Colin Kaepernick: Chance oder Farce? - Bildquelle: 2019 Getty ImagesColin Kaepernick: Chance oder Farce? © 2019 Getty Images

München - Es war chaotisch. Bizarr. Seltsam. Ein bisschen unwirklich.

Aber war das Workout von Quarterback Colin Kaepernick am Samstag in Atlanta auch erfolgreich? Ist es eine echte Chance? Oder war der ganze Rummel nur eine Farce? 

ran.de beantwortet die Fragen rund um das Training.

Warum hat Kaepernick ein privates Training veranstaltet? 

Im Vorfeld kam es zu zahlreichen Dissonanzen zwischen dem Team von Colin Kaepernick und der NFL. Dabei ging es vor allem um Organisatorisches und Rechtliches. Viele Kleinigkeiten wie die Namen der Receiver, die der Trainer, Zugang für die Medien, die das Ganze nach außen wie einen Kindergarten aussehen lassen. 

 

"Da stimmte etwas nicht", sagte Kaepernicks Agent Jeff Nalley. "So etwas ist noch nie passiert. Roger Goodell hat gesagt, dass sich die Liga nicht in Personalentscheidungen einmischt. Warum jetzt? Von Anfang an schien es seltsam. Wir mussten Colin in diesem ganzen Prozess beschützen." 

Das Chaos um das Training zeigt, dass das Misstrauen zwischen Kaepernick und NFL immer noch groß und das Verhältnis schwierig ist, auch wenn man sich nach dem Hymnenstreit und den ganzen Folgen außergerichtlich einigte. 

Warum die kurzfristige Absage? 

An dem Workout war alles kurzfristig. Die Ansetzung am Dienstag durch die Liga für Samstag, die für große Diskussionen über Sinn und Unsinn auslöste. Angeblich hatte Kaepernick nur zwei Stunden Zeit, zuzusagen. Auch die Ansetzung an einem Samstag sorgte für Kopfschütteln.

Wie "Yahoo Sports" berichtet, begann die Kaepernick-Seite irgendwann, alternative Pläne zu schmieden, organisierte eigene Receiver und einen alternativen Austragungsort. Als sich am Samstag weiterhin keine Einigung abzeichnete, vor allem in der Frage der Transparenz, zog man die Reißleine. Wie zerrüttet das Verhältnis immer noch ist, zeigt die spontane NFL-Mitteilung, in der man zurückschießt und der Kaepernick-Seite in einigen Dingen widerspricht.

Wie lief das Training? 

40 Minuten lang zeigte Kaepernick weniger, wie fit er ist, sondern was er als Quarterback noch kann. 

Laut NFL-Insider Adam Schefter von "ESPN" hat eine Führungskraft der NFL den Arm von Kaepernick als "Elite" eingestuft. Er sei nach wie vor so stark wie zu der Zeit, als er aus dem College kam. Kaepernick habe beim Passen überzeugen können. 

Kollege Ian Rapoport fügte hinzu, dass Kaepernick 60 Würfe zeigte, keine Läufe oder Beweglichkeitstraining. Er sei in guter Verfassung gewesen, schnell, wobei er Schwächen bei der Genauigkeit zeigte. "Gut genug für einen Platz im Kader", heißt es, insgesamt sei es ein guter Auftritt gewesen.

Das Problem: Durch den kurzfristigen Umzug zu der rund einer Autostunde von Atlanta entfernten High School waren nur noch acht NFL-Teams mit Vertretern vor Ort, vor dem Trainingsgelände waren es zuvor 25 gewesen. 

 

Aber: Allen 32 Teams werden die Aufnahmen vom Training zur Verfügung gestellt.

Was hat es mit dem T-Shirt auf sich? 

Der ganze Tag sollte ein Statement sein. Colin Kaepernick hat allerdings jede Möglichkeit genutzt, um gleich mehrere zu setzen, natürlich auch politische.

Selbst seine Kleidung nutzte er, denn der Super-Bowl-Teilnehmer von 2013 trug bei dem Training ein T-Shirt mit dem Aufdruck Kunta Kinte. Kunta Kinte ist eine Figur aus dem Roman "Roots" von Alex Haley aus dem Jahr 1976, in dem die Geschichte der Sklaverei über mehrere Generationen hinweg erzählt wird.  

Was sagt Kaepernick selbst? 

Nicht allzu viel. Seine Autogrammsession waren ein Vielfaches länger als sein Gespräch mit den Journalisten. 

Er gab ein rund 90-sekündiges Statement ab. Er betonte, dass er bereit sei. "Wir warten darauf, dass die 32 Besitzer, die 32 Teams, Roger Goodell, alle aufhören, vor der Wahrheit davonzulaufen, vor den Leuten davonzulaufen. Wir sind hier und bereit zu spielen. Mein Agent Jeff Nalley ist bereit, mit jedem Team zu sprechen. Ich bin bereit für Interviews mit jedem Team, zu jeder Zeit."

Wie sind die Reaktionen der Teams? 

Im Moment gibt es noch keine, im Zuge des elften Spieltags dürften sich aber einige Beobachter äußern. 

Allerdings gab es sie ja vorher, indem kein Team Kaepernick verpflichtet hat, obwohl es theoretisch genug Gelegenheiten gab.

Und es ist nicht so, als hätte Nalley es nicht bei allen 32 Teams versucht. Keines wollte ein Workout mit dem 32-Jährigen. Deswegen ist Nalley auch "ein bisschen pessimistisch". Aber: "Er hat allen gesagt, dass er in Form ist. Jetzt kann es jeder sehen."

Was ist es denn jetzt: Chance oder Farce? 

Wohl mehr eine Farce denn eine echte Chance. Kaepernick wird es egal sein, viel zu verlieren hatte er sowieso nicht und konnte so zumindest zeigen, wie er nach drei Jahren Pause drauf ist.

Es gibt aber nicht wenige die sagen, dass er seine letzte Chance, wenn es denn eine gab, mit dem bizarren Ablauf selbst torpediert hat. Vorwürfe kommen auf, dass er das Scheinwerferlicht ein wenig mehr aufdrehen wollte. Dass er nie ernsthaft an einem Comeback interessiert war, sondern nur an noch mehr Selbstdarstellung.

Was man dazu sagen muss: In einer Liga wie der NFL sind Querköpfe wie Kaepernick nicht immer gerne gesehen, und das ist nicht einmal auf seine politischen Ansichten bezogen. Die Teams bestimmen bei einem Engagement die Bedingungen, nicht die Spieler.

Er hat mit seinem chaotischen Workout und den eigenen Regeln bewiesen, dass er kein einfacher Charakter ist. Negative Schlagzeilen waren immer eine Befürchtung der Teams bei einer Verpflichtung. Samstag überwogen sie, und das nicht einmal aus politischen Gründen. Auch dank der Liga, die bei der ganzen Scharade auch nicht gut wegkommt.

Der Tag unterstreicht aber die Kontroverse, die Kaepernick immer noch auslöst: Die einen feiern ihn für all das, was am Samstag passiert ist. Die anderen schütteln nur noch mit dem Kopf. Einen Sieger gibt es heute, auch drei Jahre später, leider immer noch nicht.

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