Dan Quinn. - Bildquelle: 2020 Getty ImagesDan Quinn. © 2020 Getty Images

München - Die Forderung kommt reflexartig. Immer. Man kennt es nicht anders. Denn irgendeiner ist ja immer der Sündenbock.

Im Teamsport ist es eben meistens der Trainer. Weshalb Dan Quinn das Spielchen schon kennt. Doch langsam wird es tatsächlich unangenehm. 

Denn die Atlanta Falcons liefern den inzwischen zahlreichen Kritikern Woche für Woche besten Stoff für Abhandlungen über Gründe, warum Quinns Amtszeit zu Beginn seiner sechsten Saison endlich beendet werden sollte. 

Inzwischen ist es peinlich

Denn nach der dramatischen Super-Bowl-Niederlage im Februar 2017 gegen die New England Patriots trotz einer 28:3-Führung geht es bergab bei den Falcons. 2019 stand Quinn bereits massiv in der Kritik, doch nach einem 1:7-Start bekam das Team die Kurve, die Saison endete mit 7:9 noch halbwegs versöhnlich.

Doch allmählich wird es peinlich.

Erst die Onside-Kick-Blamage bei den Dallas Cowboys und die 39:40-Schlappe trotz eines 20-Punkte-Vorsprungs im ersten Viertel sowie eines 26:7 und 39:24 im weiteren Verlauf. Inklusive einer Sieg-Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent.

Nun waren es in Week 3 gegen die Chicago Bears "nur" noch 99,6 Prozent, der Vorsprung im letzten Viertel betrug 16 Punkte. 

Doch das 26:30 gegen die Bears war nicht einfach nur die zweite Schlappe trotz komfortabler Führung in Folge. 

Nein, das letzte Viertel geriet zur ultimativen Demütigung, nachdem die Bears Mitch Trubisky auf die Bank setzten und Nick Foles das Spiel retten sollte. Er tat es, und wie: Mit drei Touchdowns führte er die Bears zum Sieg. 

Und die Falcons, die mindestens in die Playoffs wollten, stehen bei 0-3. Und Quinn mit dem Rücken zur Wand.

Und auch der Spott kommt stets reflexartig.

Laut "ESPN" hat es in den vergangenen 20 Jahren kein Team in der NFL geschafft, in einer Saison zwei Spiele zu verlieren, bei denen man zweimal einen 15-Punkte-Vorsprung im letzten Viertel verspielte.

Die Falcons schaffen es in einer Woche.

Seit 2016 ist es für die Falcons die fünfte Niederlage trotz eines 16-Punkte-Vorsprungs. Kein anderes Team hat laut "ESPN" mehr als zwei solcher Niederlagen.

Weil es gerade so schön schmerzt, noch eine weitere Statistik: Die Bears stehen seit 1940 bei 3-144, wenn sie im letzten Viertel mit 16 und mehr Punkten zurücklagen. Zwei dieser drei Siege holten sie in den vergangenen 14 Tagen. Seit 2010 lautet die Bilanz der NFL-Teams, die mit diesem Rückstand ins finale Viertel gingen: 6-646.

"Nichts weniger als vernichtend"

Da Quinn das Geschäft kennt, weiß er, was nun wohl kommen wird. Er versucht deshalb gar nicht erst, die Lage schön zu reden. Er betonte aber auch, dass er seine Energie nicht damit verschwendet, sich Gedanken über seinen Job zu machen.

"Die letzten zwei Wochen und deren Ende waren nichts weniger als vernichtend", sagte er nach dem Spiel: "Es ist in allen Bereichen meine Aufgabe." Auch der Versuch, das Blatt wieder zu wenden. Denn noch ist er der Trainer der Falcons.

 

"Wenn du in die Enge getrieben wirst, kämpfst du härter und gräbst tiefer, und ich denke, das wird dieses Team tun", sagte er.

Das Team will genau das. "Wir stehen hinter ihm. Wir müssen als Spieler besser spielen", sagte Quarterback Matt Ryan.

Doch auch er weiß: Einen Sündenbock gibt es immer. 

Andreas Reiners

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