Auf Playoff-Kurs: die Buffalo Bills. - Bildquelle: imago images/Icon SMIAuf Playoff-Kurs: die Buffalo Bills. © imago images/Icon SMI

München – Der Schatten der großen Bühne muss nicht immer schlecht sein. Oder anders gesagt: Man kann auch im Dunkeln wachsen. Manche brauchen das sogar, um dann aufblühen zu können.

Die zweite Reihe. Die Abgeschiedenheit. Der Windschatten. Unter dem Radar. Also dort, wo man gerne mal auf die leichte Schulter genommen, nicht für voll oder ernst genommen, schlicht und ergreifend unterschätzt wird.

 

Die Buffalo Bills haben es sich dort bequem gemacht.

Gut für einen Witz

Es liegt in ihrer erfolglosen Historie, dass man die Franchise gerne abspeist. Ja, sie existieren. Ja, sie sind immer gut für einen Witz. 

Aber gut genug für die Playoffs? Nee.

Von 2000 bis 2018 hat es genau einmal für die Postseason gereicht und dabei ganze drei Mal für eine positive Bilanz. Verbunden mit dem Fakt, dass sie zwischen 1990 und 1993 viermal in Folge im Super Bowl standen und keinen gewannen, zementierte den Ruf als notorischer Verlierer. 

Die graue Maus, das hässliche Entlein. Unspannend, unsexy. Unmöglich ein Playoff-Team.

Warum sollte das 2019 anders sein?

Keine Frage: Der Spielplan meinte es gut. Auftakt bei den New York Jets, dann bei den Giants, gegen die Cincinnati Bengals, gegen die Washington Redskins, zweimal gegen die Miami Dolphins – Gegner mit positiven Bilanzen muss man suchen.  

Der Härtetest, die Chance, auf sich aufmerksam zu machen, wurde verpatzt: Gegen die New England Patriots am vierten Spieltag verloren die Bills 10:16. Und verschwanden in der Versenkung, zurück in den Schatten der Bühne. Besser als mies, aber eben auch nur biederer Durchschnitt. Niederlagen gegen die Eagles und Browns schienen das zu bestätigen.

Das hat sich inzwischen geändert. Denn am 13. Spieltag gab es ein Ausrufezeichen im Scheinwerferlicht. Thanksgiving, die Nation sah zu, wie die Dallas Cowboys filettiert wurden. Und plötzlich registrierten viele: Stimmt, die stehen ja bei 9:3 Siegen. Die einstige Lachnummer macht doch allen Ernstes ernst.

Vierte positive Bilanz seit 2000

Heißt zum einen: Es wird die vierte positive Bilanz seit 2000. Und vielleicht werden es auch die Playoffs. Möglicherweise sogar als Gewinner der AFC East, die Patriots stehen bei 10:2.

Doch welche Gründe gibt es für die Wandlung noch? Denn einfacher Spielplan hin oder her – so ausnutzen muss man das auch erstmal.

Motor des Teams und des Erfolgs ist Quarterback Josh Allen, der in seinem zweiten Jahr viele richtige Schritte in die richtige Richtung gemacht, sich in vielen Bereichen verbessert hat. Die Leute wussten auch vorher schon, wer er war. Jetzt hat er den Leuten auch gezeigt, was er drauf hat.

Der Nummer-sieben-Pick von 2018 ist athletisch, akkurat, dazu auch am Boden stark. 2018 kam er in zwölf Spielen auf 2074 Yards, zehn Touchdowns und zwölf Interceptions, dazu lief er für 631 Yards (acht Touchdowns). Er war damals vor allem fehleranfällig, allerdings auch nicht mit einer starken O-Line gesegnet.

2019 steht er bereits bei 2591 Yards, 16 Touchdowns und acht Interceptions, dazu lief er für 430 Yards und acht Touchdowns. Brachte er im Vorjahr nur jeden zweiten Ball zum Mann (52,8 Prozent), sind es inzwischen 61,5 Prozent. Sein Rating: Verbessert von 67,9 auf 88,3. Auch die Jungs um ihn herum liefern.

Er lernt aus Fehlern, minimiert sie, reift, im Arm, in den Beinen, aber vor allem im Kopf. Ähnlich wie Lamar Jackson bei den Ravens ist er durch seine flexiblen Fähigkeiten schwer auszurechnen. Die Kabine hat er hinter sich, auch durch seine Art, Druck auf seine und Lob auf alle Schultern zu verteilen.

Ein swaggy Gewinner

"Josh ist ein Gewinner und einfach nur swaggy", sagte Tackle Dion Dawkins. "Ein swaggy Typ mit einem Killerinstinkt. Als Offensive Lineman bin ich einfach froh, ein Teil dessen zu sein, was der Junge macht."

Ein Paradebeispiel ist eine Szene aus dem Cowboys-Spiel, zweites Viertel, 4th-and-1. Er lässt den Snap fallen, schnappt ihn sich und tankt sich mit einem Quarterback Sneak zum ersten Down durch. 

Swaggy.

"Josh hat ein verdammt gutes Spiel gemacht", sagte Trainer Sean McDermott. "Das vierte Down. Ich glaube nicht, dass ich das jemals zuvor gesehen habe. En phänomenales Play. Er war schlau mit dem Ball. Er hat mit dem Laufen und Passen einen guten Job gemacht."

Allen ist der Motor

Ist Allen der Motor, ist die Defense die Karosserie. Sie hält den Erfolg zusammen, ist nach Punkten und Yards pro Spiel die drittbeste der Liga. Aggressiv, dabei aber diszipliniert, fokussiert und koordiniert. Dazu erfahrener im Spiel und miteinander, so dass sie viele Aktionen besser antizipieren können. 

"Sie werden dich kriegen. Sie schlagen sich nicht selbst. Sie werden dich unter Druck setzen, geduldigen Football spielen, bis du geschlagen bist", sagte der frühere NFL-Coach und heutige CBS-Experte Bill Cowher: "Sie sind beeindruckend und wahrscheinlich eines der am besten gecoachten Teams, die man in der NFL sieht."

Und jetzt auch auf der großen Bühne. Am Sonntag empfangen die Bills die Baltimore Ravens, danach geht es zu den Pittsburgh Steelers und dann zu den Patriots, ehe zum Abschluss die Jets kommen. 

Es ist Zeit, aus dem Schatten zu treten.

Andreas Reiners

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