Andy Reid ist seit 2013 Head Coach der Kansas City Chiefs. - Bildquelle: gettyAndy Reid ist seit 2013 Head Coach der Kansas City Chiefs. © getty

München - Nur noch knapp eine Minute trennt die Kansas City Chiefs vom Einzug in den Super Bowl. Das Arrowhead gleicht einem Tollhaus, Seismographen in der Umgebung registrierten leichte Ausstöße. Bei einem Rückstand von 24:28 benötigen die New England Patriots einen Touchdown, um das Ding kurz vor Schluss zu drehen.

3&10 an der 30-Yard-Linie der Chiefs. Tom Brady wirft einen kurzen Pass auf seine wichtigste Waffe, Tight End Rob Gronkowski. Dem flutscht der Ball durch die Finger, Charvarious Ward fängt die Pille. Interception - Kansas City ist durch. Doch fernab des Geschehens liegt ein gelber Stofffetzen auf dem Feld. Die Referees haben etwas zu verkünden. "Offside, Defense, Number 55, 5 Yard Penalty, Replay Third Down."

Der spielentscheidende Turnover zugunsten der Chiefs wird zunichte gemacht, New England nutzt die zweite Chance und gewinnt das AFC Championship Game 2018 später in der Overtime. Die Saison der Chiefs endet - mal wieder - extrem bitter.

 

Brutale Niederlagen in den Playoffs

Seit über 50 Jahren wartet KC auf den Einzug in den Super Bowl, das erste und einzige Mal gelang dies den Chiefs 1969. Das Drama am 20. Januar 2019 markierte den vorläufigen Höhepunkt einer Serie von unglücklichen Versuchen, vor allem seitdem Andy Reid die Chiefs hauptverantwortlich trainiert.

Alles begann 2014 mit einer unfassbaren 44:45-Niederlage gegen die Indianapolis Colts in der Wild Card Round, als die Chiefs eine 38:10-Führung noch aus der Hand gaben. 2017 unterlag KC den Pittsburgh Steelers in den Divisional Playoffs 16:18, ein Jahr später verspielten die Chiefs im Wild Card Game gegen die Tennessee Titans eine 21:0-Führung.

Zwei Super-Bowl-Coaches lernten von Reid

Reichlich Stoff, um an Andy Reid und dessen Qualität im Play Calling in der Crunchtime zu zweifeln.

Dabei ist der mittlerweile 61-Jährige ein hoch angesehener, einflussreicher Head Coach, der mit 207 Siegen in der Regular Season Rang sechs in der Liste der erfolgreichsten Coaches einnimmt.

Jede Menge aktuelle Head Coaches haben ihm einst assistiert und von ihm gelernt, darunter die Super-Bowl-Champions John Harbaugh (Baltimore) und Doug Pederson (Philadelphia).

Reid hat in Kansas City innerhalb kürzester Zeit aus einem Loser-Team einen Playoff-Stammkunden gemacht. Er hat das Offensivspiel der Chiefs nach dem Abgang von Quarterback Alex Smith mit Shootingstar Patrick Mahomes auf ein neues Level gehoben. Er ist das Mastermind hinter der spektakulären Offensive der Chiefs, die im Divisional Game gegen die Houston Texans nach einem 0:24-Rückstand explodierte und in drei Vierteln 51 Punkte auflegte.

 

Super-Bowl-Pleite gegen die New England Patriots

Als er 2013 zum ersten Job-Gespräch von den Chiefs eingeladen wird, hat er sämtliche 1.988 Spielzüge der Mannschaft aus der vergangenen Saison auf Lager. Seine Akribie beeindruckte Chiefs-Boss Clark Hunt derart, dass dieser Reid nach dem Interview, das über acht Stunden ging, einen Fünfjahresvertrag anbot. "Ich bemerkte seine Energie und seinen Enthusiasmus. Er hat mich in seinen Bann gezogen", sagte Hunt damals.

Vor seiner Zeit in Kansas City führte Reid die Philadelphia Eagles vier Mal in Folge zum Division Titel in der NFC East und 2005 in den Super Bowl, seinen bislang einzigen. Damals unterlagen die Eagles den New England Patriots mit 21:24, wobei Reid gleich mehrfach falsches Clock Management vorgeworfen wurde.

Bei allen Erfolgen fehlt ihm noch immer der ganz große Wurf, das Versagen in den Playoffs hat bei Reid System. Doch Reid weiß nur zu gut, sportliche Niederlagen richtig zu gewichten. "Es tut immer weh zu verlieren. Aber im Endeffekt ist es nur Sport. Auch wenn manche Leute etwas anderes sagen: Es geht im Sport nicht um Leben und Tod", sagte Reid einmal in einem Interview mit dem "NFL Network".

Drogenhölle im Hause Reid

Reid hat in seinem bewegten Leben außerhalb des Football-Feldes viele Schlachten geschlagen und ganz andere Rückschläge verkraften müssen. Der Traum vom Football-Profi zerplatzte früh, Reid war schlichtweg nicht talentiert genug. Bereits mit 22 stieg er ins Trainergeschäft ein, weil aber das Geld nicht reichte, verdiente er sich zusätzlich als Baseball-Schiedsrichter für 15 Dollar pro Spiel.

Als er 1992 Tight End Coach bei den Green Bay Packers wird, fährt er jeden Morgen um 3:30 Uhr ins Büro, damit er drei Stunden später Frühstück für die Familie zubereiten und die Kinder anschließend in die Schule fahren kann.

Von fünf Kindern (zwei Töchter, drei Söhne) machen vor allem die beiden älteren Jungs Probleme. Britt und Garrett driften in die Drogenszene ab, beide dealen, werden abhängig und landen je für knapp zwei Jahre im Gefängnis.

Der älteste Sohn Garrett verursacht 2007 im Drogenrausch einen heftigen Autounfall, bei seiner Verhandlung wird Reids Zuhause vom zuständigen Richter als "Drogenhölle" bezeichnet.

Sohn Garrett stirbt an Überdosis Heroin

In jenem Sommer nimmt sich Vater Andy eine sechswöchige Auszeit als Eagles Head Coach, um seinen Sohn zu retten. Er mietet für sich und Garrett eine Wohnung, Vater und Sohn besuchen gemeinsam unzählige Therapiesitzungen. Kurzfristig geht es aufwärts, sodass Garrett sogar einen Job bei den Eagles bekommt.

In einem 2007 im "Philly Magazine" erschienen Interview schilderten Andy und seine Frau Tammy den Kampf gegen die Drogensucht ihrer Söhne. "Das hat uns als Eltern schwer mitgenommen. Aber hey, es sind unsere Söhne! Es gibt immer Hoffnung. Wir haben die Jungs großgezogen. Wir haben ihnen beigebracht zu beten und Fahrrad zu fahren. Wir lieben die Jungs, wir werden sie das auch immer spüren lassen. Wir werden niemals aufgeben."

Doch fünf Jahre später, inmitten der Saisonvorbereitung der Eagles, wird Garrett tot aufgefunden. Er stirbt im Alter von 29 Jahren an einer Überdosis Heroin. Reid sagt, die Familie habe acht Jahre lang gegen die Drogensucht der Kinder angekämpft, im Fall von Garrett war es ein vergeblicher Kampf.

Dopingmittel in Garretts Sterbezimmer

Andy Reid entscheidet sich, Head Coach der Eagles zu bleiben. Er braucht eine Aufgabe in seinem Leben. "Ich liebe es, Football-Coach zu sein. Garrett liebte, was ich tue. Ich wollte nicht nur zu Hause sitzen", sagte Reid dem Magazin "Sports Illustrated". Sein Credo nach Garretts Tod: "Du arbeitest daran, wie ein Mann weiterzugehen im Leben und damit klarzukommen, was das Leben dir aufbürdet."

Nur vier Monate nach Garretts Tod sieht sich Reid der nächsten großen Bürde gegenüber. Es wird öffentlich bekannt, dass in Garretts Sterbezimmer anabole Steroide gefunden wurden. Schnell wird eine Verbindung zu den Chiefs hergestellt, da Garrett bis zu seinem Tod Konditionstrainer in Kansas City war.

Reid sah sich zu folgender öffentlicher Erklärung gezwungen: "Ich kann mich nicht oft genug für den möglicherweise entstandenen Schaden entschuldigen, den mein Sohn dieser Organisation angerichtet hat."

Letztlich konnte nie geklärt werden, ob überhaupt und in welcher Form Garrett Reid die Spieler der Kansas City Chiefs mit Dopingmitteln versorgte.

"Der netteste Typ in der NFL"

Der Umgang mit dem Tod des Kindes, seine Empathie, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit haben Reid fernab von Statistiken, Erfolgen und Misserfolgen als Coach in der NFL beliebt gemacht. "Er ist wahrscheinlich der netteste Typ unter allen Coaches in der NFL", sagte der neue Redskins-Trainer Ron Rivera einmal über ihn.

In der Welt der NFL gibt es wohl niemanden, der Andy Reid einen Triumph im Super Bowl nicht gönnen würde. Und ganz unwichtig ist ihm der Sport dann doch nicht. Er würde seinen kleinen Zeh opfern für eine zweite Chance im Super Bowl, verriet Reid Ende der letzten Saison. Die letzte Hürde auf dem Weg nach Miami stellen die Tennessee Titans dar (Sonntag ab 20.45 Uhr live auf ProSieben und ran.de)

Ein später Titel nach vielen bitteren Pleiten würde perfekt passen in das Leben von Andy Reid. 

Thomas Gaber

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