Top-Talent im Fokus: Justin Herbert. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressTop-Talent im Fokus: Justin Herbert. © imago images/ZUMA Press

München - Das Geschäft mit den Talenten ist unerbittlich. Unromantisch. Knallhart. Die Auslese beginnt bereits jetzt, und sie zieht sich durch die kommenden Monate. Sie ist erbarmungslos.

Nachwuchsspieler sind noch Rohdiamanten. Sie müssen geschliffen werden, geformt, auf den Weg gebracht werden. Sie sind oft ein Versprechen, das allerdings nicht immer eingelöst wird. 

Die NFL-Teams setzen alles daran, um die Wahrscheinlichkeit, beim Draft in Las Vegas (23. bis 25. April) einen Treffer zu landen, zu maximieren. 

Justin Herbert weiß das. Er hat sich bereits vor einem Jahr mit dem ganzen Bohei um die Talentejagd auseinandergesetzt, galt als absoluter Top-Pick, als mögliche Nummer 1. Und entschied sich gegen den Draft. Und für sein Senior-Jahr bei den Oregon Ducks.

Schlau? 

Ob das so schlau war, wird sich zeigen. Denn das Scheinwerferlicht auf dem College musste er in der Saison 2019 anderen überlassen. Joe Burrow, der mit den LSU Tigers die Meisterschaft gewann, ist jetzt die potenzielle Nummer eins. 

Burrow und Tagovailoa im Fokus

Im Mittelpunkt wird auch Tua Tagovailoa stehen, bis zu seiner Verletzung der College-Superstar. Er hat sich während seiner Reha zum Draft angemeldet und wird eine Menge Aufmerksamkeit abgreifen.

Im Schatten der beiden Top-Talente und in Konkurrenz zu anderen Teilnehmern wie Jalen Hurts (Oklahoma) oder Jordan Love (Utah) will nun Herbert seine Aktien verbessern: Der 21-Jährige nimmt in dieser Woche am Senior Bowl teil. Für Quarterbacks in ihrem Senior-Jahr eine gute Gelegenheit, sich früh zu zeigen. Trainiert werden die beiden College All-Star-Teams von den Detroit Lions und den Cincinnati Bengals.

Die Bengals haben den ersten Pick im Draft, Burrow gilt als sichere Wahl des schlechtesten Teams der Saison 2019. Doch Burrow ist nicht vor Ort, und so hat Herbert die Chance, nicht nur die zahlreichen Scouts, sondern auch NFL-Trainer von sich zu überzeugen. 

 

Denn das sind längst nicht alle: Bei Herbert gehen die Meinungen teilweise weit auseinander. Top-Ten-Pick. Bei anderen Mock Drafts wird er weiter hinten in Runde eins geführt, teilweise sogar nur in Runde zwei. Die generellen Qualitäten auf dem Platz sind unbestritten: Groß, 1,98 Meter ist er, ausgerüstet mit einem starken Arm, athletisch, beweglich. Der Junge ist mit den Waffen ausgerüstet, um ein Franchise-Quarterback zu werden.

Doch die Zweifler verfolgten ihn schon im Vorjahr, was mit ein Grund für die Verlängerung am College war: Ist er der Rolle gewachsen? Ist er ein Anführer? Ist er charismatisch genug? Kommt er mit dem Druck klar? Mit Kritik?

Zu ruhig, zu leise, zu soft

Das Urteil lautete oft: Keine Ausstrahlung, zu ruhig, zu leise, zu soft, unreif. Die sozialen Medien meidet er. Wo es bei anderen eine kluge und reife Entscheidung wäre, wird bei Herbert gefragt, was er denn zu verstecken habe.

Offensive Coordinator Marcus Arroyo schenkte Herbert auf dem College das Buch: "Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking" (Leise: Die Kraft der Introvertierten in einer Welt, die nicht aufhören kann zu reden). Arroyos Frau, eine Psychologin, markierte Stellen in dem Buch, die Herbert helfen sollten. Fürsprecher sagen, seine menschlichen Qualitäten sind ebenso unbestritten wie trotz seiner Zurückhaltung hilfreich für ein Team.

Ein Ohr abkauen

"Ich glaube, die Leute machen sich Sorgen um Führungsqualitäten und dass ich ein ziemlich ruhiger Typ bin", sagte Herbert der "Palm Beach Post". "Aber ich würde sagen, ich bin nicht zu leise. Ich werde dir dein Ohr abkauen. Es gibt Dinge, bei denen ich transparent sein möchte. Und ich will mich gut zeigen."

Dass das funktionieren kann, bewies Daniel Jones, der nach dem Senior Bowl als Sechstrunden-Pick zu den New York Giants ging.

Zu der mentalen Komponente kommen zwar die spielerischen Mängel, die es auch gibt. Unkonstant war er, fehlerhaft, traf falsche Entscheidungen in wichtigen Momenten. Im Alter von 21 ist das aber nichts, was nicht verbesserungsfähig wäre. 

Das Potenzial ist da: In seinen vier Jahren kam er auf 10.403 Passing Yards, 95 Touchdowns, 22 Interceptions und eine Completion Percentage von 63,9 Prozent. Das Senior-Jahr bestand aus 3471 Yards, 32 Touchdowns und sechs Interceptions, inklusive des Sieges im Rose Bowl gegen Wisconsin.

Parallel überstand er in seinen vier Jahren drei Head Coaches, drei Offensive Coordinator und zwei große Systemänderungen schadlos - ein dicker Pluspunkt für Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Was bleibt, ist die Charakterfrage. Introvertiert und Quarterback - das beißt sich.

Aus der Komfortzone raus

"Ich denke, ich war zu Beginn meiner Karriere ziemlich ruhig", sagte Herbert. "Ich war schüchtern. Aber im Laufe der Jahre bin ich aus meiner Komfortzone herausgetreten. Ich zwang mich, mich unwohl zu fühlen. Ich habe mich irgendwie selbst gefunden."

In der Woche vor dem Senior Bowl am 25. Januar kann er bei diversen Einheiten und in vielen Gesprächen zeigen, was er kann. Die Bengals haben ihn unter ihren Fittichen.

"Er hat alle beeindruckenden Tools, die man bei einem Top-Quarterback im Draft sucht", sagte Bengals-Trainer Zac Taylor, der ein Gefühl dafür bekommen möchte, wo Herbert mental steht. "Wir wissen, was berichtet wird, aber das ist einer der Vorteile des Trainierens beim Senior Bowl: Man kann ihn in Besprechungen coachen, um zu sehen, wie schnell er die Informationen auf das Feld bringt." 

Denn viel Zeit hat Herbert nicht: Das Geschäft mit den Talenten ist unerbittlich. 

Andreas Reiners

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