München - Dominik Eberle lebt seinen Traum. Der gebürtige Nürnberger ist direkt nach dem NFL-Draft 2020 von den Las Vegas Raiders als Undrafted Free Agent unter Vertrag genommen worden. Im exklusiven Interview mit ran.de spricht der deutsche Kicker über den Deal mit den Raiders, seine Ziele, wie er überhaupt zum American Football gekommen ist und das gemeinhin etwas schlechte Image eines Kickers innerhalb eines Team-Rosters.

ran.de: Herr Eberle, es ist vollbracht, Sie haben tatsächlich den Sprung in die NFL geschafft. Die Las Vegas Raiders haben Sie kurz nach dem Ende des NFL Draft als Undrafted Free Agent unter Vertrag genommen. Haben Sie überhaupt noch daran geglaubt, nachdem Sie beim Draft selbst 255 Mal nur zuschauen durften wie andere Talente gepickt wurden?

Dominik Eberle: "Ich hatte ja bereits vor dem Draft sehr viele Gespräche mit diversen NFL-Teams und da bekommt man dann schon ein Gefühl dafür, ob die eine oder andere Franchise ein ernstes Interesse an dir hat. Das war vor allem bei den Las Vegas Raiders, den New England Patriots und den Indianapolis Colts der Fall. Mit diesen Teams habe ich sehr viel gesprochen, wir haben uns ausführlich ausgetauscht und die Raiders haben mir sehr früh signalisiert, dass sie zwar in der sechsten und siebten Draft-Runde keinen Pick mehr haben, sie mich aber sofort unter Vertrag nehmen würden, wenn ich im Draft selbst nicht von einem anderen Team gepickt werden würde – und so kam es dann ja auch. Ich hatte noch vor der Corona-Krise ein Workout mit den Raiders, was super verlaufen ist, und ich hatte auch sofort ein richtig gutes Gefühl, was die Coaches betrifft. Sie sind für mich also eine absolute Top-Wahl. Die Patriots haben sich ja auch bereits während des Drafts für Justin Rohrwasser als Kicker entschieden, mit dem ich noch kurz zuvor einige Wochen zusammen gewohnt habe, als wir in Buffalo gemeinsam trainiert haben. Ich habe mich dementsprechend auch extrem für ihn gefreut."

ran.de: Wie lief die Kontaktaufnahme der Raiders ab? Wie muss man sich das vorstellen?

Eberle: "Nachdem mein Agent den Raiders die Zusage gegeben hatte, bekam ich einen Anruf von deren Special-Teams-Coach Rich Bisaccia, der mit gratuliert und ausführlich erklärt hat, wie es nun die kommenden Wochen für mich weitergehen wird und was ich zu erwarten habe."

ran.de: Wie haben Sie reagiert?

Eberle: "Das ist ein Gefühl, das man gar nicht richtig beschreiben kann. Wenn dich ein Team im Draft oder auch direkt danach auswählt, dann weißt du, dass sie dich auch unbedingt haben wollen und Potenzial in dir sehen. Das macht dich einfach nur glücklich. Und ich bin unendlich dankbar, diese Chance bei den Las Vegas Raiders erhalten zu haben."

ran.de: Und wie haben Sie die frohe Botschaft gefeiert?

Eberle: "Ganz entspannt. Ich war mit meinen Eltern und meiner Schwester zu Hause, wir haben den Draft im Fernseher angeschaut und dabei ein bisschen gegrillt. Nichts Wildes also (lacht)."

ran.de: Inwiefern waren Sie eigentlich schon enttäuscht, weil Sie während des Draft noch leer ausgegangen sind – immerhin hatte beispielsweise die „New York Post“ Sie als drittbesten Kicker im diesjährigen Draft gelistet?

Eberle: "Es war für mich zunächst einmal eine große Ehre, von manchen Experten vor dem Draft so hoch eingestuft zu werden. Damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Allerdings spielt das für mich auch keine allzu große Rolle, für mich geht es darum, dass ich auf dem Feld meine Kicks mache und meine Trefferquote so hoch wie möglich halte. Das ist mein persönlicher Antrieb, ich will auf dem Rasen mit Leistung überzeugen. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich Sebastian Vollmer bei den New England Patriots mit Tom Brady zusammen spielen gesehen habe, als sie gemeinsam Super-Bowl-Siege einfuhren. Das ist schon total irre und dient mir schon auch ein wenig als Vorbild. Entsprechend dankbar bin ich nun, mich in Las Vegas beweisen zu dürfen."

ran.de: Auf welches Team haben Sie persönlich am meisten gehofft?

Eberle: "Mir ging es tatsächlich überhaupt nicht um ein bestimmtes Team, sondern einzig und alleine um die Möglichkeit, mich in der NFL beweisen zu dürfen."

ran.de: Wie sehen die kommenden Wochen nun für Sie aus?

Eberle: "Das ist aktuell leider aufgrund der Corona-Krise noch nicht wirklich abzusehen. Wir werden in den kommenden Wochen zunächst einmal virtuelle Meetings und Gespräche via Zoom haben und diverse Materialien zugeschickt bekommen. Alles Weitere wird sich dann ergeben, wenn die Krise vorbei ist. Jetzt müssen wir erst einmal das Beste aus der aktuellen Situation machen und dann freue ich mich natürlich auf den Moment, wenn es richtig losgeht."

ran.de: Wie halten Sie sich während der schwierigen Corona-Zeit persönlich fit? Wie sieht die genaue Vorbereitung auf die Raiders aus?

Eberle: "Ich habe Gott sei Dank ein paar Gewichte in der Garage (lacht). Ansonsten gibt es hier in der Nähe eine Privatschule mit einem Footballfeld, die sich bereit erklärt hat, Sportler unter Berücksichtigung der hygienischen Vorschriften auf dem Rasen trainieren zu lassen. Es dürfen immer nur maximal zehn Personen auf dem Feld sein und alle sind angehalten, Masken, also einen Mundschutz, zu tragen. So kann ich dann wenigstens in der aktuellen Phase meine Kicks trainieren. Natürlich sind das erschwerte Bedingungen, aber man muss sich darauf einlassen und dankbar dafür sein, überhaupt dort üben zu dürfen."

ran.de: Die Position des Kickers im American Football wird oftmals ja ein wenig belächelt, es heißt, dass sie auch im Locker Room manchmal einen schwierigen Stand haben. Wie gehen Sie damit um? Oder inwiefern können Sie dieses zweifelhafte Image widerlegen? Immerhin nutzen Sie bei Social Media ja ganz gerne mal den Hashtag #kickersarepeopletoo ...

Eberle: "(lacht) Der Hashtag war eher immer ein kleiner Scherz innerhalb unserer Teams an der Utah State University. Aber klar, die Position des Kickers ist schon eine spezielle, weil du dich nur auf eine einzige Aufgabe konzentrieren musst. Wir sind zwar Teil des Teams, aber wir trainieren zum Beispiel immer 30 bis 45 Minuten vor dem Rest der Mannschaft, machen unsere verschiedenen Kicks wie Kick-Offs oder Field Goals und sind dann quasi schon fertig, wenn die anderen auf den Trainingsplatz kommen. So wollen die Coaches die Kicker körperlich schonen, damit ihr Bein am Wochenende in Bestform ist. Mir war das ehrlich gesagt immer ein bisschen zu wenig – ich wollte immer mehr machen. Und so habe ich bei meinen Coaches im College Eigeninitiative gezeigt und sie gefragt, ob sie mich nicht zwei, drei Mal in der Woche im Training in Extremsituationen bringen können. Zum Beispiel indem wir ein Spiel simuliert haben – so habe ich zu Anfang einen Kick-Off gemacht, dann zwischendurch ein, zwei Field Goals und dann rund zwei Stunden später, nachdem ich ewig an der Seitenlinie stand, eine Art 'Game-Winning-Field-Goal'. Das trainiert die mentale Stärke und die ist aus meiner Sicht das Wichtigste bei einem Kicker – er muss immer und zu jeder Zeit bereit sein, seinen besten Kick abzuliefern. Ich kann mich noch erinnern, dass die Coaches uns immer einen Anreiz gegeben haben und uns so auch unter Druck setzten. Einmal musste ich ein Field Goal aus 44 Yards verwandeln, damit wir uns alle an der Smoothies-Bar bedienen durften – alle Augen waren also auf mich gerichtet. Aber Gott sei Dank habe ich getroffen (lacht)."

ran.de: Wie sind Sie eigentlich zum American Football gekommen? Sie sind ja in Nürnberg aufgewachsen und haben dort zunächst Fußball gespielt ...

Eberle: "Ich bin ja in Nürnberg aufgewachsen und habe dort bereits Fußball gespielt. Als ich dann mit 14 Jahren mit meiner Familie in die USA gezogen bin, habe ich den Sport weitergemacht und eines Abends nach dem Training noch Freistöße trainiert. Dabei ist mir einer dermaßen misslungen, dass der Ball über sämtliche Fangzäune geflogen ist. Da kam mein Kumpel auf mich zu und fragte mich, ob ich es nicht mal mit American Football versuchen wollen würde. Und das habe ich dann auch gemacht. In der High School habe ich dann kurze Zeit auch mal Safety und Linebacker gespielt, mich dann aber letztlich doch für die Position des Kickers entschieden. Das lag mir einfach mehr. Sicherlich auch wegen meiner Vorgeschichte als Fußballer."

ran.de: Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Kicker aus?

Eberle: "Die mentale Stärke. Ganz klar. Denn bei einem Kicker sieht man immer sofort das Ergebnis – entweder ist der Ball drin oder eben nicht. Wenn dir mal ein Kick misslingt, musst du das schnell abhaken und dich wieder auf den nächsten Versuch fokussieren. Jeder Kick muss mit der gleichen Intensität und Konzentriertheit durchgeführt werden, egal ob Kick-Off, Extra-Point oder 'Game-Winning-Field-Goal'."

ran.de: Wo sehen Sie Ihre Stärken und Schwächen? Was nehmen Sie aus Ihrer College-Zeit mit und wie sehen Ihre Ziele für die nächsten Wochen und Monate aus?

Eberle: "Meine Stärken sind sicherlich mein starkes Bein, ich kann den Ball sehr weit kicken. Und meine mentale Stärke, sowie mein persönlicher Fokus. Ich bin niemand, der sich von einem schlechten Spiel aus der Bahn werfen, der sich von so etwas beeinflussen lässt. Ansonsten darf man sich natürlich nicht ausruhen, muss immer bereit sein, jeden Tag dazu zu lernen. Ist keine wirkliche Schwäche, dennoch muss man das sicherlich beachten. Das ist letztlich auch das Motto, nach dem ich täglich lebe: ‚Jeden Tag kannst du was Neues lernen und dich verbessern’. Dementsprechend lese ich auch viele Bücher von anderen Sportlern, schaue mir Videos von anderen Kickern an oder gehe jeden Tag in den Kraftraum. Ich bin einfach sehr wissbegierig, will lernen. Meine persönliche Motivation ist enorm hoch."

ran.de: Kann aus Ihrer Sicht aus jedem Fußballer auch ein guter Kicker im American Football werden?

Eberle: "Das Talent, weit zu schießen haben sicherlich alle Fußballer – das sieht man nicht zuletzt ja auf manchen Videos, in denen Jungs wie David Beckham oder Harry Kane Field Goals schießen und sich somit mal auf dem Footballfeld ausprobiert haben. Aber natürlich steckt da auch eine ganze Menge Technik mit drin, die man erlernen muss. So einfach ist es dann also nicht."

ran.de: Sie haben an der Utah State University mit Quarterback Jordan Love zusammengespielt. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm und wie schätzen Sie die ganzen Diskussionen rund um seinen Draft-Pick durch die Green Bay Packers ein?

Eberle: "Klar, das bekommt man schon mit. Ich finde das ehrlich gesagt ein bisschen schade, weil die Kritik und das Unverständnis der Fans ihm nicht gerecht werden. Jordan ist ein Typ mit unfassbar viel Talent, der tagtäglich hart an sich arbeiten möchte. Vor allem ist er erst 21 Jahre alt und somit beispielsweise drei Jahre jünger als First-Overall-Pick Joe Burrow von den Cincinnati Bengals. Jordan hat somit noch enormes Potenzial und man sollte ihn in Green Bay für die Zukunft definitiv auf dem Zettel haben."

ran.de: Was trauen Sie Ihrem Ex-Kollegen in Wisconsin zu?

Eberle: "Ich kann nur sagen, dass Jordan ein Mensch ist, der immer gewinnen will. Egal wann, egal wo. Selbst bei Videospielen. Sein Ehrgeiz ist brutal und ich freue mich sehr für ihn, dass er sich jetzt bei den Packers beweisen darf. Ich glaube, sie werden viel Freude an ihm haben."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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