Seit 2019 leitet Kliff Kingsbury die Geschicke der Arizona Cardinals. - Bildquelle: imago images/Icon SMISeit 2019 leitet Kliff Kingsbury die Geschicke der Arizona Cardinals. © imago images/Icon SMI

München/Glendale - In seinem zweiten Jahr als Head Coach führt Kliff Kingsbury die Arizona Cardinals aktuell zielsicher in Richtung Playoffs.

Der 41-Jährige hat einen langen Weg hinter sich und trifft am Sonntag ausgerechnet auf den Klub, bei dem er seine ersten Schritte in der NFL ging: die New England Patriots (Sonntag, ab 18:00 live auf ProSiebenMAXX und ran.de).

 

Prominenter Fürsprecher

Viele Experten und Fans staunten nicht schlecht, als die Arizona Cardinals den damals 39 Jahre alten Kliff Kingsbury vor zwei Jahren als neuen Cheftrainer vorstellten. Zum einen war der gebürtige Texaner Teil einer neuen und vor allem jungen Generation von NFL-Head-Coaches, andererseits sprach sein Resümee nicht unbedingt für eine solche Aufgabe.

Von 2013 bis 2018 war Kingsbury Head Coach der Texas Tech Red Raiders und wurde letztlich mit einer negativen Bilanz von 35-40 gefeuert. Ein Punkt der wiederum für ihn sprach, waren die Quarterbacks, die unter seiner Führung die College-Welt aufmischten.

"Ich freue mich wirklich sehr für Coach Kingsbury und seine Familie. Die Cardinals bekommen einen hervorragenden Football-Coach und einen noch besseren Menschen", gab Patrick Mahomes, ein ehemaliger Schüler Kingsburys, freudig zu Protokoll, der wenig später als NFL-MVP ausgezeichnet wurde. 

"Ich bin überzeugt, dass er eine wichtige Rolle darin gespielt hat, mich auf den nächsten Schritt (die NFL; Amn. d. Red) vorzubereiten. Ich bin ihm dafür sehr dankbar. Das ist eine unglaubliche Möglichkeit für ihn und ich weiß, dass er das beste aus ihr machen wird."

Neben Mahomes spielte auch Heisman-Trophy-Gewinner Baker Mayfield einst unter Kingsbury.

Harter Sturz auf den Boden der Tatsachen

Kingsburys Debütsaison in Arizona glich einer Achterbahnfahrt. Nachdem er es im Vorfeld bereits groß angekündigt hatte, machte Kingsbury Kyler Murray zu seinem neuen Quarterback und ließ Josh Rosen, den die Cardinals erst zwölf Monate zuvor an der 10. Stelle gedraftet hatten, nach Miami ziehen.

Die Umsetzung der sogenannten "Air-Raid-Offense", einem Angriffsstil der sich vornehmlich auf ein zermürbendes Passspiel konzentriert, erfolgte nur schleppend, ebenso wie der unmittelbare Erfolg: Arizona und Kingsbury beendeten die 100. NFL-Saison mit einer Bilanz von 5-10-1.

"So etwas schlechtes habe ich noch nie gesehen. Wir konnten nicht mal einen Yard erzielen", erinnerte sich Kingsbury im Februar dieses Jahres an das Auftaktspiel gegen Detroit in der Saison 2018. Den Cardinals gelangen in der ersten Hälfte tatsächlich insgesamt nur 53 Yards.

"Ich war an der Seitenlinie noch nie so nervös, alles was wir versuchten glich einem Desaster."

In der zweiten Saisonhälfte trug Kingsburys Arbeit dann langsam Früchte, sodass sich der Offensiv-Guru vorerst keine Sorgen mehr um seinen Job machen musste. "Mittlerweile bin ich dann doch ganz gut angekommen", scherzte er dann im Februar, einige Monate nach dem Detroit-Desaster.

Eine neue Ära

Gut angekommen ist auch die gewagte Offensiv-Taktik, die in ihrer jetzigen Ausführung so noch nie in der NFL vorkam. 

Die Gründe für den Erfolg der Cardinals sind vielseitig, konzentrieren sich aber vornehmlich auf zwei Personalien: Quarterback Kyler Murray und Wide Receiver DeAndre Hopkins.

Im Vergleich zu seiner Debütsaison hat Murray einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht, mit 2.644 Passing und 619 Rushing Yards, sowie insgesamt 29 Touchdowns, zählt Murray in seinem erst zweiten Jahr zum erweiterten Favoritenkreis für die diesjährige MVP-Auszeichnung.

Die Verpflichtung von Star-Passempfänger Hopkins ist eine weitere Komponente, die Kingsburys System zurzeit so erfolgreich macht. Hopkins wird meist von zwei Verteidigern gedeckt und erlaubt anderen Spielern so Freiheiten, die Murray im Passspiel ausnutzen kann.

Zudem gibt es kaum einen besseren Passfänger in der NFL als Hopkins. Drei Verteidiger deckten den Pro Bowler vor dem finalen Spielzug gegen die Buffalo Bills - die "Hail Murray" landete dennoch in den Händen von DeAndre Hopkins.

Der nächste Tom Brady?

Nach sechs Siegen aus zehn Spielen stehen die Cardinals auf dem siebten Platz in der NFC und würden damit an der Wild Card Runde der Playoffs teilnehmen. Ein Sieg gegen die schwankenden New England Patriots (4-6) würde die Ausgangslage noch einmal verbessern.

Für Kingsbury selbst ist das Spiel gegen den sechsmaligen Super-Bowl-Sieger von besonderer Bedeutung. Im Draft 2003 entschieden sich die Patriots an der 201. Stelle für einen jungen Spielmacher von der Texas Tech University - sein Name: Kliff Kingsbury.

"Wir mochten seine Intelligenz", erklärte Scott Pioli, der damals zum Staff der Patriots gehörte. "Wir haben es sehr geschätzt, dass er unter einem cleveren Coach gespielt hatte, zudem passte er gut zu unserem System."

Eineinhalb Jahre zuvor hatte ein gewisser Tom Brady, der 2000 an der 199. Stelle gedraftet worden war, seinen ersten Super Bowl gewonnen. Könnte sich eine solche Underdog-Erfolgsstory auch für ihn wiederholen?

"Das habe ich schon ein paar Mal gehört", gestand Kingsbury gegenüber "ESPN". "Einige Leute haben getuschelt, 'das Glück könnte zum zweiten Mal zuschlagen'. Dazu gekommen ist es dann allerdings nicht."

Filmanalyse statt Spielfeld

Doch anstatt die Patriots von Sieg zu Sieg zu führen, begann Kingsbury neben dem Training mit anderen jungen Angestellten des Klubs Spielszenen zu analysieren. "Er wollte lernen, er wollte das Spiel, die NFL, den professionellen Football kennenlernen", erklärte Patriots-Head-Coach Bill Belichick.

An der Seite von Matt Patricia (heutiger Head Coach der Detroit Lions) und Josh McDaniels (heutiger Offensive Coordinator der Patriots) arbeitete er sich durch Unmengen an Filmmaterial.

Eigentlich habe er nie vorgehabt ein Coach zu werden, vielmehr habe er von einer lange NFL-Karriere geträumt, berichtet Kingsbury. Er beschreibt seine Zeit in New England als "ungeheuer wertvoll".

"Ich habe in dieser kurzen Zeit mehr über Football gelernt, als an irgendeiner anderen Stelle meiner Laufbahn."

Ein Ring ist schon da

 

Im September 2004 war Kingsburys Zeit in New England dann aber auch schon wieder vorbei, allerdings darf er sich bis heute Super-Bowl-Sieger nennen (die Patriots gewannen Super Bowl XXXVIII gegen die Carolina Panthers; Amn. d. Red.).

Nach mehreren kurzen Stationen in der NFL, NFL Europe und der CFL wechselte Kingsbury 2008 an die University of Houston und begann dort seine Karriere als Football-Coach.

Am kommenden Sonntag hat er nicht nur die Chance seine aktuelle Erfolgsgeschichte mit Arizona weiterzuschreiben, sondern auch seinen einstigen Lehrmeister Bill Belichick zu bezwingen.

Bleibt Kliff Kingsbury weiterhin erfolgreich, könnte er schon bald einen weiteren Ring an seiner Hand tragen. Diesmal dann auch in einer leitenden Funktion.

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