl eher zu ihrem Quarterback.

Auch Rodgers nicht ganz unschuldig

Laut "Bleacher Report" ist aber nicht alle Schuld auf McCarthy abzuwälzen. Quellen berichteten, dass auch Rodgers selbst für Probleme gesorgt habe. Beispielsweise soll er Probleme oftmals in sich hinein gefressen haben, anstatt diese anzusprechen. Aber keine gute Beziehung funktioniert ohne entsprechende, funktionierende Kommunikation. Nach Aussagen von Insidern soll Rodgers grundsätzlich extrem hart mit jungen Spielern umgesprungen sein. Diese fühlten sich dann häufig eingeschüchtert. Als Beispiel verwendet der "Bleacher Report" unter anderem den deutsch-amerikanischen Receiver EQ St. Brown, der im letzten Jahr von den Packers gedraftet wurde. Ein Insider berichtete, dass St. Brown besonders frustriert gewesen sein soll, weil er beim Machtkampf um das Play-Calling zwischen Rodgers und McCarthy auf der einen Seite seinem Head Coach folgen, auf der anderen Seite aber auch Franchise-Leader Rodgers unter keinen Umständen verärgern wollte.

Weiter wird berichtet, dass McCarthy zu Beginn seiner Zeit in Green Bay sogar versucht haben soll, eine Bindung zu Rodgers aufzubauen, dieser aber Einladungen von seinem Coach abgelehnt haben soll. Ex-Packers-Tight-End Jermichael Finley sieht auch einen Zusammenhang zwischen Rodgers' Verhalten und dessen Rekord-Vertrag. "Gibst du einem Menschen mehr Geld, bekommst du auch ein anderes, divenhaftes Verhalten", sagte Finley über Rodgers gegenüber dem "Bleacher Report".

Verfehlungen im Front Office

Die Fehler in dieser Beziehung ziehen sich durch bis in das Office der gesamten Franchise. Jedes Mal, wenn die Packers mal wieder knapp an einem Super-Bowl-Run vorbeischrammten, wurde daraufhin vonseiten des damaligen General Managers Ted Thompson beinahe nichts unternommen. Der Streit zwischen den beiden Vereins-Leadern soll von der Obrigkeit weitestgehend ignoriert worden sein.

Stattdessen wurden immer wieder echte Leader und Sprachrohre des Teams wie T.J. Lang, Charles Woodson oder B.J. Raji abgegeben und kein neuer Anführer für den Rasen verpflichtet. Konnte Rodgers sich vorher noch voll und ganz auf sein QB-Spiel konzentrieren, musste er plötzlich zusätzlich die Rolle als Leader auf dem Feld übernehmen. Statt erfahrenen Leuten, wie seinem Buddy Jordy Nelson, muss er nun als Anführer für junge Passempfänger voran gehen. Wie in der letzten Saison bemerkt, hat Rodgers aber bisher noch kein sonderlich großes Vertrauen zu seinen Receivern - mit Ausnahme von Davante Adams. Das Resultat: Zwei Mal in Folge verpasste die Franchise die Playoffs. Eine herbe Enttäuschung.

 

Schafft Matt LaFleur das Happy End?

Ex-Coach Mike McCarthy hat viele der Gerüchte mittlerweile als völlig absurd zurückgewiesen. Fakt ist: Über diese gesamten Miseren hinweg hat McCarthy irgendwann schlichtweg die Kontrolle über die Franchise verloren. Nicht nur über Rodgers, eher über das gesamte Team. Die Trennung in der vergangenen Saison war somit ein notwendiger Schritt. Mit Matt LaFleur wurde nun von GM Brian Gutekunst und Präsident Mark Murphy ein neuer, sehr junger Head Coach verpflichtet. Die Aufgabe für LaFleur (39) wird nun sein, dieses angebliche Diven-Gehabe von Rodgers unter Kontrolle zu bringen.

Wenn die Infos des "Bleacher Reports" stimmen, dann bleibt die Frage: Kann LaFleur eine geschichtsträchtige Franchise zurück in die Form aus den Jahren 2010 und 2011 bringen? Und: Kann Aaron Rodgers sich einem nur vier Jahre älteren Head Coach besser unterordnen? Startschwierigkeiten, wie bei McCarthy sind grundsätzlich erstmal nicht vorhanden. Vielleicht bekommt die Seifenoper der Green Bay Packers also doch noch ihr Happy End.

Hannes Niemeyer

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