Gelungenes Debüt als Starter: Devlin Hodges. - Bildquelle: 2019 Getty ImagesGelungenes Debüt als Starter: Devlin Hodges. © 2019 Getty Images

München/Los Angeles - Devlin Hodges grinst, als er sich vor das Mikrofon stellt. Es ist vorher klar, dass er die Blicke bei der Pressekonferenz nach dem Spiel umgehend auf sich ziehen würde.

Was nicht nur an seiner Leistung, sondern auch an seinem Aussehen liegt. 

Football-Stars sind ja schon mal - nennen wir es exzentrisch - was ihr Outfit außerhalb des Feldes angeht.

 

Hodges fällt auch in diese Kategorie, wenn auch vielleicht nicht so extravagant wie zum Beispiel Cam Newton. Hodges ist passend zu seiner Vorgeschichte anders, aber bodenständig gekleidet.

Der Quarterback hat unter seinem Steelers-Hemd ein T-Shirt mit dem jungen Donald Duck drauf, dazu ein: "I'm The Boss, California."

Die Pointe ist billig. 

Im wahrsten Sinne des Wortes. Für fünf Dollar hat Hodges das Shirt einen Tag vor dem Spiel am Venice Beach in einem Geschäft erstanden. 

Nur Experten bekannt

Ein Gag, der zündet. "Es scheint, dass die Leute es lieben", lacht er.

Es liegt aber auch daran, dass er tatsächlich der "Boss" ist. Er führt die Steelers zu einem immens wichtigen 24:17 bei den Los Angeles Chargers, wirft für 132 Yards, einen Touchdown und eine Interception, bringt dabei immerhin 15 seiner 20 Pässe zum Mann. Ein ordentlicher Auftritt für einen dritten Quarterback, den vorher nur Experten kennen.

Oder Freunde der Entenjagd. Beziehungsweise des Enten-Lockrufs.

Es ist so eine Geschichte, wie sie die Amerikaner lieben. Sie saugen diese Aufsteiger-Storys, die Sagen der aus dem Nichts auftauchenden Nobodys förmlich auf. Über Unbekannte, die plötzlich und überraschend zu Helden werden.

Wenn das Ganze dann auch noch ein bisschen schräg ist, umso besser. 

Eine Hörprobe macht bereits die Runde.

Ernsthaft: Gibt es etwas Schrägeres als einen NFL-Quarterback, der mal Junioren-Weltmeister im Enten-Lockruf war?  

Nicht viel wahrscheinlich.

Champion beim "Junior World Duck Calling Contest"

Doch der heute 23-Jährige aus Kimberly im Bundesstaat Alabama gewinnt 2009 den sogenannten "Junior World Duck Calling Contest". Titel-fit wird er vorher von Entenruf-Legende Butch Richenback - wer kennt ihn nicht? - gemacht. In die Wiege gelegt bekommt er das Talent von seinem Vater, mit dem er zusammen mit seinem Bruder schon als kleines Kind auf Entenjagd geht. 

Mama Amy Hodges verrät, dass es früher Zuhause immer extrem laut war, und man verharrt kurz in dem etwas surrealen Moment, in dem man sich die Szene des Entenruf-Trainings in den heimischen vier Wänden vorstellt.

Kurios. Seltsam, aber auch witzig.

Und irgendwie auch beeindruckend, denn Hodges ist ein Naturtalent. 

"Er kann Monate damit verbringen, nicht einen Entenruf zu praktizieren, um am Ende doch einen Wettbewerb zu gewinnen", so Amy bei "ESPN". Wie 2018, als er die Alabama State Duck Calling Championship gewinnt. Seine Mutter stolz: "Ich vergleiche das gern mit einem Musikinstrument. Entweder du kannst es - oder eben nicht." 

 

Mit dem Football ist es ähnlich. Auch das kann Hodges, sogar auch ganz gut. 

Auf der Samford University knackt er in der Football Championship Subdivision für die Bulldogs die Rekorde. Seine 4283 Passing Yards 2018 sind immer noch Schul-Bestwert. In der gleichen Saison gewinnt er den Walter Payton Award für den besten Offensive Player, die Heisman Trophy der FCS.

Seine Vorgänger? Jimmy Garoppolo und Tony Romo.

Insgesamt kommt er in 45 Spielen auf 111 Touchdowns und 14.584 Yards, mit denen er den FCS-Rekord von Steve McNair bricht. "Duck", wie er im Locker Room wenig überraschend nur heißt, will sich seinen Traum von der NFL erfüllen, meldet sich zum Draft 2019 an.

"Er ist vielleicht der beste Spieler der FCS-Geschichte. Er hat vielleicht nicht den unglaublichen Arm wie Jared Goff, aber er ist nicht weit davon entfernt“, sagt Samfords Offensive Coordinator Russ Callaway.

Das sehen die NFL-Teams aber erst einmal nicht so.

Im Draft wird er nicht gezogen, geht dann als Undrafted Free Agent zu den Steelers, schafft den Cut nicht, wird dann aber ins Practice Squad zurückgeholt, als Josh Dobbs zu den Jaguars getradet wird.

Als sich Superstar Ben Roethlisberger verletzt wird er schließlich in den 53-Mann-Kader hochgezogen. Als sich dessen Ersatz Mason Rudolph ebenfalls verletzt, steht Duck am 5. Spieltag gegen die Baltimore Ravens plötzlich erstmals im Rampenlicht.

Immer davon geträumt

"Seit ich 5 Jahre alt bin und meinen ersten Touchdown-Pass geworfen habe, habe ich immer davon geträumt", sagt Hodges. "Es war ein holpriger Weg, vor allem in den letzten Monaten. Es war wild darüber nachzudenken. Ich habe immer an mich geglaubt. Ich habe andere Leute hinter mir und es ist einfach unglaublich."

Im Spiel bei den Chargers wird der Neue in aller Form unterstützt, bekommt nicht so viel Verantwortung aufgetragen wie Roethlisberger, rechtfertigt aber das in ihn gesetzte Vertrauen.

So gut, dass Center Maurkice Pouncey bei einem Snap ein Déjà-Vu hat, als er einen Fehler macht, den Hodges ausbügelt. "Er sah aus wie Ben. Er hat einen großartigen Job gemacht. Als er den Ball warf dachte ich: 'Das ist Ben. Ben hätte das gleiche getan.' Das war genial."

Welcher Backup nun den Starter macht, wenn Rudolph wieder fit ist - auf diese Frage will sich Head Coach Mike Tomlin nicht einlassen.

Die Fans sind auf alles vorbereitet: Für das Chargers-Spiel hatten sie sich bereits eingedeckt, mit Enten-Masken, Entenrufen oder Plakaten, die eine "Duck Season" ankündigen oder "Fear the Duck."

Wir kennen aber schon jetzt den Verkaufs-Renner für die kommenden Wochen: "I'm The Boss, California."

Ist ja schließlich eine billige Pointe.

Andreas Reiners

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