Kehrt Colin Kaepernick in die NFL zurück? - Bildquelle: imago images/ZUMA PressKehrt Colin Kaepernick in die NFL zurück? © imago images/ZUMA Press

München – Steiler wird die "Vorlage" nicht mehr. 

Oder, anders gesagt, um ein NFL-Bild zu zeichnen: Der Moment steht frei in der Endzone. Fehlt nur noch der Pass.

Er wäre wegweisend, ein Zeichen, ein Erfolg, er wäre so vieles auf einmal. Vor allem wäre er wichtig. So einfach, so logisch.

Und am Ende offenbar doch so kompliziert.

Denn mehr als drei Jahre lang, seit seinem Vertragsende bei den San Francisco 49ers, sucht Colin Kaepernick ein neues Team. Der Quarterback ist bereit, er ist fit, er hat vor wenigen Monaten bei einem privaten Workout gezeigt, dass er immer noch einen extrem starken Arm hat.

Was er selbst seitdem nicht hat, ist ein Angebot.

Kaepernick als Politikum

Denn Kaep ist ein Politikum. Bei ihm geht es nicht um Leistung, um Statistiken, um Können. Wenn man gesehen hat, wer in den vergangenen drei Jahren eine Chance in der NFL bekommen hat, wer sich versuchen durfte, steht es außer Frage, dass der 32-Jährige immer noch einen guten Backup abgeben würde. Mindestens.

Bei ihm aber geht es um die Nebengeräusche, um den Charakter. 

Keine Frage: Kaepernick ist kein einfacher Mensch, einer mit klaren Vorstellungen und Prinzipien, was er durch das Bohei um sein Workout eindrucksvoll unterstrich, leider auch im negativen Sinne.

Teams, die im Milliarden-Universum NFL in der Regel ein möglichst unpolitisches und unproblematisches Bild abgeben und selten ein unnötiges Risiko eingehen wollen, weigerten sich, einen Spieler ins Haus zu holen, der mit seiner Vergangenheit für Kontroversen gesorgt hätte, für Schlagzeilen. Vom täglichen Umgang ganz abgesehen.

Seine Hymnen-Proteste waren bekanntlich sogar ein Fall für das Weiße Haus, für US-Präsident Donald Trump. Wie gesagt: ein Politikum.

Knallhartes Kalkül

Die Entscheidung gegen Kaepernick war also nicht unbedingt eine sportliche, sie war vor allem eine geschäftliche, mit knallhartem Kalkül, eine rigorose Rechnung: Lohnt sich eine Verpflichtung angesichts der Nebenschauplätze?

Das Ergebnis ist bekannt.

"Es war schwer, diese Entwicklung zu sehen, weil er so gut spielte und Dinge tat, die niemand getan hatte", sagte Quarterback-Kollege Alex Smith bei "ESPN". "Es ist verrückt, es ist so absurd, dass dieser Kerl keinen Job hat. Das war schwer vorstellbar und das ist es noch immer."

Das sagen viele, und das seit 2017, als sein Vertrag bei den 49ers endete.

Was sich viele Beteiligte jetzt verschämt eingestehen (müssen): Kaepernick hat mit seinen Protesten schon damals genau das angesprochen beziehungsweise angemahnt, was mit dem Tod von George Floyd nun eine ganze Nation eindrücklich vor Augen geführt bekommt: Die USA haben ein Problem mit Polizeigewalt und Rassismus, mit der Diskriminierung von Schwarzen.

Damals protestierten Kaepernick und einige andere Spieler friedlich, mit einem Kniefall bei der US-Hymne. 

Heute brennen die Innenstädte.

"Die Luft ist aufgeladen"

"Die Emotionen sind groß. Die Temperatur ist heiß. Die Luft ist aufgeladen", sagte Raiders-Besitzer Mark Davis: "Aber das Haus deines Bruders niederzubrennen ist letztendlich nicht die Antwort. Wir müssen den Leuten nicht nur sagen, dass etwas nicht stimmt. Wir müssen Lösungen finden. Das ist die Herausforderung vor uns. Nicht nur als Amerikaner. Aber als Menschen."

 

Natürlich ist eine Verpflichtung von Colin Kaepernick nicht die ultimative Antwort, geschweige denn eine Lösung für die Probleme.

Fraglos aber hat der Sport die Kraft, wichtige Zeichen zu setzen, ein Statement mit Wirkung. Zum Beispiel das Zeichen, aus Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Dass man Verantwortung übernimmt. Der ehemalige NFL-Sprecher Joe Lockhart forderte deshalb zum Beispiel die Minnesota Vikings auf, Kaepernick zu holen.

Nichts einfacher als das. "Ich trainiere immer noch fünf Tage die Woche. Ich bin bereit für einen Anruf, ein Training zu jedem Zeitpunkt. Ich warte immer noch darauf, dass die Eigentümer und ihre Partner vor dieser Situation nicht mehr davonlaufen", hatte Kapernick immer wieder betont.

Wie gesagt: Der Moment steht frei. Es muss nur noch jemand den Ball werfen.

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