Bill Belichick gab Einblicke in seine Draft-Strategie - Bildquelle: imago images / ZUMA PressBill Belichick gab Einblicke in seine Draft-Strategie © imago images / ZUMA Press

München - Tick, tack, tick, tack. Die Uhr läuft gnadenlos herunter. Beim NFL Draft 2020 (in der Nacht vom 23. auf den 24. April ab 1:45 Uhr live auf ProSieben MAXX und ran.de) müssen die Verantwortlichen innerhalb weniger Minuten die richtige Entscheidung treffen.

Die Hektik steigt von Runde zu Runde: Haben die NFL-Teams in der ersten Runde für ihren Pick noch zehn Minuten Zeit, so sind es in den weiteren Durchgängen nur noch zwischen sieben und vier Minuten.

Zwar haben alle NFL Teams ein Draft Board vorbereitet, sodass jeder Beteiligte noch einmal nachschauen kann, welche Spieler in welcher Runde gedraftet werden könnten. Die Picks der anderen Teams oder ein Trade machen allerdings oft jegliche Planung zunichte.

Schnelle Entscheidungen - und am besten die richtigen

Dennoch müssen die Teams eine Entscheidung treffen, wenn sie an der Reihe sind - schnell. Und vor allem: richtig.

Spätestens dann stellt sich die Frage: Was für einen Spieler brauchen wir überhaupt? Picken wir einen Akteur, auf dessen Position wir Bedarf haben? Oder nehmen wir einfach den besten Spieler, der noch verfügbar ist?

Mike Smith, ehemaliger Head Coach der Atlanta Falcons und zuletzt Offensive Coordinator der Tampa Bay Buccaneers, sagte einmal: "Die Philosophie meines Teams bestand immer darin, die Positionen zu besetzen, auf denen wir Bedarf haben."

Jerry Reese, der von 2007 bis 2017 General Manager der New York Giants war und die Franchise zu zwei Super-Bowl-Siegen führte, verfolgte eine andere Strategie: "Wir versuchten immer, den besten Spieler auszuwählen. Wir waren uns unserer Bedürfnisse bewusst, wollten aber auf jeden Fall nach dem besten Spieler suchen."

Bill Belichick sucht gute Spieler - "für welche Position auch immer"

Bill Belichick, der als Head Coach der New England Patriots die größte Dynastie der NFL-Geschichte aufgebaut hat, sieht das genauso. "Ich verstehe diese ganzen Draft-Need-Geschichten nicht", sagte er auf "patriots.com".

"Wenn Sie einen Spieler für die benötigte Position im Blick haben, dieser aber nicht gut genug ist, um diesen Bedarf zu decken, wäre das eine schlechte Wahl." Und weiter: "Es ist wichtig, gute Spieler zu finden - für welche Position auch immer."

Pat Kirwan, ehemaliger Director of Player Administration der New York Jets und späterer NFL-Analyst, ist ebenfalls ein Verfechter dieser Philosophie.

In seinem Buch "Take your eye off the ball" gab er Einblicke in die Arbeitsweise der NFL-Teams im Draft. "Wenn die Teams ihre Draft Boards finalisieren, platzieren sie jeden Spieler auf jeder Position in die Runde, die seine Note rechtfertigt. Alle Running Backs, die sie möglicherweise in der ersten Runde nehmen würden, stehen auf der Tafel zusammen, darunter die Running Backs mit Zweitrunden-Noten usw., bis runter zur siebten Runde."

Der Verlauf eines Drafts lässt sich allerdings nicht wirklich planen: "Nehmen wir an, wir befinden uns in der Mitte der vierten Runde. Alle paar Minuten fliegen Namen von der Tafel. Wichtige Entscheidungen werden in Hochgeschwindigkeit unter Hochdruck getroffen. Ein Team braucht vielleicht einen Quarterback und es stehen Quarterbacks mit Viertrunden-Noten zur Verfügung. Das könnte leicht zu einem klassischen bedarfsorientierten Pick führen."

Das wäre laut Kirwan allerdings oft nicht die beste Variante: "Vorher sollten die Entscheidungsträger einen kritischen Blick auf die Tafel werfen und prüfen, ob es nicht bessere Spieler gibt, die sie übergehen würden, wenn sie den Quarterback nehmen."

Ein Beispiel: "Vielleicht ist ja noch ein Defensive End mit Zeitrunden-Noten im Angebot. So gerne das Team auch die Position des Quarterbacks besetzen würde: Es ist immer schlauer, sich für den wertvolleren Spieler zu entscheiden."

Das Erfolgsbeispiel Aaron Rodgers

Ein Blick in die Vergangenheit unterstreicht das: Die Green Bay Packers benötigten beispielsweise überhaupt keinen Quarterback, als sie im Jahre 2005 Aaron Rodgers in der ersten Runde auswählten.

Brett Favre befand sich mit seinen 35 Jahren in einer herausragenden Form und hatte angekündigt, noch mehrere Jahre zu spielen. Lokale Medien und Fans kritisierten damals den Pick. Keine sechs Jahre später führte Rodgers Green Bay zum Super-Bowl-Sieg.

Auch wenn die meisten Experten dafür plädieren, immer den besten verfügbaren Spieler auszuwählen, wird das oftmals nicht praktiziert. Viele General Manager entscheiden nach dem jeweiligen Bedarf.

Erfolgszwang bestimmt die Strategie

Der Grund ist, dass sie oftmals zum schnellen Erfolg verdammt sind - anderenfalls wären sie ihren Job los.

Die logische Konsequenz: Sie suchen einen Spieler, der die Schwächen der jeweiligen Mannschaft möglichst sofort kompensiert.

Kirwan erklärt: "Wenn Eigentümer ungeduldig sind und kurzsichtige Coaches um ihren Job bangen, kommt es vor, dass der aktuelle Bedarf eines Teams die Draft-Entscheidungen beeinflusst."  

Umso spannender wird es zu beobachten sein, welche Teams beim Draft 2020 welche Strategie verfolgen - vor allem wenn die Uhr gnadenlos herunterläuft. Tick, tack, tick, tack.

Oliver Jensen

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