Mike McCarthy soll die Dallas Cowboys zurück auf die Erfolgsspur führen - Bildquelle: imagoMike McCarthy soll die Dallas Cowboys zurück auf die Erfolgsspur führen © imago

Dallas/München - Eine neue Ära soll bei den Dallas Cowboys beginnen - und zwar die Ära von Mike McCarthy.

Am Montag gab der der langjährige Cheftrainer der Green Bay Packers bekannt, ab sofort neuer Head Coach der Dallas Cowboys zu sein.

Mike McCarthy gehörte zu den begehrten Trainern auf dem freien Markt. Auch die New York Giants hatten ihre Fühler nach ihm ausgestreckt und in der vergangenen Woche zum Gespräch eingeladen. Die Wahl des 56-Jährigen fiel nun allerdings auf die Cowboys.

Er übernimmt eine Mannschaft, die als "America's Team" mehr Aufmerksamkeit generiert als jede andere NFL-Mannschaft. Er ist verantwortlich für das Team einer Franchise, die laut dem Wirtschaftsmagazin "Forbes" die wertvollste der gesamten Sportwelt ist.

Aber er ist nun auch verantwortlich für eine Mannschaft, die seit 24 Jahren nicht mehr im Super Bowl stand und in Jerry Jones einen exzentrischen Eigentümer hat.

Mike McCarthy und die Dallas Cowboys - passt das überhaupt zusammen?

Super-Bowl-Sieg mit den Packers

Der Trainer wurde 2006 zum Head Coach der Green Bay Packers ernannt und war fast 13 Jahre für die Franchise verantwortlich. Sein größter Erfolg war der Super-Bowl-Sieg in der Saison 2010.

Rückblickend lässt sich allerdings fragen: Ist ein Super-Bowl-Sieg zu wenig? Schließlich hatte er in Aaron Rodgers und Brett Favre zwei der besten Quarterbacks der NFL-Geschichte unter seinen Fittichen.

Immerhin: Seine Gesamtbilanz beläuft sich auf 125 Siege, 77 Niederlagen und 2 Unentschieden. Auch in den Playoffs ist die Bilanz mit 10-8 positiv.

Ebenfalls positiv: McCarthy ist es aus Green Bay gewohnt, für eine renommierte Franchise mit hohem Erfolgsdruck zu arbeiten. Diese Erfahrung dürfte ihm in Dallas helfen.

Kann McCarthy Prescott weiterentwickeln?

McCarthy ist ein offensiv geprägter Trainer, war vor der Packers-Station bei verschiedenen Teams als Offensive Coordinator sowie Coach für die Quarterbacks und Wide Receiver verantwortlich. In Dallas erwartet ihn nun die von den Yards her beste Offense der regulären Saison.

Dass er junge Quarterbacks weiterentwickeln kann, hat er bei den Packers mit Rodgers bewiesen. In Dallas soll er nun die Entwicklung von Dak Prescott voranbringen. Das Problem ist nur: Prescotts Vertrag läuft aus - und eine Einigung ist nicht in Sicht.

Sollte das so bleiben, würde Prescott wohl per Franchise Tag an die Organisation gebunden werden. Die mangelnde Planungssicherheit wirkt sich bei vielen Spielern allerdings negativ auf die Motivation aus - keine ideale Voraussetzung für McCarthy.

Und wie wird die Zusammenarbeit überhaupt aussehen? In Green Bay genoss bzw. nahm sich Rodgers die Freiheit, Spielzüge bei Bedarf jederzeit abzuändern. Wird er dies auch Prescott zugestehen oder hält er den 26-Jährigen an der kurzen Leine? Könnte Prescott mit so viel Freiheit wie Rodgers überhaupt umgehen?

Laufspiel hatte bei McCarthy zuletzt keine Priorität

Noch spannender ist, wie die Zusammenarbeit mit Running Back Ezekiel Elliott aussehen wird. Bei den Cowboys lag der Laufspielanteil 2019 bei knapp 43 Prozent, 2018 sogar bei 45,4 Prozent.  

In Green Bay hingegen setzte McCarthy nicht allzu sehr auf das Laufspiel. 2017 waren 40,2 Prozent aller Spielzüge ein Laufspiel, 2016 sogar nur 37,6 Prozent. Aaron Jones gelang erst nach der McCarthy-Entlassung der Sprung vom talentierten Running Back zum Top-Star der NFL.

Nicht ohne Grund musste McCarthy zuletzt viel Kritik in Green Bay einstecken: Seine Trainingsmethoden und sein Offensiv-System galten als veraltet.

Doch es ist nicht auszuschließen, dass McCarthy sich seitdem taktisch weiterentwickelt hat. Dazu muss man wissen: Der Trainer hat das Jahr 2019 nicht teilnahmslos vor dem Fernseher verbracht, sondern war fernab des Scheinwerferlichts sehr aktiv.

Das Analytik-Projekt von Mike McCarthy

"The Mike McCarthy Project" war der Name einer Studie, bei der er sich mit anderen Trainern wie zum Beispiel Jim Haslett, ehemals New Orleans Saints, zusammentat, um die Entwicklung in der NFL analytisch aufzuarbeiten. Er soll sogar neue Messdaten entwickelt haben, um Footballspiele zu analysieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Inwiefern sich dadurch seine Philosophie verändert hat, wird sich ab der kommenden Saison bei den Dallas Cowboys zeigen - oder eben auch nicht.   

Coordinators: Moore behält Offense, Nolan übernimmt Defense

Derzeit arbeitet McCarthy daran, sich sein Trainerteam zusammenzustellen. Erste Gespräche soll er bereits am Montag geführt haben. Offensive Coordinator Kellen Moore hat wohl gute Chancen, seinen Posten zu behalten. Der 32-Jährige gilt als einer der größten Trainer-Talente und formte in seiner ersten Saison als OC die von den Yards beste Offense der NFL.

Die Funktion des Defense Coordinators wird laut "ESPN" Mike Nolan übernehmen, der zuletzt als Linebacker-Coach bei den New Orleans Saints tätig war.

Wie gut harmonieren McCarthy und Jerry Jones?

Entscheidend für den Erfolg der Cowboys wird sein, wie sehr McCarthy mit Jerry Jones harmoniert. Jones ist kein Besitzer, der seinen Trainern freie Hand lässt. Er möchte in jede Entscheidung mit eingebunden sein - oder trifft sie im Idealfall selbst.

Jones wirbt als Eigentümer und General Manager in Personalunion Spieler an und übernimmt das allherrschende Kommando während des Drafts. Er behält sich sogar das Recht vor, direkt in den Gameplan einzugreifen und entscheidet zum Beispiel über die Rotationen der Running Backs. So geschehen bei McCarthy-Vorgänger Jason Garrett.

Böse Zungen behaupten: Garrett hielt sich nur deshalb neuneinhalb Jahre in Dallas, weil er für Jones die perfekte Marionette war.

Ob McCarthy dieses Spiel auch mitmacht?

Klar ist, er hat wenig bis keine Erfahrung mit milliardenschweren und machtbesessenen Eigentümern wie Jones. Die Green Bay Packers sind der einzige Klub der NFL, der von einer Gesellschaft, nämlich der Green Bay Packers Inc., geführt wird und somit keiner Einzelperson untersteht.

In Green Bay Machtkampf mit Aaron Rodgers verloren

Machtkämpfe hingegen sind ihm nicht völlig unbekannt. In Green Bay soll er vor allem daran gescheitert sein, dass Quarterback Aaron Rodgers mit dem Spielsystem unzufrieden war.

McCarthy ist allerdings niemand, der Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg geht. "Konflikte sind gut", lautet ein typisches Statement von ihm.

Ob das auch für ihn und Jones gelten wird?

Immerhin sollen sich die beiden sympathisch sein. So sehr, dass der Trainer nach dem Jobgespräch sogar im Haus von Jones übernachtet haben soll.

Das soll natürlich nicht heißen, dass die beiden kuschelnd auf dem Sofa gesessen haben.

Das Haus von Jones ist dem Vernehmen nach rund 1300 Quadratmeter groß und stellt somit manch Hotel in den Schatten.

College-Trainer waren für Jones keine Option

Dennoch dürften gewisse Sympathien vorhanden sein.

Dass lediglich ein Tag zwischen der Entlassung von Jason Garrett und der Verpflichtung von McCarthy liegt, beweist, dass er der absolute Wunschkandidat von Jones war. College-Trainer wie Urban Meyer oder Lincoln Riley kamen für Jones nicht in Frage, weil die "Erfolgsquote von College-Trainern gering" ist.

Nun muss McCarthy beweisen, dass er die bessere Wahl ist.

Das Problem: In der Geschichte der NFL gelang es noch nie einem Head Coach, mit zwei unterschiedlichen Teams den Super Bowl zu gewinnen.

Nur wenn McCarthy das gelingt, lässt sich bei den Dallas Cowboys aber wirklich von einer neuen Ära sprechen.

Oliver Jensen

Du willst die wichtigsten NFL-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Nachrichten für die wichtigsten News Deiner Lieblings-Sportart. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.

US-Sport-Videos

US-Sport-News