Giorgio Tavecchio in Aktion. - Bildquelle: imago images / Icon SMIGiorgio Tavecchio in Aktion. © imago images / Icon SMI

München/Atlanta - Im Grunde ist es immer das gleiche Gespräch, das Giorgio Tavecchio in seiner Heimat führt. Wenn der Italiener seinen Landsleuten erklärt, was er als Kicker beim NFL-Team Altanta Falcons so macht.

Die Reaktion ist dann ebenfalls immer gleich: "Das ist alles, was du machst? Du kommst rein, kickst und gehst wieder? Was für ein Job ist das denn?" 

Ja, was für ein Job ist das? Ein anspruchsvollerer als man auf den ersten Blick tatsächlich meinen könnte. 

 

Um zu erfahren, wie anspruchsvoll die Aufgabe als Kicker ist, könnte man zum Beispiel Cody Parkey fragen. Mit seinem "Double-Doink" im Wildcard-Game gegen die Philadelphia Eagles beendete er im vergangenen Winter die Playoff-Träume seiner Chicago Bears, die dann wiederum die Zusammenarbeit mit ihm beendeten.

Es ist die Krux dieser Position: Manchmal ist man für kurze Zeit der umjubelte Held, oft aber auch der Depp, und der dann viel länger. Der Unterschied zum Quarterback: Generell ist der Kicker weitaus unbekannter, außerdem wird er weitaus schlechter bezahlt. Vor allem im Verhältnis zu der Verantwortung, die er oft trägt.

Mal bei Parkey nachfragen

Tavecchio könnte bei Parkey mal durchklingeln. Denn die Situationen ähneln sich dann doch ziemlich. Denn hinter Parkey (und einigen anderen Kollegen) stand stets der große Schatten von Robbie Gould, den die Bears 2016 aus finanziellen Gründen fortschickten. Eine Entscheidung, die sie noch heute bereuen.

Bei Tavecchio ist es Falcons-Legende Matt Bryant, dessen Schatten immer größer wird. In der Offseason haben sich die Falcons von dem 43-Jährigen getrennt und sich für die günstigere und jüngere Version entschieden, den 29 Jahre alten gebürtigen Mailänder Tavecchio.

Doch der erlebt einen schwierigen Start, nachdem er 2018 nur zu drei Einsätzen kam. Vier von acht Field Goals hat er bereits versemmelt, jüngstes Beispiel: seinen einzigen Versuch beim 7:19 gegen die Washington Redskins aus 39 Yards. Und wie das so ist auf dieser Position, steigt mit jedem Fehlschuss der Druck. 

Und deshalb bekommt er Rückendeckung. Und immer wieder Versuche, wie im Training. "Die mentale Härte ist so wichtig wie die physische. Deshalb wollte ich sehen, dass er zurückkommt und sich beim Training zeigt. Wir glauben an ihn und er glaubt an sich", sagte Head Coach Dan Quinn, der zugab, dass man es natürlich nicht will, dass ein Kicker nicht trifft. "Aber er hat die Stärke, die langen Schüsse zu machen."

Große Gelassenheit

Auch Tavecchio selbst bleibt gelassen. "Es ist ein bisschen frustrierend. Ich muss ein bisschen präziser werden. Ich habe den Rhythmus gefühlt, ich habe mich gut gefühlt, als ich den Ball getroffen habe, ich muss sie nur ins Ziel bringen", sagte er.

Das ist eine sehr nüchterne Analyse, wenn die Rufe nach dem Vorgänger immer lauter werden. Gelassenheit trotz des ganzen Drucks? Tavecchio hat das tatsächlich gelernt, denn sein Weg in die NFL war – anders.

Sein Pro Day auf dem College 2012 fiel ins Wasser, die Scouts flohen vor dem Regen, Tavecchio kickte vor drei Leuten, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 

Als Free Agent bekam er trotzdem einen Vertrag bei den San Francisco 49ers. Dort schaffte er aber den Cut nicht.

Jährlich grüßt das Murmeltier

Anschließend grüßte jährlich das Murmeltier. 2013 ging er zu den Green Bay Packers. Das Roster packte er nicht. 2014? Scheiterte er am Cut bei den Detroit Lions. Zwei Tage später versuchten die Oakland Raiders es mit ihm, um sich nur drei Tage später wieder von ihm zu trennen.

Seitdem führten die Raiders und Tavecchio im wahrsten Sinne des Wortes eine On-off-Beziehung, wie sie im Buche steht. Immer wieder wurde er mit einem Vertrag ausgestattet, den Sprung in den endgültigen Kader schaffte er aber nie. Vertrag, Entlassung, Vertrag, Practice Squad. Trainingscamp, Preseason und stets die Hoffnung auf einen Platz unter den letzten 53. 

 

Bis 2017, als er den verletzten Sebastian Janikowski ersetzte und den Sprung schaffte. 16 Einsätze absolvierte er, verwandelte 16 seiner 21 FG-Versuche. Seit 2018 ist er bei den Falcons, erst als Backup von Bryant, nun als Nummer eins.

Die zu bleiben, wird eine Herausforderung. Und auch das ist anspruchsvoller, als seine Landsleute glauben.

Andreas Reiners

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