Derrius Guice. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressDerrius Guice. © imago images/ZUMA Press

München – Ein paar Klicks, und das Thema ist erledigt. Ausgelöscht. Nichts sehen, nichts hören, nichts lesen.

Keine Lust auf all die Fragen, die Kritik, die Vorwürfe.

Es wäre sonst wohl kompliziert geworden, denn Derrius Guice war ziemlich aktiv auf Twitter und Instagram. Beide Accounts hat er gelöscht, nachdem er wegen des Vorwurfs der häuslichen Gewalt erst verhaftet und kurz danach vom Washington Football Team entlassen wurde. 

Null-Toleranz-Politik

Unter dem neuen Trainer Ron Rivera herrscht in Washington eine Null-Toleranz-Politik, außerdem hat die Franchise selbst genug Skandals am Hals wie die Posse um den eigenen Namen und die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

 

Guice bestreitet die Vorwürfe und lässt über seinen Anwalt Peter Greenspun ausrichten, dass eine vollständige Überprüfung der Vorwürfe stattfinden werde, "im Gegensatz zu den Maßnahmen der örtlichen Strafverfolgungsbehörden und des Washington Football Teams, die das Schlimmste angenommen haben und jedem Sinn für Fairness und ein ordnungsgemäßes Verfahren widersprechen". 

Der Vorwurf des Guice-Lagers: Aktionen und Reaktionen, ohne dass die Anschuldigungen vollständig untersucht worden seien. Schließlich gilt ja auch in den USA noch immer die Unschuldsvermutung.

Guice kennt das Spiel durchaus, wenn man den Stempel eines schwierigen Charakters hat. 

Einmal Problemkind, immer Problemkind.

Denn die Vorgeschichte des 23-Jährigen ist speziell. Er galt 2018 als zweitbester Running Back hinter Saquon Barkley. Die Top Ten waren drin beim Draft, die Top 20 ein Muss. Bis Guice bis in die zweite Runde auf Platz 59 fiel, wo Washington zuschlug.

Fraglwürdiger Charakter

Um Guice gab es vor dem Draft eine Menge Wirbel, sein Charakter wurde massiv in Frage gestellt, seine Reife, seine Arbeitseinstellung und damit die Fähigkeit, es in der NFL zu schaffen. Während seiner Zeit auf der LSU, wo er sich von 2015 bis 2017 mit insgesamt 3074 Rushing Yards und 29 Touchdowns für die NFL empfahl, wurde er weder verhaftet noch suspendiert.

 

Offenbar waren es viele Kleinigkeiten. So soll er zu spät zu Pre-Draft-Meetings gekommen sein, mit den Eagles soll es eine Auseinandersetzung gegeben haben. Hinzu kamen Bedenken wegen seiner intensiven Social-Media-Präsenz und seiner Vorliebe für Videospiele. Ein fehlender Fokus wurde ihm attestiert. Wie ernst und vor allem fundiert diese Vorwürfe tatsächlich sind, ist letztendlich unklar.

Im NFL-Business reichen solche Bedenken, um ein Talent abstürzen zu lassen. Damals reagierte Guice auf die Vorwürfe, indem er sich für den Draft in unbedenkliche Schale schmiss, anstatt wie geplant etwas Flippiges anzuziehen. Bloß keine Angriffsfläche bieten. "Ich kann meine Persönlichkeit nicht wirklich zeigen. Jetzt muss ich diese Person sein, die ich nicht bin. Ich muss mich verstecken", sagte er damals.Für ihn kamen die Vorwürfe "aus dem Nichts".

In "The Bottom" aufgewachsen

Was bei ihm auch immer eine Rolle spielte, ist seine Herkunft. Guice ist in "The Bottom" aufgewachsen, einem Problemviertel in Baton Rouge, Louisiana. 

Eine Gegend, in der es zum Alltag gehört, dass man Angehörige oder Freunde aus der Umgebung an die Kriminalität verliert. Guice lernte die Härte dieses Lebens sehr früh.

Seinen Vater verlor er mit fünf Jahren, er wurde ermordet. Football wurde für Guice zum Rettungsanker, um es aus "The Bottom" zu schaffen. Von ganz unten nach ganz oben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da kam es schon mal vor, dass er seinem Trainer für ein Workout absagte, weil es gerade eine Schießerei vor seinem Haus gab. 

 

Guice selbst glaubt, dass es auch seine Art ist, mit der er schon mal aneckt. Das Lockere, extrovertierte Auftreten. Die Sprache. "Es ist die Art, wie ich Sachen beantworte. Sie sind an die 'Stanford-Leute' gewöhnt, die die Dinge perfekt beantworten. Ich antworte so, wie es verdammt nochmal ist, und daran sind sie einfach nicht gewöhnt." Was zu den Beteuerungen seiner früheren Trainer passt, die Sorgen um seinen Charakter seien unbegründet.

Frage nach der Reife

Doch auch in den zwei Saisons in Washington stellte sich oft die Frage nach seiner Reife, nach seiner Einstellung, ganz unabhängig davon, dass der hochtalentierte Guice wegen diverser Verletzungen nur fünf Spiele absolvierte. Doch die Erwartungen waren höher als das, was er lieferte.

Generell ist mit einer schwierigen Kindheit nichts entschuldbar, sie kann aber erklären, warum sich ein 23-Jähriger so verhält, wie er sich verhält, Entgleisungen wie häusliche Gewalt natürlich ausgenommen. 

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, gehört Guice bestraft, keine Frage, und das mit aller Härte. Sportlich ist er das bereits, das einstige Top-Talent ist tief gefallen, hat seine Karriere aufs Spiel gesetzt, womöglich zerstört. Ob er nochmal aufstehen kann?

Manchmal verhindert das auch die Vorgeschichte. Denn die kann man nicht mit ein paar Klicks auslöschen. 

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