Nach dem Karriereende von Doug Baldwin (l.) muss Quarterback Russell Wilson ... - Bildquelle: GettyNach dem Karriereende von Doug Baldwin (l.) muss Quarterback Russell Wilson sich ein neues Lieblingsziel suchen. © Getty

München/Seattle – Auf den Draft in Nashville zurückblickend muss man den Seattle Seahawks ein großes Kompliment aussprechen. Kurz vor der Talenteauswahl war die Franchise aus dem hohen Nordwesten der USA mit fünf noch das Team mit den wenigsten Picks. Kurzerhand handelten Pete Carroll und Co. ein wenig herum – und die Seahawks fuhren mit satten elf neuen Spielern nach Hause.

L.J. Collier, D.K. Metcalf – nicht nur, dass die Seahawks wohl ein Faible für Spieler haben, deren Vornamen sich mit Buchstaben abkürzen, es wurden wichtige Needs in Angriff genommen. Wenn man nur den Draft betrachtet, ist also alles rosig gelaufen.

Das betrifft allerdings NUR den Draft.

Wer wird der neue Frank Clark?

Denn ansonsten blieb es alles andere als ruhig in der Offseason in Seattle. Im Gegenteil. Die hin und wieder von Erdbeben heimgesuchte Küstenregion im Bundesstaat Washington hat seit dem Super Bowl ein sportliches Beben hinter sich, das viele offene Fragen hinterlässt.

Zum einen wäre da der Trade von Frank Clark. Mit ihm haben die Hawks ihren besten Pass Rusher aus der vergangenen Saison abgegeben. Erstrundenauswahl Collier hat zwar sicherlich Talent. Ob er in seinem Rookie-Jahr aber – wie zuletzt Clark – auf ganze 13 Sacks in einer Spielzeit kommt, steht in den Sternen.

Vom Namen her eher zuzutrauen ist eine Clark-ähnliche Saison Ezekiel Ansah. Immerhin ist er bei den Detroit Lions in den Anfangsjahren seiner Karriere zum Star geworden. Allerdings birgt die Verpflichtung ein erhebliches Risiko. Denn Ansah unterzog sich erst während der Offseason einer Schulteroperation. Wann er wieder fit und vollständig einsatzbereit ist, ist unklar. Genauso wie keiner abschätzen kann, in welcher Form Ansah zurück kommt – in der von 2013 bis 2015 (30 Sacks in 46 Spielen) oder in der von 2016 und 2018 (20 Spiele, 6 Sacks).

Wer wird der neue Doug Baldwin?

Mit Clark ist der Star-Schwund allerdings noch lange nicht beendet. Größter Verlust: Wide Receiver Doug Baldwin. Der Passempfänger hat nach einer schweren Verletzung erst vor kurzem sein Karriereende verkündet. Baldwin arbeitete sich vom Undrafted Free Agent bis zum absoluten Lieblingsziel von Quarterback Russell Wilson hoch. Von 2014 bis 2017 war er jeweils mit Abstand der Leading Receiver des Teams.

Seine Rolle muss nun wer anders übernehmen. Favorit auf den Job ist Tyler Lockett. Als echter Nummer-eins-Receiver ist der 26-Jährige trotz guter Zahlen aus den letzten Saisons allerdings noch nicht in Erscheinung getreten. Und auch Rookie D.K. Metcalf muss trotz hoher Vorschusslorbeeren erst beweisen, dass er solch große Fußstapfen wie die eines Doug Baldwin füllen kann. Auf den Free-Agent-Markt zu schielen könnte sich lohnen – Stichwort: Michael Crabtree.

Aber auch mit einer weiteren Verpflichtung auf der Wide-Receiver-Position wäre die Tight-End-Gruppe in Seattle eher schwach besetzt. Nick Vannett und Will Dissly sind zwar gute Blocker, haben aber Probleme im Passing Game. Hierfür wurde in der vergangenen Saison eigentlich Ed Dickson verpflichtet. Als wirklich verlässliche Top-Anspielstation hat er sich aber auch noch nicht herauskristallisiert.

Was wird aus Germain Ifedi?

Russell Wilson hat also keinen leichten Job vor sich. Seine Passempfänger-Gruppe wirkt im Vergleich zu den Vorjahren doch sehr schwach besetzt. Und auch die Gruppe seiner Beschützer hat Schwachstellen. Mike Iupati ist zwar durchaus als Verstärkung anzusehen, kommt über die vergangenen zwei Saisons allerdings nur auf 11 Starts. Seine Verletzungsanfälligkeit könnte zum Problem werden.

Die größte Baustelle bleibt aber wohl auf der Right Tackle-Position. Germain Ifedi hat immer noch nicht bewiesen, warum er im Jahr 2016 einen First Round Pick wert war. Der 24-Jährige hat ein ums andere Mal das Nachsehen gegen die Top-Rusher der Liga, kassiert deshalb häufig Strafen. Allein in der vergangenen Saison bekam er zehn Strafen, die für die Seahawks einen Raumverlust von insgesamt 76 Yards bedeuteten. Zudem hat er aber auch einen großen Anteil daran, dass Russell Wilson in der vergangenen Saison 51 Mal und damit so häufig wie nie zuvor in nur einer Saison zu Boden gebracht wurde.

Passempfänger dünn besetzt, die O-Line könnte erneut zum wackligen Gebilde werden. Rosige Aussichten sind das nicht für Russell Wilson. Der kann sich immerhin über seinen Rekord-Vertrag freuen, den er im April unterschrieben hat. Die 140 Millionen, die der Spielmacher in vier Jahren einstreicht, nehmen allerdings auch einiges an Cap Space in Anspruch. Das macht weitere dicke Verträge schwierig – und sorgt erneut für Wirbel.

Was wird aus Bobby Wagner?

Denn auch Linebacker und Defense-Genie Bobby Wagner geht nun in sein letztes Vertragsjahr. Und genau wie Wilson auf seiner Position will die Tackle-Maschine zum bestbezahltesten Spieler unter den Linebackern werden. Dafür bräuchte es ein Jahresgehalt von über 17 Millionen Euro. Ob die Seahawks sich allerdings einen weiteren Mega-Vertrag leisten wollen und können, ist recht fraglich. Dementsprechend könnte in naher Zukunft auch die Linebacker-Position noch zur Baustelle im Seahawks-System werden. Und mit Wagner würde nicht nur ein wichtiger Spieler gehen – die Abwehr der Seahawks würde ihr Herzstück verlieren.

Den Seattle Seahawks steht eine spannende Saison bevor. Eine Saison voller Fragezeichen. Fragezeichen, die spätestens bis zum Februar nächsten Jahres in Ausrufezeichen umgekehrt werden sollte. Ansonsten droht der pazifische Nordwesten der USA von einem weiteren Offseason-Beben erschüttert zu werden.

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