Abschied für immer: Tom Brady verlässt den Rasen des Gillette Stadium nach d... - Bildquelle: Getty ImagesAbschied für immer: Tom Brady verlässt den Rasen des Gillette Stadium nach dem Playoff-Aus der New England Patriots gegen die Tennessee Titans © Getty Images

Foxborough/München - Es ist die einzige Gewissheit im Leben: Alles endet einmal. Ob früher oder später. Das gilt auch für die überaus erfolgreiche sportliche Beziehung zwischen Tom Brady und den New England Patriots. Nach 20 Jahren mit deutlich mehr Höhen als Tiefen beendete der "GOAT" die im Weltsport wohl einzigartige Liaison.

Gerade wegen der zahlreichen Triumphe und Rekorde, der lang anhaltenden Dominanz, stellt sich die Frage nach dem Warum. Sucht Brady in den letzten Jahren seiner Karriere einfach noch einmal eine neue Herausforderung? Will der sechsmalige Super-Bowl-Gewinner bei den Tampa Bay Buccaneers schlicht beweisen, dass er auch ein anderes Team anführen, außerhalb des "Pats"-Territoriums abliefern kann?

Brady soll sich von Patriots entzweit haben

Ein Teil der Wahrheit mag hinter all diesen Fragen stecken. Doch Seth Wickersham, der für "ESPN" von den Patriots berichtet, zeichnet auch ein anderes Bild. Das einer Entzweiung zwischen Star und Klub.

So etwas kann freilich in jeder guten Beziehung vorkommen. Muss aber in letzter Konsequenz keineswegs in einer Trennung münden. Gerade bei so lang anhaltenden Partnerschaften.

Doch bei Brady und den Patriots waren die in all den Jahren entstandenen Risse am Ende wohl schlicht nicht mehr zu kitten. Also: Where did it all go wrong?

Brady fühlte sich bei Deflategate allein gelassen

Der Anfang vom Ende kam laut Wickersham mit Deflategate. Oder besser: Bradys Bestrafung im Zuge des Skandals um die nicht ordnungsgemäß aufgepumpten Bälle im AFC Championship Game der Saison 2014 gegen die Indianapolis Colts (45:7).

Nach einem juristischen Wirrwarr mit NFL-Boss Roger Goodell und Brady in den Hauptrollen wurde Letzterer als Mitwisser zu einer Vier-Spiele-Sperre verdonnert, die er zu Beginn der Saison 2016 absitzen musste. Brady nahestehenden Personen zufolge habe er sich in dieser Situation allein gelassen gefühlt von den Patriots, besonders von Klubboss Robert Kraft und Head Coach Bill Belichick.

Bradys Spygate-Unterstützung für Patriots kein Faustpfand

Und das, obwohl Brady die Franchise im Spygate-Fall - die Patriots filmten während einer Partie verbotenerweise die Coaches der New York Jets am Spielfeldrand - immer verteidigt hatte. Dies kam für den Superstar noch erschwerend hinzu.

Seit Deflategate nahm Brady seinen Arbeitgeber also offenbar mit anderen Augen wahr. Deutlich kritischer jedenfalls. Dabei soll er selbst bereits Jahre zuvor für Verwunderung bei den Verantwortlichen gesorgt haben. Nach seiner Kreuzband-OP 2008 habe "TB12" mehr Zeit im heimischen Los Angeles verbracht als in Foxborough - also in unmittelbarer Nähe des Teams.

Trotz Missstimmung unterschreibt Brady 2010 Megavertrag

Dies habe zu Missstimmung bei den Vertragsverhandlungen 2010 geführt, berichtete "Yahoo". Dennoch einigten sich beide Seiten auf vier weitere gemeinsame Jahre und ein Gehaltsvolumen von 72 Millionen US-Dollar - der in absoluten Zahlen fetteste Vertrag in Bradys Karriere.

Dass er diese einmal außerhalb von New England fortsetzen würde, war auch 2017 nicht abzusehen. Dabei folgte im Herbst des Jahres laut Wickersham der Tiefpunkt der Beziehung. Stichwort: "TB12". Gemeinsam mit seinem engen Freund und Privattrainer Alex Guerrero promotete Brady offensiv Produkte seiner Marke, das Duo brachte auch das Buch "The TB12 Method" auf den Markt.

Brady verlässt Patriot Way mit "TB12"-Buch

Darin geben Brady und Guerrero Fitness- und Ernährungstipps. Für die Patriots, die ihre ganz eigene Philosophie fahren, ein Affront. Der Quarterback habe damals erstmals den sogenannten Patriot Way - an den sich jeder Angestellte strikt zu halten hat - verlassen, schreibt Wickersham.

Zudem hätten diverse "Pats"-Profis in der Folge Abstand vom Coaching-Staff um Belichick genommen. Der wiederum sah in Guerrero die Wurzel allen Übels und schränkte dem Brady-Kumpel den Zutritt auf das Teamgelände deutlich ein.

Vergebliche Hoffnung auf Vertragsverlängerung

Der große Knall war quasi vorprogrammiert. Doch Knackpunkt für Bradys Abkehr von den Patriots sei damals wie heute ein anderer gewesen: die vergebliche Hoffnung auf eine Vertragsverlängerung. Nachdem er öffentlich erklärt hatte, bis Mitte seiner Vierziger spielen zu wollen, hätte Brady einen neuen Kontrakt anvisiert. Der ihm im Idealfall garantiert hätte, als Patriot in Rente zu gehen.

Brady habe bezüglich seiner Zukunft schnell Klarheit gewollt und daher das Gespräch mit Belichick gesucht. Statt mit einer Einigung endete dieses jedoch im Streit. Auch bei Kraft, der im Gegensatz zu "The Hoodie" für Brady stets wie ein väterlicher Freund auftrat, habe er keinen Erfolg gehabt: Vom stets fröhlichen Klubbesitzer seien unterschiedliche Signale gesendet worden.

Auch Aussage von Kraft-Sohn dürfte Brady verwundert haben

Und auch dessen Sohn Jonathan sorgte bei Brady wohl nur für Kopfschütteln. Der Teampräsident betonte im Januar 2018, Brady müsse aufgrund seiner Verdienste zugestanden werden, selbst zu entscheiden, wann er nicht mehr für das Team spielen wolle.

Schlussfolgerung der Aussage wäre eigentlich ein neuer Vertrag gewesen. Doch der Signal-Caller wartete weiter vergebens.

Nach SB-Pleite gegen Eagles geht Brady auf Abstand

Es folgte eine der bittersten Pleiten in Bradys Karriere - das 33:41 gegen die Philadelphia Eagles, die mit ihrem Backup-Quarterback Nick Foles antreten mussten. Wie sehr diese Niederlage den erfolgsverwöhnten Patriots-Star geschmerzt haben muss, verdeutlicht eine weitere Wickersham-Anekdote. Mitarbeitern des Teams soll Brady im Nachgang gesagt haben, er werde nicht zurückkommen.

In den folgenden Wochen habe er Abstand zum Klub gesucht, sich gewissermaßen vom Team lösen wollen. Vielleicht die ersten aktiven Schritte auf dem Weg zur sich anbahnenden Trennung.

Brady-Vater erwartete ein böses Ende mit Patriots

In seinem zu dieser Zeit veröffentlichten Buch "Big Game" schrieb der Autor Mark Leibovich, Brady habe die Belichick-Kultur satt. Demselben Journalisten sagte Bradys Vater quasi eine Schlammschlacht voraus: "Es wird böse enden."

Davon ist zum Glück noch nichts zu spüren. Offiziell hat sich keine der beiden Seiten zum Ende der Zusammenarbeit geäußert. Dennoch steht für Wickersham fest: Er hat letztlich das vermisst, was ein glückliches Leben ausmacht - Wertschätzung zu spüren und seine Arbeit zu lieben.

Nur Brown-Verpflichtung bedeutet Lichtblick für Brady

Da brachte auch sein letztes Jahr bei den Patriots keinerlei Besserung. Einem "NBC"-Bericht zufolge soll Brady im August sogar kurz davor gestanden haben, das Training Camp aus Frust zu verlassen.

Einen kleinen Lichtblick bescherte ihm laut Wickersham die Verpflichtung von Antonio Brown. Doch der streitbare Star-Receiver wurde auf Betreiben von Belichick nach nur zwei Wochen wieder vom Hof gejagt. Was in Brady die Frage aufgeworfen haben soll: Was mache ich hier eigentlich?

Brady fühlte sich von Belichick missachtet

Der Regisseur auf dem Platz musste feststellen, dass die Siege fast ausnahmslos der bärenstarken Defense zu verdanken waren, während die Offense stagnierte. Freunden soll Brady erzählt haben, Belichick beachte die Offense kaum - denn die hätte in all den Jahren ohnehin zuverlässig abgeliefert.

So gab es für Brady anscheinend nach 20 unvergesslichen Jahren nur noch eine Option: Abschied. Bereits rund um den Super Bowl LIV - die ersten Februartage verbrachte der 14-malige Pro Bowler wie Kraft in Miami - soll sich im Lager des Patriots-Bosses der Eindruck verfestigt haben, Brady werde in wenigen Jahren nicht als Patriot in den Football-Ruhestand gehen.

Brady besucht Kraft und zieht Schlussstrich

Am 16. März dann griff der 42-Jährige zum Telefon und kündigte kurzfristig seinen Besuch bei Kraft an. Am Tag darauf erklärte der Milliardär vor Journalisten, er sei davon ausgegangen, Brady wolle über die Finalisierung des neuen Vertrags sprechen. Doch weit gefehlt: Der Quarterback teilte seinem Chef lediglich mit, er ziehe einen Schlussstrich und verlasse das Team.

Einen Tag später informierte Brady via Social Media die Öffentlichkeit. Und sorgte damit für ein nachrichtliches Erdbeben - trotz der Corona-Krise. Denn mit diesem Ende hatten wirklich nur die Wenigsten gerechnet. Auch wenn es sich mehr und mehr angebahnt hatte.

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